Die Kon-Tiki im Museum und im Kino

4. April 2013, 16:57
18 Postings

Der gesamte Osloer Hafen erzählt von Norwegens Seefahrern. Heyerdahls Kon-Tiki kam hier im Original ins Museum und verfilmt in die Oper. Heute ist Kinostart in Österreich

Die Welle ist größer als alle anderen. Sie bäumt sich glasgrün auf und schäumt wie vor Wut. Thor Heyerdahl brüllt seinen Kameraden über das Donnern hinweg zu: "Haltet euch fest!" Die Männer können nichts mehr tun, das Floß und das Riff entscheiden die Sache nun unter sich. Hundert Tage lang schaukelte sie das Meer wie Wiegenkinder in seinem Schoß. Doch in der Brandung vor der Südseeinsel Raroia, kurz vor dem Ziel, ist es nicht länger ihr Freund. Heyerdahl überkommen plötzlich Zweifel, noch höher als die Welle. Hat er seinen Hypothesen so sehr vertraut, dass er seine Gefährten am Ende in den Tod schickt?

Fast 8000 Kilometer legt der junge norwegische Forscher zusammen mit seiner fünfköpfigen Crew 1947 auf einem selbstgebauten Floß zurück, der Kon-Tiki. Die Wagemutigen überqueren die Weiten des Pazifischen Ozeans, um Heyerdahls revolutionäre Theorie zu beweisen: Polynesien wurde von Südamerika aus besiedelt, nicht von Asien - und zwar mit ebensolchen Floßen aus Balsaholz. 101 Tage nachdem die Kon-Tiki in Peru ablegte, erreicht sie mit dem Humboldt-strom den Tuamotu-Archipel - Thor Heyerdahl wurde weltberühmt.

Eine Welt mit nur neun Stämmen

Heute ist das Floß im Original auf der Museums-Halbinsel Bygdøy in Oslo zu bestaunen. Scheinwerfer tauchen das verblasste Antlitz des Inka-Sonnenkönigs Kon-Tiki, nach dem das Gefährt benannt ist, auf dem zerschlissenen Segel in dramatisches orangefarbiges und blaues Licht. Deutlich sind die tiefen Einkerbungen zu sehen, die die Hanfseile in das vom Salzwasser aufgequollene Holz und in die insgesamt nur neun Stämme geschnitten haben. Proviant und Trinkwasser waren im Hohlraum unter Deck verstaut. Hielten sich alle Männer zur selben Zeit in der Kajüte aus Bambusrohr und geflochtenen Bambusmatten auf, müssen sie sich wie Ölsardinen in der Dose gefühlt haben.

Es war Knut Haugland, ein Mitglied der Expeditionsbesatzung, der zusammen mit Thor Heyerdahl die Initiative ergriff, 1950 das Kon-Tiki-Museum in Oslo zu bauen. Er hat es über 40 Jahre lang geleitet, bevor Thor Heyerdahl junior den Posten übernahm. "Der Ruhm meines Vaters war zuerst aufregend, dann wurde mir die Erwartung, in seine Fußstapfen zu treten, zur Last", erzählt der Sohn des berühmten Floßfahrers. Erst mit seiner eigenen wissenschaftlichen Karriere habe sich das gegeben. Er wurde Meeresbiologe, studierte unter anderem Wale vor Grönland. Dass sein Vater lange weg sein würde, habe er damals gewusst, aber die gesamte Tragweite des Unterfangens mit neun Jahren nicht verstanden. "Als er im September 1947 wiederkam, habe ich mir alles erzählen lassen." Von dem gigantischen Walhai, den ein panisches Crewmitglied mit einer Harpune in die Flucht zu schlagen versuchte, und von den dutzenden Haien, die das Floß immer wieder umzingelten.

In beeindruckende Bilder fasst die Abenteuer der Expedition nun der Spielfilm Kon-Tiki, der heute in den österreichischen Kinos anläuft. Die Weltpremiere der aufwändigsten norwegischen Produktion aller Zeiten fand im neuen Haus der Staatsoper - seit 2008 eines von Oslos Wahrzeichen - im Beisein der norwegischen Königsfamilie statt. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet gewesen als das markante Gebäude, das mit seinen schiefen, begehbaren Ebenen und dem gläsernen Aufbau selbst wie ein riesiges gestrandetes Floß aus dem Wasser des zerklüfteten Hafenbeckens ragt.

Grundlegende Entwurfsidee des Osloer Architektenteams Snøhetta war eine frei zugängliche Dachlandschaft als neuer öffentlicher Stadtraum. "Wir fragten uns: Was ist das Typische an der norwegischen Kultur?", erzählt Tarald Lundevall, Projektleiter der Oper und einer der drei Snøhetta-Partner. Die Antwort: Allmenning - auf Deutsch: die Allmende. Also wurde die Idee des gemeinschaftlich nutzbaren Bodens als wesentlicher Ansatz in das Entwurfskonzept übernommen - und von der Stadtbevölkerung gerne angenommen.

