Zwischen Lagerromantik und Leistungssport

19. April 2013, 17:04
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Das Angebot an Ferienlagern ist riesig. Es gibt welche für Kinder, die Schicksalsschläge bewältigen müssen - und geförderte Camps für sozial Schwache

Wer nach Sommerlagern für Kinder in Österreich sucht, bekommt den Eindruck: Im Sommer kann man zwischen Bodensee und Neusiedlersee kaum einen Fuß auf die Erde setzen, ohne mitten in einem Ferienlager zu stehen. Pfadfinderlager, Fußball-Kurs, Computer-Camp - das Angebot ist riesig. Die Jungschar bietet ihren Gruppen 430 Unterkünfte bei der Reiseplanung an; allein bei den Pfadfindern gibt es mehr als 300 Gruppen, die regelmäßig Lager veranstalten. Die Kinderfreunde betreuen als Österreichs größte Familienorganisation über 7.000 Kinder jährlich in den Ferien. Dazu kommen unzählige kommerzielle Anbieter. 

Von denen will Philipp Pertl, Pressesprecher der Pfadfinder und Pfadfinderinnen Österreichs, das eigene Sommerlager strikt abgrenzen: "Bei uns ist es ganzheitlich. Man meldet sich nicht einfach für ein Sommerlager an, man muss vorher schon in der Gruppe sein."Die Lager der Pfadfinderinnen und Pfadfinder dauern meist ein bis drei Wochen, die Älteren fahren auch ins Ausland: Norwegen, Schweden, USA. Pertl: "Die Kinder sollen eine Entwicklung durchmachen, sie sollen verstehen, wie ein Lager abläuft und Teamfähigkeit entwickeln. Bei uns ist deshalb auch viel Ausbildung nötig, bevor man Lager hauptverantwortlich organisieren kann – inklusive Pädagogik und Kinderpsychologie." Der Vorteil: "Wir haben nur Effektivkosten wie Reise oder Unterkunft. Die Betreuung ist ehrenamtlich." Deshalb kosten einzelne Lager nur 180 Euro.

Kajak, Klettern, Politisieren

Der ganzheitliche Ansatz von Einrichtungen wie den Pfadfindern bedeutet eine stärkere Bindung an die Gruppe und mehr Verpflichtungen. Manche Pfadfindergruppen finanzieren Auslandsreisen etwa über Flohmärkte – solche Zusatzaktivitäten wollen manche Eltern und Kinder aber nicht. In diesem Fall sind kommerzielle Anbieter die bessere Wahl, bei denen nur ein bestimmter Zeitraum gebucht wird. Möglich ist praktisch alles: Kajak, Klettern, Angeln, Biken, Drachenbootfahren, Fußball. Auch in Kombination mit Computer-, Theater-, Film-, Zirkus- und Kreativworkshops; mit Nachhilfe und Themen-Schwerpunkten vom Indianer- bis zum Hexencamp. Die meisten Camps kosten zwischen 300 und 400 Euro pro Kind, ausgefallene Angebote etwas mehr. Für Geschwister gibt es oft Rabatte. Politisch interessierte Jugendliche, denen weder katholische Jungschar noch die Pfadfinder behagen und denen Sport nicht unbedingt ein Anliegen ist, finden etwa in den legendären Camp der Sozialistischen Jugend am Attersee Gelegenheit für Austausch mit Gleichgesinnten.

Kicken mit Constantini

Ein Klassiker sind Fußballcamps. Zahlreiche ehemalige Profis von Ex-Teamchef Didi Constantini abwärts bieten Trainingslager für alle Alters- und Güteklassen an. Die Torwartschule von Helge Payer senior, Vater des ehemaligen Rapid-Goalies, veranstaltet im Sommer neben dem regulären Betrieb Intensivkurse. Die Camps sind in Himberg bei Wien und kosten 300 Euro – Übernachtung ist nicht vorgesehen. Payer: "Wenn sie fünf Kinder zusammen ins Zimmer legen, machen die kein Auge zu und sind am nächsten Tag todmüde. Wenn sie aber nach dem Training abgeholt werden, schlafen sie meist schon im Auto ein." Die Entwicklung der Kinder in dieser Woche sei dementsprechend "riesengroß". Wenn die Gäste eine weite Anreise haben, organisiert die Torwartschule aber ein Quartier. Das Camp besteht nicht nur aus Trainingseinheiten – die Kinder gehen auch baden.

Die richtigen Fragen

Das Angebot ist also riesig. Der Bedarf auch. Die Schulferien der Kinder sind schließlich länger als der Urlaub der Eltern. Neben den Camps und Lagern gibt es Events, die über den Sommer verteilt stunden- und tageweise stattfinden. Beim Wiener Ferienspiel, das es seit 1972 gibt, nehmen jährlich gut 200.000 Kinder an 200 verschiedenen Aktionen teil, die wenig oder nichts kosten. Das diesjährige Programm für Sechs- bis Zehnjährige wird im Juni präsentiert.

Worauf sollten Eltern und Erziehungsberechtigte bei so vielen Angeboten achten, wenn sie die richtige Ferien-Aktivität für ihre Kinder wählen wollen? Pfadfinder Pertl empfiehlt, sich ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen: "Wie wird dort Gemeinschaft gelebt, wie wird Teamgeist gelebt? Wie qualifiziert sind die Betreuerinnen und Betreuer? Gibt es dort Vielfalt, auch in religiöser und ethnischer Hinsicht?"

Wer soll das bezahlen?

Für viele Eltern stellt sich eine ganz andere Frage: Wer soll das bezahlen? Sozial schwache Familien können die Kosten für ein Sommerlager oft nicht stemmen. Kinderbetreuungskosten, dazu zählen auch Feriencamps, können zwar bis 2.300 Euro pro Kind und Jahr von der Steuer abgesetzt werden. Aber das hilft nur denen, die genug verdienen, um Steuern zu zahlen. Manche Bundesländer gewähren deshalb Zuschüsse für gemeinsame Familienurlaube und Kinder-Sommerlager – etwa Tirol. Außerdem schießen einige Krankenkassen ein paar Euro pro Kind und Tag zu.

Geförderte Urlaube

Der Verein Wiener Jugenderholung geht einen anderen Weg. Er bietet mit dem Jugendamt geförderte Urlaube an: 1.600 Plätze für Kinder und 2.200 für Familien und Alleinerziehende – unter anderem auf Bauernhöfen, bei Reitcamps und in Kreativwerkstätten. Die Preise für Kinderurlaube richten sich nach dem Familieneinkommen; zehn Tage Familienurlaub kosten 132 Euro pro Erwachsenem (Kinder gratis). Auch für Pflegeeltern gibt es eigene Angebote: In der Steiermark bietet etwa der Verein Rainbows Ferienlager für Kinder an, die Todesfälle oder die Trennung der Eltern bewältigen müssen (341 Euro pro Woche). Sie sollen sich dort mit Gleichaltrigen austauschen und ihre Erfahrungen mithilfe von geschulten Betreuerinnen und Betreuern verarbeiten. (red, derStandard.at)

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