Geplante Obsoleszenz: Vom kurzen Leben neuer Produkte

4. April 2013, 00:01
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Eine neue deutsche Studie dokumentiert umfassend den Einbau eines vorzeitigen Ablaufdatums in Produkte. Die Palette reicht vom Einsatz schwächerer Materialien bis hin zum "Ersatzteilwucher". Die Grünen fordern politische Konsequenzen

Berlin/Wien - Als Sepp Eisenriegler vom Wiener Reparatur- und Service-Zentrum (R.U.S.Z.) im Vorjahr mit dem Thema "geplante Obsoleszenz" in die Öffentlichkeit ging, konnte kaum jemand mit dem Begriff etwas anfangen, geschweige denn ihn korrekt aussprechen. Schnell zeigte sich aber: Was das ist - das kennt vermutlich jeder. Geräte, die so designt sind, dass sie vorzeitig den Geist aufgeben.

Wie weit verbreitet dieses Konsumankurbeln mit schleißigen und verschleißenden Bauteilen tatsächlich ist, wird beispielsweise auf der deutschen Plattform "Murks? Nein Danke!" gesammelt.

Formen der Manipulation

Jetzt hat der Initiator dieser Plattform, Stefan Schridde von der Arge Regio, gemeinsam mit Christian Kreiß, Professor für Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen, im Auftrag der deutschen Grünen eine Studie zum Thema geplante Obsoleszenz erstellt, die einen umfassenden Einblick in die Hintergründe und die unterschiedlichsten Formen der Manipulation an der Gerätelebensdauer bietet - und die wahrlich tief blicken lässt.

Denn hier findet sich nicht nur ein historischer Abriss vom einst so langlebigen und robusten "Model T" des Autoherstellers Henry Ford bis hin zur reparaturfeindlichen Verschleiß- und Wegwerfgesellschaft unserer Zeit. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen ganz konkrete Beispiele aus den unterschiedlichsten Wirtschaftsbereichen, die aufzeigen, wo am Rädchen der Lebensdauer gedreht und getrickst wird.

Klassiker: Waschmaschinen

Hier finden sich beispielsweise die Klassiker der geplanten Obsoleszenz - die Waschmaschinen. Wie etwa die zu schwach dimensionierten Dämpfer, die zu einer Materialermüdung im Kugellager führen. Oder Laugenbehälter, die nicht mehr wie früher aus Edelstahl, sondern aus Kunststoff gefertigt werden. Dieses Material ist weniger belastbar, was zu teuren Reparaturen und letztlich zu wirtschaftlichen Totalschäden führt.

Wir alle kennen auch den Servicemann für Waschmaschinen aus der Werbung, der einen verkalkten Heizstab in die Kamera hält. Die Heizstabreparaturen haben in den vergangenen Jahren tatsächlich zugenommen - aber vor allem wegen Materialermüdung der integrierten Schmelzsicherung. Oder auch wegen einer Korrosion des Heizkörpers - weil die Oberflächenbeschichtung in minderer Qualität ausgeführt wurde.

Sparen beim billigsten Teil

Bekannt ist auch der Einbau von zu schwach dimensionierten Elektrolytkondensatoren in vielen Elektrogeräten wie Fernsehern, Videogeräten, Receivern. Deren Lebensdauer könnte locker um fünf bis zehn Jahre verlängert werden - wenn Kondensatoren eingebaut würden, die nur weniger als einen Cent mehr kosten würden.

Aber: Diese Elektrolytkondensatoren werden oft nahe an Bauteilen eingebaut, die Wärme abgeben - was die Lebensdauer des Kondensators erst recht verkürzt.

Weitere Fälle: Kopfhörer werden oft an der Verbindungsstelle als Drahtkopfhörer ausgeführt - sogar bei teureren Markenprodukten. Genau bei diesen Drahtteilen kommt es dann aber auch bei normaler Nutzung zu Materialermüdung und Kabelbruch.

Oder: Die Federungen hinter Ein/Aus-Schaltern von PC-Zentraleinheiten oder von Monitoren werden in Plastik ausgeführt - dieses Material ermüdet schneller.

Oder: Beim Handmixer werden die Rührbesen von einem Schneckengetriebe bewegt. Genau hier werden oft Kunststoffzahnräder eingebaut. Die Folge: Der metallene Schneckenantrieb fräst eine Spur in die Kunststoffzahnräder, sodass diese im dritten Betriebsjahr ausfallen. Ein Austausch ist nicht möglich.

Oder: Oft werden in Textilien Reißverschlüsse eingebaut, deren Zähne nicht einzeln, sondern als Längsspirale ausgeführt werden. Sie geben früher den Geist auf.

Kurzfaserige Baumwolle

Apropos Textilien: Werden Gewebe mit kurzfasrigen Baumwollfäden hergestellt, scheuert dieses viel schneller auf. Und die nächste Shoppingtour ist angesagt.

Und dann noch die elektrischen Zahnbürsten mit fix eingebautem Akku. Und das bei Geräten mit kurzen Ladezyklen. Laut der deutschen Studie sind inzwischen mehr als 150 Produkte so konstruiert, dass der Austausch des Akkus nicht oder nur sehr schwer möglich ist.

Schöne Beispiele finden sich auch unter dem Stichwort "Ersatzteilwucher" : Da geht beispielsweise die Feder in einem Eiskasten-Türgriff kaputt. Eine neue Feder würde 50 Cent bis einen Euro kosten. Aber leider gibt es nur einen kompletten neuen Griff als Ersatz teil. Und der kostet 85 Euro.

Anti-Murks-Anträge

Die deutschen Grünen haben anhand dieser Studie bereits einen Antrag eingebracht, wonach unter anderem Hersteller verpflichtet werden sollen, möglichst langlebige Produkte zu gestalten, für mindestens fünf Jahre Ersatzteile bereitzuhalten und die Gewährleistungspflicht zu verlängern.

Christiane Brunner, Umweltsprecherin der österreichischen Grünen, kündigt im Standard-Gespräch an, einen ähnlichen Antrag im österreichischen Parlament einbringen zu wollen. Auch eine Kennzeichnungspflicht mit der zu erwartenden Lebensdauer wäre laut Brunner "ähnlich dem Energie-Labelling sicher sinnvoll". (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 4.4.2013)

  • Waschmaschinenmontage: Den Unterschied zwischen hochwertigen und kurzlebigen Produkten machen oft kleine Bauteile aus.
    foto: torsten silz/dapd

    Waschmaschinenmontage: Den Unterschied zwischen hochwertigen und kurzlebigen Produkten machen oft kleine Bauteile aus.

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