Verloren im Knast, noch verlorener im All

3. April 2013, 17:17
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Die Oper in Lyon verzeichnet eine Spitzenauslastung und überzeugt auch das junge Publikum. Mit seinem Festival "Gerechtigkeit/ Ungerechtigkeit" beschreitet Intendant Serge Dorny nun risikofreudig ungewöhnliche Opernpfade

Dass die Oper in Lyon mitten im Leben der Stadt steht, also ein lebendiges Zentrum der Kommune ist, gehört zum Programm des Intendanten Serge Dorny. Seit zehn Jahren hat er in Lyon ein Opernmodell etabliert, das nicht nur für Frankreich beispielhaft ist. Spitzenauslastungen, ein ungewöhnlich hoher Anteil von jugendlichen Zuschauern, und das mit einem Programm, das nicht nur auf die Renner des Repertoires setzt. So umrahmt er heuer bei seinem kleinen österlichen Festival unter dem Titel "Justice/Injustice" einen Fidelio mit der Uraufführung von Thierry Escaichs Claude und einem Doppel aus Dallapiccolas Le Prisonnier und Schönbergs Erwartung.

Diesmal wurde Dornys Ehrgeiz, zum politischen Leben der Kommune bzw. des Landes zu gehören, nicht ganz freiwillig, aber auch nicht zufällig durch eine lautstarke Demonstration nach der Uraufführung auf dem Opernvorplatz illustriert. Die amtierende Justizministerin Christiane Taubira hatte sich die Ehre gegeben, weil einer ihrer prominentesten Vorgänger im Amt, Robert Badinter (85), der Librettist für die Opernnovität Claude ist.

Gefängnis und Gewalt

Er hat Victor Hugos so kurzes wie vehementes Novellen-Plädoyer gegen die Todesstrafe Claude Gueux von 1834 zu einem dichten Libretto über die verhängnisvoll eskalierende Gewalt im Gefängnis verarbeitet. Und Regisseur Olivier Py hat die Story zwischen wuchtigen Gefängnismauern mit drei Etagen voller Zellen in seiner gewohnt drastisch-obsessiven Erzählweise verdeutlicht.

Py macht aus dem Verhältnis des "anständigen" Gefangenen Claude (Bariton Jean-Sébastien Bou), der zum Mörder am Gefängnisdirektor (Jean-Philippe Lafont) wird und dafür die Todesstrafe erhält, zu Albin (Counter: Rodrigo Ferreira) eine homoerotische Liebesbeziehung. Einst war Claude jenem Albin, als er Opfer einer Massenvergewaltigung durch seine Mitgefangenen wurde (eine typische Zuspitzung von Py), zu Hilfe gekommen. Die Musik ist dabei so wuchtig und unter emotionalem Dauerhochdruck wie die Szene. Gesungen und musiziert wird unter der Leitung von Jérémie Rhorer exzellent.

Beethovens Fidelio dann verblüfft in mehrfacher Hinsicht. Video-Guru Gary Hill beamt ihn nämlich mit aufwändigen Projektionen in die Unverbindlichkeit eines Cyberspace. Dieser von der Rezeptions- und Realgeschichte gänzlich absehende Zugang zu einer der politischsten Opern überhaupt ist ein riskantes Experiment. Andererseits erreichen das Orchester unter Leitung von Kazushi Ono und das Ensemble nicht das am Vortag (und auch sonst) in Lyon erreichte vokale Niveau. Mit Blick auf die mit Bildschirmschonerperfektion designte demonstrativ außerirdische (Nicht-)Szene wurde schlichtweg eher unterirdisch gesungen.

Von Michaela Kaune (Leonore) und Nikolai Schukoff (Florestan) über Pavlo Hunka (Don Pizarro) bis zu Christian Baumgärtel (Jaquino) und Karen Vourc'h (Marzelline) kämpften sie alle in den Weiten des Alls um Intonation und überzeugenden Klang - und hatten zu wenig Erfolg damit. Hinzu kommt, dass die Inszenierung Beethovens einzige Oper mit Harry Martinsons nobelpreisgeadeltem Sciencefiction-Epos Aniara aufzupeppen versucht. Das Ergebnis sah aus, als wäre ein Achim Freyer auf Cyber-Speed am Werke gewesen. Aber nur wer nichts riskiert, macht keine Fehler. Und wer weiß schon, wenn er von außen kommt, ob das Unternehmen für das Publikum vor Ort wirklich ein Fehler ist. Die Spannbreite des Opernangebotes in Lyon ist groß. Und allemal eine Herausforderung.  (Joachim Lange aus Lyon, DER STANDARD,  4.4.2013)

 

Das Festival dauert noch bis zum 14. April.

  • Keine Freiheit weit und breit: Gefängnismauern und drei Etagen mit Häftlingen in der Uraufführung von Escaichs "Claude".
    foto: stofleth

    Keine Freiheit weit und breit: Gefängnismauern und drei Etagen mit Häftlingen in der Uraufführung von Escaichs "Claude".

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