Die Unbestechlichen von der Klinik

4. April 2013, 19:08
posten

"Where is my place?": Kritische Performance-Reihe mit Lena Lieselotte Schuster, Sabine Marte und dem Duo Klitclinique

Wien - Performancekunst ist ganz Gegenwart. Sie kann nicht an die Wand genagelt, schön aufgestellt oder zu Spekulationszwecken in Safes versenkt werden. Denn sie produziert Aktion und nicht Aktien. Darauf macht die Performancereihe Where is my place? des Kunstraums Niederösterreich noch bis Anfang Mai aufmerksam.

Bereits der erste der drei anberaumten Abende erwies sich als knackig und kontrovers.

Bei Lena Lieselotte Schusters Arbeit Egotuning konnten die Besucher selbst ihren persönlichen H13-Niederösterreich-Preis für Performance basteln. Der "echte" Preis wird erst im September verliehen. Sabine Marte zeigte ihre Videoarbeit B-Star, untötbar! und eine Performance mit Puppe. Und die beiden feministischen Rapperinnen Judith Rohrmoser und Mirjam Schweiger wühlten als Label Klitclinique unter dem Titel No ass no backstage pass im ethischen Abfall der Politik.

Als Bonus nach dem von Denise Kottlett - bekannt unter anderem als Performerin beim Club Burlesque Brutal - kuratierten Abend machte das DJ-Kollektiv Schmuz schöne Musik.

Der Übertitel des Programms, "... from the heart!", ist eine Entlehnung aus dem Buch Hardcore from the Heart - The Pleasures, Profits and Politics of Sex in Performance aus der Feder der berühmten US-amerikanischen Performerin Annie Sprinkle. Was darauf hinweist, dass der Beitrag von Klitclinique den Angelpunkt für die Lektüre des Abends bildete. Das Duo setzt dabei an der oft zwielichtigen Backstagekultur an, in der sich Groupies an ihre Stars schmeißen und diverses Personal ganz wichtig tut.

In einer Pappendeckel-Hinterbühne nehmen die Rapperinnen ins Visier, was sie stört: die Institutionen sowieso, die Prostitution als Pop allgemein und die Politik im Speziellen. Sie geben sich als kämpferische Schlampen, die ihre kritische Theorie mit Genuss studiert haben. No ass no backstage pass ist schon beinahe ein Happening. Besucher entern die Bühne, das Ganze dauert zu lange und verläuft dann im Sand. Klitclinique bleiben unbestechlich und fransen nie ins Gekonnte aus.

Sabine Marte dagegen nutzt in ihrem kantigen Musical gezielt die Künste des Theaters. Ihre kopflose Fetzenpuppe mit Korsage und goldenen Schuhen wirkt wie die verstümmelte Version von Oskar Kokoschkas legendärer Alma Mahler-Nachbildung. Da passiert eine Begegnung im Hotel, ein durch ein Video erweitertes Drama mit Live- und Off-Stimmen. Diese Urversion von Martes Stück Hotel Totale, das 2012 im Brut-Theater zu sehen war, verbindet Ereignis und Projektion, das Anwesende mit dem Verborgenen zu einem spannenden Ablauf.

Eine dritte, installative Performance-Dimension bietet Lena Lieselotte Schuster an. Dicht an dicht auf Sockeln stehen in Egotuning Pokale und Trophäen, die von der Künstlerin umfunktioniert wurden. Die originalen Täfelchen sind durch solche ersetzt, auf denen die Namen von allerlei Kunstpreisen und -stipendien zu lesen sind. So wird mit Witz und Nachdruck die Abhängigkeit vieler Künstler von solchen Zuwendungen kritisiert. Zu Recht.    (Helmut Ploebst, DER STANDARD,  5.4.2013)

Nächster Abend der Reihe: 18. 4.

  • Das Duo Klitclique, hier bei einem "awkward dinner".
    foto: kunstraum nö / ruben wätte

    Das Duo Klitclique, hier bei einem "awkward dinner".

Share if you care.