Pakistans Jugend wendet sich von Demokratie ab

3. April 2013, 18:44
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Junge Wähler sind von der Demokratie enttäuscht und hätten lieber die Scharia oder eine Militärherrschaft

Islamabad/Neu-Delhi - Seit fünf Jahren regiert im Atomstaat Pakistan eine gewählte Regierung. Doch den Glauben an die Demokratie scheint das nicht gestärkt zu haben. Pakistans Jugend ist so enttäuscht von der Bilanz, dass sich die Mehrheit heute lieber einen Scharia-Staat oder ein Militärregime wünscht. Das ergab eine Umfrage im Auftrag des British Council bei mehr als 5000 Jungwählern im Alter von 18 bis 29 Jahren, die nun veröffentlicht wurde.

"Junge Leute verlieren das Vertrauen in das demokratische System", warnt die Studie. Dabei stehen am 11. Mai historische Neuwahlen an. Erstmals in der Geschichte des Landes überstand eine gewählte Regierung eine volle Amtszeit, ohne dass das Militär zuvor intervenierte. Erst seit 2008 herrscht in Pakistan wieder eine Art Demokratie. Zuvor hatte über neun Jahre Pervez Musharraf regiert, der sich 1999 unblutig an die Macht geputscht hatte.

Doch die Arbeit der Politik scheint keine überzeugende Werbung gewesen zu sein. 94 Prozent der Jungwähler glauben, dass sich ihr Land im Abwärtstrend befindet - nach 50 Prozent im Jahr 2007. Nur 29 Prozent halten Demokratie noch für das beste politische System für ihr Land. 32 Prozent wünschten sich dagegen eine Militärregierung und weitere 38 Prozent wollen einen Religionsstaat auf Basis des islamischen Scharia-Rechts.

Die Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren stellt mehr als 30 Prozent der Wähler und ist damit eine wichtige Klientel. Hinter dem Unmut der Jugend verbirgt sich vor allem Hoffnungslosigkeit. Die Wirtschaft steht vor dem Kollaps, Gewalt und Terror sind auf dem Vormarsch, die Preise für Lebensmittel explodieren, die Armut wächst, und die Arbeitslosigkeit ist riesig.

Liberale sind die Ausnahme

Viele Jugendliche sehen pessimistisch in die Zukunft. Sie geben Politikern die Schuld an der Misere. Nur 14 Prozent äußerten sich positiv über die Regierung. Dagegen stehen Militär und religiöse Organisationen in hohem Ansehen: 77 Prozent lobten die Armee, 74 Prozent die Religiösen.

Die Mehrheit der Jungwähler stufte sich als religiös und konservativ ein. Liberale sind eher die Ausnahmen. Der Verdruss über die etablierten Parteien könnte dem Exkricketstar Imran Khan in die Hände spielen, der sich als Hoffnungsträger stilisiert und angeblich dem Militär nahesteht. Er tritt mit seiner Partei PTI gegen die alten Platzhirsche an: Das sind die bisher regierende Bhutto-Partei PPP von Präsident Asif Ali Zardari und die große Oppositionspartei PML-N von Nawaz Sharif. (Christine Möllhoff, DER STANDARD, 4.4.2013)

  • Protest gegen Pervez Musharraf: Pakistans politische Elite geriet bei der Bevölkerung in Misskredit.
    foto: ap/butt

    Protest gegen Pervez Musharraf: Pakistans politische Elite geriet bei der Bevölkerung in Misskredit.

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