Italien: Große leisten sich offene Sonntage

Reportage9. April 2013, 10:08
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Die Regierung Monti hat die Ladenöffnung völlig freigegeben. Familienbetriebe fühlen sich ausgeliefert

Gehandelt wurde unter den Bozner Lauben schon immer. Seit dem Mittelalter und an Werktagen. Am Sonntag nicht, da zieht es die Menschen eher in die Berge als zum Shoppen.

Geschäfte am Ostermontag offen

Das Erscheinungsbild dieser Bögen mitten in der Altstadt hat sich in den vergangenen Jahren aber stark gewandelt. Viele Ketten siedeln sich an, Familienbetriebe weichen. Die Mieten sind kaum noch zu bezahlen. "Unter den Lauben kann man kein Geschäft mehr haben, wenn einem das Haus nicht gehört", sagt Maria Stadler. Sie verkauft Wolle und Spitzenborten, in letzter Zeit auch Wohnaccessoires. Es gibt sogar Geschäftsleute, die selbst in eine Seitengasse übersiedelt sind, und das eigene Haus in bester Laubenlage an einen der großen Player vermieten. Das ist lukrativer.

Vor allem diese neuen Laubenbewohner sind es auch, die am Ostermontag geöffnet haben. Mehr als 20 Geschäfte sperren auf. In der Mittagszeit und am frühen Nachmittag aber sind nur wenige Kunden in den Geschäften. "Diese Öffnungszeiten können sich nur die Großen leisten", sagt Stadler am Tag danach im Gespräch mit derStandard.at.

Bis auf den letzten Platz besetzt sind an diesem Feiertag nur die Cafés am nahen Waltherplatz. Wer in der Stadt ist, der sitzt hier bei Espresso oder Aperitif. Es sind die ersten Sonnenstrahlen des Jahres.

Einnahmen steigen nicht

Durch die neuen, zusätzlichen Geschäftszeiten werden die Einnahmen ohnehin nur verschoben, sagt Hedwig Pfitscher von der Franziskanerbäckerei. Die Leute könnten deswegen ja nicht mehr Geld ausgeben. Ganz abgesehen davon könnte sich ihr Betrieb die neuen Zeiten auf Dauer gar nicht leisten. In einer Bäckerei müsse ja nicht nur in der Früh jemand hinter dem Budl stehen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wären natürlich auch alle Bäcker zu bezahlen - mit den entsprechenden Nacht- und Feiertagszuschlägen.

Auch Uhrmacher Dieter Nones bestätigt: Der Umsatz steigt am Wochenende nicht. Mit diesem Thema habe er in der Zeit vor Weihnachten Erfahrung gesammelt. Seit rund 15 Jahren haben so gut wie alle Geschäfte in der Bozner Innenstadt an jedem Sonntag im Advent geöffnet. Im Winter würden sich vielleicht noch ein paar Kunden in die Geschäfte verirren, sagt auch Evelyn Prader. Ihr Glasgeschäft liegt in einer Seitengasse im Zentrum. Im Sommer aber würden Einheimische wie Touristen lieber auf den Berg oder an den See gehen. Und bei schlechtem Wetter stehe ohnehin der Ötzi auf dem Urlaubsplan.

Ketten rechnen anders ab

Sie jedenfalls habe nicht vor, an den Wochenenden aufzusperren, die paar Sonntage im Advent reichten. An diesen habe sie sich von Kunden schon anhören müssen: "Ihr Geschäftsleute könnt wohl nie genug bekommen. Jetzt wollt ihr am Sonntag auch noch Kasse machen." Will sie nicht, sagt sie. Würde sie auch nicht. In diesem Punkt sind sich alle einig.

Pfitscher ist davon überzeugt, dass sich das Aufsperren am Sonntag nicht lange halten werde. Die Kosten seien zu hoch. Allerdings, wirft sie ein, rechnen die großen Ketten anders ab: Wenn es sich in Mailand oder Rom lohnt, aufzusperren, sei es wahrscheinlich egal, wenn man in Bozen ein paar Monate ein Minus schreibt.

Kleinhandel wichtig für die Stadt

Mit der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten wollte die Regierung Monti die schwächelnde italienische Wirtschaft ankurbeln. Vor allem der Großhandel setzte auf dieses Paket. Einkaufszentren, Supermärkte und Geschäfte kündigten unmittelbar nach Inkrafttreten der Reform zu Beginn des vergangenen Jahres an, an allen Feiertagen offen zu halten und die Ladenschlusszeiten auf 23 Uhr zu verlegen. So könne man mehr Kunden gewinnen und nach Angaben des Verbands der italienischen Einkaufszentren 300.000 Jobs schaffen.

