"Blöde Lesben, olle Schwuchteln"

4. April 2013, 16:29
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Ein neuer Infofolder gibt Tipps, um Homo- und Transphobie an der Schule abzubauen

In der Schule - einem zentralen gesellschaftlichen Schauplatz, an dem sich die herrschenden Verhältnisse widerspiegeln - sind homophobe und transphobe Beschimpfungen leider keine Seltenheit. Dennoch greifen hier LehrerInnen nicht immer dagegen ein - sei es, weil sie darin "kein Problem" sehen, sei es, weil sie glauben, dass sie das Verhalten und die Einstellungen ihrer SchülerInnen ohnedies nicht beeinflussen können.

Ein vor kurzem von der Berliner Humboldt-Universität herausgegebener Infofolder, der sich explizit an Lehrkräfte, Schulleitungen und ErzieherInnen richtet, versucht hier gegenzuhalten. Unter dem Titel "Wie können wir Homo- und Transphobie bei Kindern und Jugendlichen abbauen?" gibt er konkrete Anregungen und Tipps, wie man in der pädagogischen Praxis gegen Homo- und Transphobie vorgehen kann.

Diskriminierung verlernen

Die im Folder dargestellten Empfehlungen basieren auf einer wissenschaftlichen Erhebung, die 2011 und 2012 in Berlin - konkret an zwanzig Schulen und insgesamt fünzig Klassen zwischen der sechsten und zehnten Jahrgangsstufe - durchgeführt wurde. Fast 800 SchülerInnen, 27 KlassenlehrerInnen, 14 SchulleiterInnen und 13 ElternvertreterInnen nahmen an der Befragung teil.

Ein Auszug aus den Ergebnissen: 40 Prozent der SechstklässlerInnen und 22 Prozent der Neunt- und ZehntklässlerInnen verwenden das Wort "Lesbe" als Schimpfwort, bei "schwul" oder "Schwuchtel" sind es gar 62 Prozent bzw. 54 Prozent. Sprich: Homophobe Äußerungen sind bei sehr jungen SchülerInnen weiter verbreitet als bei älteren - ein Mitgrund, warum sexuelle Identität und Vielfalt bereits in der Grundschule thematisiert werden sollten, wie die AutorInnen der Studie schlussfolgern.

Mehr als zwei Drittel der KlassenlehrerInnen sagen zwar ihren SchülerInnen, dass Lesbischsein oder Schwulsein kein Problem sei - mit Unterrichtsmaterialien, in denen auch Lesben oder Schwule vorkommen, arbeitet aber nur ein Fünftel. Somit bleibe sexuelle Diversität im Unterricht weitgehend unberücksichtigt, während das Bild der Heterosexualität omnipräsent sei, kritisiert der Folder den Status quo. Das hat Folgen: "Viele heterosexuelle Jugendliche sammeln in ihrer Schulzeit ihre ersten Erfahrungen mit Liebe und Sexualität und zeigen Partner oder Partnerin stolz in der Öffentlichkeit. Lesbische, schwule, bisexuelle oder transgeschlechtliche Jugendliche verstecken dagegen ihre sexuelle Identität aus Angst vor Mobbing."

Aktive Anti-Mobbing-Politik

Der Studie zufolge stehen Schulen und Lehrkräften viele Möglichkeiten zur Verfügung, gegen Homo- und Transphobie vorzugehen und positiv auf die Akzeptanz von LGBT-SchülerInnen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) einzuwirken. Gerade der Umgang einer Schule mit sexueller Vielfalt sei auch Ausdruck dafür, wie sie generell mit Anderssein, Mobbing und sozialer Vielfalt umgehe. Anti-Mobbing-Leitbilder, zuweilen als bloße "Kosmetik" kritisiert, würden sehr wohl Wirkung zeigen: "Wenn die Schüler_innen wissen, dass im Leitbild ihrer Schule Mobbing geächtet wird, sind sie positiver gegenüber lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgeschlechtlichen Personen eingestellt", fasst der Folder zusammen. Und dies komme nicht nur LGBT-SchülerInnen zugute: "Darüber hinaus reduziert das Wissen um dieses Leitbild Mobbing generell."

Besonderes Gewicht erhält auch die Modellwirkung der einzelnen Lehrkräfte: SchülerInnen seien umso positiver gegenüber LGBT-Personen eingestellt, "je häufiger ihre Klassenlehrer_innen gegen Diskriminierung intervenieren. Diese wiederum intervenieren umso häufiger, je besser sie sich zu sexueller Vielfalt auskennen."

Mehr Handlungsmöglichkeiten für alle

Doch es geht nicht um sexuelle Diversität allein. Wie die Studie zeigt, hängen die Einstellungen der SchülerInnen zu LGBT-Personen deutlich mit ihren Sichtweisen auf Geschlechterrollen zusammen: "Dürfen Jungen Schwäche zeigen und Mädchen Fußball spielen? Oder wird nicht-geschlechtskonformes Verhalten missbilligt?", fragen die AutorInnen.

Immer wieder passiere es auch engagierten LehrerInnen, dass sie den SchülerInnen ungewollt vermitteln, wie sich ein "richtiger Junge" oder ein "richtiges Mädchen" zu verhalten habe. "Akzeptieren Sie es, wenn ein Mädchen mit einem Jungennamen oder ein Junge mit einem Mädchennamen angesprochen werden möchte", heißt es im Folder. "Hinterfragen Sie gegenüber Ihren Schüler_innen, warum Jungen sich nicht 'wie ein Mädchen' und Mädchen sich nicht 'wie ein Junge' verhalten dürfen. Dadurch erweitern Sie die Verhaltensmöglichkeiten aller Schüler_innen, unabhängig von ihrer sexuellen Identität." (red, dieStandard.at, 4.4.2013)

  • Je mehr SchülerInnen zu sexueller Vielfalt wissen, desto positiver ihre Einstellung gegenüber dieser Vielfalt und desto solidarischer ihr Verhalten gegenüber LGBT-Personen, sagt eine Studie der Berliner Humboldt-Universität.

    Je mehr SchülerInnen zu sexueller Vielfalt wissen, desto positiver ihre Einstellung gegenüber dieser Vielfalt und desto solidarischer ihr Verhalten gegenüber LGBT-Personen, sagt eine Studie der Berliner Humboldt-Universität.

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