Fahrradmechaniker als Lehrberuf

24. September 2013, 16:57
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In Österreich gibt es keine Möglichkeit, eine Fahrradmechaniker-Lehre zu absolvieren

"Früher bin ich lieber jeden Tag zur Tankstelle gefahren, statt den Schlauch, der immer ein bisschen Luft verloren hat, selbst zu wechseln", erzählt Gudrun Pollack von der Zeit vor dem Fahradmechanikerinnen-Dasein. Als die BikeKitchen ins Leben gerufen wurde, war sie von der ersten Stunde an dabei. Eine Weile habe es aber schon gedauert, bis sie Routine im Fahrradreparieren entwickelt habe, berichtet sie.

Heute arbeitet Pollack als Fahrradmechanikerin im Radhaus am Mittersteig. Im Jänner dieses Jahres hat sie die Fachprüfung bei der Wiener Mechatroniker-Innung absolviert. Mit ihrer Gewerbeberechtigung für das "Teilgewerbe Fahrradtechniker" ist sie nun befähigt, eine eigene Fahrrad-Reparaturwerkstatt zu eröffnen.

"Die meisten Fahrradmechaniker in Österreich haben keine Prüfung", weiß Pollack. Auf der einen Seite sei dadurch alles flexibler, auf der anderen Seite weniger Qualitätssicherung möglich. Diese liege in der Verantwortung jedes Unternehmens selbst.

Der Weg zum Fahrradmechaniker

Die Absolvierung einer Lehre wäre für Pollack nicht möglich gewesen, da der dreijährige Lehrberuf Fahrradmechaniker in den 1970er Jahren abgeschafft wurde. Das Argument lautete damals, er sei nicht mehr zeitgemäß.

Angesichts der steigenden Beliebtheit des Radfahrens und oftmals langer Wartezeiten bei Reparaturen stellt sich die Frage, ob die Fahrradmechaniker-Lehre nicht wieder eingeführt werden sollte. Unsere Nachbarländer Deutschland und die Schweiz haben das bereits realisiert. In Österreich setzen sich von institutioneller Seite unter anderem die Wirtschaftskammer (WKÖ) und die Mechatroniker-Innung dafür ein, die Arbeiterkammer (AK) zeigt sich dagegen skeptisch.

Wer heute in Österreich Fahrradmechaniker werden will, hat zwei Möglichkeiten, die beide in einer theoretischen und praktischen Prüfung über die Mechatroniker-Innung münden: das Selbststudium eines Fahrradtechnik-Lehrbuchs – was allerdings ausschließlich Absolventen einer Mechaniker-Lehre, einer berufsbildenden technischen Schule oder eines technischen Studiums samt mindestens einem Jahr einschlägiger Berufspraxis vorbehalten ist. 

Wer nicht über solche Qualifikationen verfügt, kann sich ans WIFI wenden, das in drei Bundesländern einen Lehrgang zum Fahrradtechniker anbietet. Ziel ist laut Programm, dass die Absolventen "Fahrräder sach- und fachgemäß instandsetzen sowie KundInnen auf den Gebieten Biomechanik, Radtraining und Ernährung beraten" können. Der Kurs umfasst 128 Einheiten in drei Modulen, dauert rund drei Wochen und kostet 2.700 Euro.

Wissen statt Informationen

Nach zwei Studienabschlüssen und fünf Jahren Praxis in der Bike Kitchen konnte sich Gudrun Pollack den WIFI-Kurs sparen und gleich zur theoretischen und praktischen Prüfung bei der Mechatronik-Innung antreten. Ihr Prüfer war einer der letzten amtierenden Fahrradmechanikermeister: Wolfgang Brunner. Seine Lehre hat er 1956 absolviert, seine eigene Fahrradwerkstatt in Wien-Ottakring betreibt er seit 1975. Darüber hinaus unterrichtet er am WIFI- Wien die angehenden Fahrradtechniker.

