Europas Pferde gehen auf nur sechs Stammväter zurück

6. April 2013, 17:58
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Wissenschafter der Vetmeduni Wien untersuchten die DNS von 600 Hengsten

Wien - Die moderne europäische Pferdepopulation gründet sich auf nur sechs Stammväter. Eine aktuelle Studie von Wissenschaftern der Veterinärmedizinischen Universität Wien zeigt, dass das Y-Chromosom bei mehr als 600 untersuchten Hengsten aus 58 vor allem europäischen Pferderassen kaum Unterschiede aufweist. Mit fünf Abschnitten dieses Chromosoms konnten die Forscher jetzt dennoch einen neuen Stammbaum für Zuchthengste im europäisch-asiatischen Raum erstellen. Dabei traten sechs gut unterscheidbare väterliche Abstammungslinien zutage.

Bei Säugetieren wird das nur bei Männchen vorkommende Y-Chromosomen von den Vätern an die Söhne weitergegeben. Dagegen geben nur die Weibchen die sogenannte mitochondriale DNA (mtDNA) an ihre Nachkommen weiter. Schon bisher wusste man, dass die mtDNA bei modernen Pferden sehr vielfältig ist und im Gegensatz dazu die Y-Chromosomen fast keine genetische Variabilität aufweisen. Barbara Wallner und ihre Kollegen vom Institut für Tierzucht und Genetik haben in ihrer Untersuchung diese bisherigen Befunde bestätigt.

Gleichzeitig haben sie auf den sich stark ähnelnden Y-Chromosomen fünf Regionen gefunden, die Variationen zeigten. Mit deren Hilfe konnten sie sechs unterscheidbare Linien, sogenannte Haplotypen, herausfinden. Der verbreitetste Haplotyp kommt in nahezu allen untersuchten Rassen verschiedenster Nutzungsrichtungen und geografischer Regionen vor. Ein zweiter Haplotyp tritt ebenfalls in hoher Frequenz auf, nicht aber bei Zuchtlinien aus Nordeuropa und der iberischen Halbinsel.

Ein Dritter findet sich in fast allen untersuchten englischen Vollblutpferden und in sehr vielen Warmblütern. Die übrigen drei Haplotypen treten nur bei lokal begrenzten Linien aus dem europäischen Norden auf: der vierte bei Islandpferden, der fünfte bei Fjordpferden aus Norwegen und der sechste Haplotyp bei Shetlandponys.

Hengste aus dem Nahen Osten

Durch Kombination dieser neuen genetischen Daten mit teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Zuchtbüchern konnten die Wissenschafter viele der heute existierenden männlichen Linien zu ihren väterlichen Wurzeln zurückzuverfolgen. "Beispielsweise spiegelt das Y-Chromosom eindeutig den enormen Einfluss der aus dem Nahen Osten importierten Hengste auf die zentral- und westeuropäische Pferdepopulation wider", so Wallner.

So sei einer der sechs Haplotypen durch eine Mutation entstanden, die einst im berühmten englischen Vollbluthengst "Eclipse 1764", seinem Sohn oder seinem Enkel auftrat. "Es ist verblüffend, zu sehen, wie groß der Einfluss dieser Zuchtlinie auf die modernen Sportpferde ist. Nahezu alle englischen Vollblutpferde sowie die Hälfte der modernen Warmblutpferdezüchtungen tragen den Eclipse-Haplotyp", erklärte die Wissenschafterin.

Die vom Menschen gesteuerten Züchtungsstrategien dürften auch der Grund für den großen Unterschied in der Diversität zwischen Y-Chromosom und mitochondrialer DNA sein. "Die meisten Pferdezuchtlinien entstanden in den vergangenen 200 Jahren. Während dieser Zeit änderte sich die Verwendung der Tiere vom Arbeitstier und Armeepferd hin zur heutigen Verwendung in Sport und Freizeit. Züchterisch wurde das durch die intensive und teilweise überregionale Verwendung von streng ausgesuchten Hengsten erreicht", so der leitende Autor der Studie, Gottfried Brem. (APA/red, derStandard.at, 06.04.2013)

  • Die Karte zeigt die Verbreitung der sechs bei Hengsten gefundenen Haplotypen (HT1-HT6) in Europa und Amerika.
    grafik: vetmeduni vienna/wallner

    Die Karte zeigt die Verbreitung der sechs bei Hengsten gefundenen Haplotypen (HT1-HT6) in Europa und Amerika.

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