Heute flanieren bei schönem Wetter auf den rund zwanzigtausend Quadratmetern Dachfläche aus Carrara-Marmor bei weitem nicht nur Touristen. Bloß Opernbesucherinnen, die Schuhe mit hohen Absätzen zur Abendgarderobe tragen, haben mit der grob behauenen und teils mit tiefen Rillen bearbeiteten Oberfläche ihre liebe Not. "Marmor passt zum norwegischen Wetter", befindet Tarald Lundevall und lässt offen, ob er sich damit auf die winterlichen Eisschollen im Oslofjord bezieht, mit denen die Architektur häufig verglichen wird, oder eher auf die weißen Nebelschwaden, die sich manchmal so tief über der Stadt hinabsenken, dass sie die schweren Doppeltürme des Rathausmassivs umhüllen.

Die alte Werft verworfen

Eröffnet 1950 anlässlich der 900-Jahr-Feier Oslos und ausgeschmückt von den renommiertesten norwegischen Künstlern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dominierte der Rotklinker-Block lange Zeit das Bild der Stadt von der Fjordseite her - zusammen mit dem großen Gelände der Aker-Werft. Doch in den 1970er-Jahren geriet die Schiffbauindustrie auch in der Seefahrernation Norwegen in die Krise. 1982 wurde das Aker-Areal stillgelegt. An seiner Stelle wuchsen die Glastürme der Aker-Brygge in die Höhe, die im Stil der Londoner Docklands das moderne Oslo repräsentieren. Hier joggen Frühaufsteher vor ihren Loftwohnungen über die Promenade, und Angehörige der Kreativwirtschaft treffen sich mittags zum Businesslunch; bei Sushi und Tapas oder auch norwegischer Hausmannskost wie Lapskaus, einem Fleisch-Gemüse-Eintopf, oder Fårikål - Lamm und Kohl. Noch später verabreden sich Mütter mit Designerkinderwägen auf einen Espresso in den betont mediterranen Kai-Cafés mit Blick auf die Yachten. Aus der alten industriellen Kehrseite der norwegischen Hauptstadt wurde die durchgestylte Schauseite zum Fjord.

Eine Halbinsel als letzter Hafen

Vom Rathausplatz in unmittelbarer Nähe, der nicht wie üblich im Zentrum, sondern direkt am Hafen liegt, fahren zwischen April und Oktober Fähren über den Fjord zur Halbinsel Bygdøy, wo mehrere Ausstellungen an Norwegens große Seefahrer erinnern. So sind im Wikingerschiffmuseum die drei am besten erhaltenen Exemplare der Welt zu sehen. Die schlichten, ganz in Weiß gehaltenen Räumlichkeiten setzen die eleganten Formen der Langschiffe aus fast schwarzem Eichenholz gebührend in Szene.

Beeindruckend ist freilich auch die Fram gleich nebenan, das Segelschiff, mit dem sich Fridtjof Nansen im Packeis des Nordpolarmeeres einschließen ließ, um vom Eis in Richtung Nordpol getrieben zu werden, und mit dem Roald Amundsen als Erster die Antarktis erreichte. Sieht man sich die einfache, aber gegen den Eisdruck äußerst effektive Konstruktion etwas genauer an, wird klar, warum kein anderes Holzschiff der Welt jemals näher an den Süd- und den Nordpol herankam.

Die Wikinger, die Polarforscher und ein Gott der Inkas - sie alle gingen mit ihren Bändigern der Meere ausgerechnet auf dieser Halbinsel für immer vor Anker. (Gabriela Beck, DER STANDARD, Rondo, 5.4.2013)

  • Fast 8000 Kilometer legte die Kon-Tiki 1947 auf dem Pazifik zurück, bevor sie im Tuamotu-Archipel auf Grund lief.

    Fast 8000 Kilometer legte die Kon-Tiki 1947 auf dem Pazifik zurück, bevor sie im Tuamotu-Archipel auf Grund lief.

  • Danach wurde das Floß nach Tahiti geschleppt und von dort zurück nach Oslo gebracht. 1949 eröffnete das provisorische Kon-Tiki-Museum.

    Danach wurde das Floß nach Tahiti geschleppt und von dort zurück nach Oslo gebracht. 1949 eröffnete das provisorische Kon-Tiki-Museum.

  • Der neue Spielfilm "Kon-Tiki" feierte sinnigerweise in der Osloer Oper Premiere, die selbst an ein gestrandetes Floß erinnert.

    Der neue Spielfilm "Kon-Tiki" feierte sinnigerweise in der Osloer Oper Premiere, die selbst an ein gestrandetes Floß erinnert.

  • Der Hafen von Oslo mit dem Rathaus.

    Der Hafen von Oslo mit dem Rathaus.

  • Flug Wien-Oslo zum Beispiel mit Austrian (täglich) oder mit Norwegian Air montags und freitags. 
Unterkunft: das Thon Hotel Oslo Panorama, Rådhusgaten 7b, Oslo. Designhotel mit Blick auf den Fjord, ab 105 Euro pro Person.
Museumsinsel: Kon-Tiki- Museum, Fram-Museum, Wikinger-Museum
Touristische Infos: www.visitnorway.com und www.visitoslo.com
    grafik: der standard

    Flug Wien-Oslo zum Beispiel mit Austrian (täglich) oder mit Norwegian Air montags und freitags.

    Unterkunft: das Thon Hotel Oslo Panorama, Rådhusgaten 7b, Oslo. Designhotel mit Blick auf den Fjord, ab 105 Euro pro Person.

    Museumsinsel: Kon-Tiki- Museum, Fram-Museum, Wikinger-Museum

    Touristische Infos: www.visitnorway.com und www.visitoslo.com

Share if you care.