Brunner setzt sich für die Rückkehr des Lehrberufs Fahrradmechaniker ein: "Viele schrauben herum und wissen nicht, was sie da machen. Das Hintergrundwissen um Technologie, Maschinenkunde und Materialkunde geht verloren." Im Rahmen der Lehre sei unter anderem vermittelt worden: Was ist Stahl, was ist Aluminium? Wie lassen sie sich verarbeiten?

Brunner steht neuen Technologien positiv gegenüber, doch, er ist überzeugt, wenn man die alten Technologien nicht kenne, könne man mit den neuen nicht umgehen. "Ich bemühe mich zwar, die Grundlagen zu vermitteln, aber der dreiwöchige WIFI-Kurs ist einfach zu kurz", sagt Brunner. In erster Linie geht es ihm darum, den angehenden Fahrradmechanikern wieder entsprechendes Basiswissen zu vermitteln: "Sie müssen wissen, was sie tun, und nicht nur die Informationen haben."

Zu wenig Flexibilität am Arbeitsmarkt

Edith Kugi-Mazza, Leiterin der Lehrlings- und Jugendschutzabteilung der AK Wien, zeigt sich skeptisch: "Die Wiedereinführung des Lehrberufs Fahrradmechaniker hört sich gut an, weil Radfahren cool und super ist. In den Diskussionen hat sich aber gezeigt, dass der Umfang der Ausbildung zu gering ist. Ausbildungen zum Fahrradtechniker dauern derzeit rund 120 Stunden. Für eine dreijährige Ausbildungszeit sind zu wenige Qualifikationen in den Ausbildungsvorschriften enthalten, mehr könnten aber die Betriebe nicht ausbilden."

Es handle sich um ein Berufsbild mit nur wenigen Inhalten, das es nicht ermögliche, später auch mehrere Tätigkeiten auszuüben beziehungsweise in andere Berufe zu wechseln und sich so flexibel am Arbeitsmarkt weiter bewegen zu können. "Wir haben verschiedene Lösungen überlegt, aber wir sind zu keinen zufriedenstellenden Ergebnissen gekommen", sagt Kugi-Mazza.

Dass man als Fahrradmechaniker mehr als nur Reparaturtätigkeiten durchführen kann, beweist Gudrun Pollack – obgleich die Personal-Kapazität in solchen Bereichen naturgemäß begrenzt ist: Über ihre Reparaturtätigkeit hinaus leitet sie Workshops im Radhaus oder in der Bike Kitchen, ist in der Organisation der Wiener Radrettung aktiv und hat im Rahmen der Schulungseinrichtung SEBUS des Österreichischen Blindenverbandes sehbehinderte Menschen zu Fahrradmechanikern ausgebildet. 

Hufschmiede und Fahrradmechaniker

Besonders gern vermittelt Pollack ihr Wissen an Frauen und Kinder, denn die Reparatur von Fahrrädern scheint auch heute eine Männerdomäne zu sein. Immer wieder komme es zu Aha-Erlebnissen seitens der Kunden, die in die Radhaus-Werkstatt kommen und sich an die Fahrradtechnikerin wenden, berichtet die Mechanikerin: "Wo ist denn der Chef?" Auf ihre Antwort "das bin heute ich", folgt Staunen; allerdings meistens im positiven Sinn, wie Pollack betont.

Mehr als sechs Millionen Fahrräder gibt es laut Verkehrsclub Österreich (VCÖ) im Land, und mehr als 100.000 Pferde. Weshalb im Jahr 2010 der Lehrberuf Hufschmied wieder eingeführt wurde. Es handelt sich um einen bis 2016 befristeten Ausbildungsversuch, in dem die Lehrlinge über das Beschlagen der Pferde hinaus den richtigen Umgang mit den Tieren und die professionelle Kommunikation mit Kunden erlernen. Vielleicht eine Anregung, auch dem Lehrberuf Fahrradtechnik zu entsprechenden Inhalten zu verhelfen. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 24.9.2013)

  • Die Fahrradtechnikerin Gudrun Pollack bei der Reparatur ihres Tall-Bikes.
    foto: karl ernst

    Die Fahrradtechnikerin Gudrun Pollack bei der Reparatur ihres Tall-Bikes.

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