Eine ganz andere Rechnung stellte die Region Latium an. Demnach gefährdet die Liberalisierung bis zu 100.000 Geschäfte und 300.000 Jobs. Auch Enrico Rossi, Präsident (Landeshauptmann, Anm.) der Region Toskana, sprach von einem "harten Schlag für die kleinen Geschäfte", ja sogar von einem "Geschenk an den Großhandel". Tatsächlich sind die Kleinhändler vom Konsumrückgang besonders stark betroffen.

Diktat der Großen

Auch ihr Betrieb könnte sich diese zusätzlichen Öffnungszeiten auf Dauer nicht leisten, sagt Stadler. Ob sich die Kleinen dem Trend hin zu längeren Geschäftszeiten auf Dauer aber verschließen können, könne sie nicht sagen, denn "die großen Ketten diktieren alles." Vor rund 15 Jahren habe eine damit begonnen, über Mittag offenzuhalten. Mittlerweile sperren nur noch wenige Geschäfte zu. Für sie selbst würden sich die Stunden über Mittag nicht  lohnen, sagt sie, die meisten ihrer Kunden seien Hausfrauen. Das liegt natürlich auch am Sortiment.

Auch Nones sperrt sein Geschäft über Mittag noch immer zu. Eine Rolex kaufe man nicht im Vorbeigehen, sagt der Uhrmacher, der auch Schmuck verkauft. So lange wie früher sei seine Pause allerdings nicht mehr. Würde er auch am Sonntag aufsperren, hätte er gar keine Zeit mehr für seine Familie. Er steht jeden Tag selbst im Geschäft.

Gewerkschaft und Kirche protestierten

"Unsere Gesellschaft lebt nicht von Konsum und Tourismus, sondern von lebendigen Familien, die auch Zeit füreinander haben müssen", betonten auch die Initiatoren einer Protestkampagne von Gewerkschaft und Kirche.

"Konsum kann nicht das einzige Modell sozialen Zusammenlebens sein. Daher muss der Sonntag in seinem Wert verteidigt werden", so die Chefin des stärksten Gewerkschaftsverbands CGIL, Susanna Camusso, im vergangenen Jahr. Die Pfarreien der Diözese Padua kündigten sogar eine "weiße Liste" der Geschäfte an, die den arbeitsfreien Sonntag respektieren.

Im Moment herrsche jedenfalls ein großes Durcheinander, sagt Pfitscher. Niemand wisse, wer wann wie spät und wie lange öffnet. Jedes Geschäft sei völlig frei. (Elisabeth Parteli, derStandard.at, 9.4.2013)

Wissen

Die italienische Regierung liberalisierte die Ladenöffnungszeiten mit 1. Jänner 2012. Bis zu diesem Zeitpunkt war die uneingeschränkte Öffnung an Sonntagen, Feiertagen und in der Nacht auf Tourismusorte und Kunstzentren beschränkt.

In Südtirol ist die Regelung erst seit Ende März in Kraft. Das Verfassungsgericht (Urteil 38/2013) kippte die Handelsordnung der Landesregierung. Diese hatte Einschränkungen vorgesehen.

  • Gehandelt wurde unter den Lauben schon immer - neuerdings auch am Wochenende.
    foto: derstandard.at/parteli

    Gehandelt wurde unter den Lauben schon immer - neuerdings auch am Wochenende.

  • Offiziell weiß man nicht, wer wann aufsperrt. Die meisten Händler kündigen ihren "Feiertagsdienst" dennoch an.
    foto: derstandard.at/parteli

    Offiziell weiß man nicht, wer wann aufsperrt. Die meisten Händler kündigen ihren "Feiertagsdienst" dennoch an.

  • Im Winter könnten sich zusätzliche Öffnungszeiten vielleicht rechnen, meinen Geschäftsleute. Im Sommer ganz sicher nicht. Bei schlechtem Wetter stehe der Ötzi auf der touristischen To-Do-Liste.
    foto: apa/robert parigger

    Im Winter könnten sich zusätzliche Öffnungszeiten vielleicht rechnen, meinen Geschäftsleute. Im Sommer ganz sicher nicht. Bei schlechtem Wetter stehe der Ötzi auf der touristischen To-Do-Liste.

  • Und wer bei schönem Wetter in der Altstadt ist, setzt sich lieber in die Sonne. So war es auch am Ostermontag am Waltherplatz.
    foto: ap/vito arcomano

    Und wer bei schönem Wetter in der Altstadt ist, setzt sich lieber in die Sonne. So war es auch am Ostermontag am Waltherplatz.

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