Das ewige deutsche Leiden

3. April 2013, 17:07
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Eine neue Ausstellung versucht, den Franzosen die Idee und Entstehung der deutschen Nation näherzubringen. Das Unterfangen gelingt fast

Schlimmes ist zu befürchten, wenn eine Ausstellung im Dienste der "deutsch-französischen Freundschaft" steht, wie Louvre-Direktor Henri Loyrette zu De l'Allemagne bekennt: Es droht eine offizielle Sichtweise, eine diplomatisch korrekte Darstellung. Zumal der im April scheidende Leiter des größten französischen Museums auch den "heutigen europäischen Kontext" bemüht.

Was er damit meint, sagt er nicht. Etwa die Kritik am "Euro-Diktat" Berlins, die nach Südeuropa auch Paris erfasst? Da trifft es sich gut, dass der Louvre, sekundiert von dem in Paris angesiedelten Deutschen Forum für Kunstgeschichte, dem französischen Publikum einmal die Bildung des Nationalstaates jenseits des Rheins zu erklären versucht.

Über Deutschland, wie sich die 200 Gemälde umfassende Schau in Anlehnung an das berühmte Werk von Madame de Staël nennt, ist über weite Strecken gelungen. Die Ausstellung setzt ein im Jahr 1800, als Frankreich bereits eine Nation war, geformt durch die Monarchie und die Revolution, geführt von Napoleon.

Deutschland bildete hingegen ein Konglomerat von Fürstentümern, Städten und Freistaaten. "Bindeglied der deutschen Identität war die Kultur", erklärt der Einleitungstext zur Ausstellung. Das deutsche Kunstideal galt zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem antiken Griechenland: Apollo und Dionysos standen deutschen Malern wie Gottlieb Schick, Franz Pforr oder Julius Schnorr von Carolsfeld Modell.

Mangel an Nation

Während in Pariser Ateliers längst nationale Szenen und Figuren vorherrschten, wirkte in Deutschland noch die idealisierte Renaissance eines Johann Friedrich Overbeck wie in "Italia-Germania". Malergruppen nannten sich "Deutschrömer" und "Nazarener". Später bot eher die Natur eine Projektionsfläche: so die "Erdlebenbilder" von Carl Gustav Carus, dazu natürlich Caspar David Friedrich, der sich in Frankreich seit der Romantik größter Beliebtheit erfreut.

Die Ausstellung macht klar: Die Mythifizierung der Antike oder der Natur durch die deutschen Malerei geschah auch in Ermangelung einer Nationalidee. Das französische Publikum erfährt nicht nur, dass ausgerechnet Napoleon das deutsche Nationalgefühl (unfreiwillig) förderte, sondern auch dass sich "die deutsche Einheit erst im Krieg gegen Frankreich 1870/71 verwirklichte", wie es in einer der didaktischen Erklärungsplaketten heißt.

Für französische Ohren und Augen ist das eher neu, jedenfalls "sehr interessant", wie mehrere Einträge im Gästebuch der Ausstellung festhalten. Wenn viele Franzosen glauben, das aus ihrer Sicht so starke Deutschland habe ähnlich tiefe Wurzeln wie die französische Nation, werden sie eines Besseren belehrt.

Dabei hätte es im Dienste des deutsch-französischen Kennenlernens bleiben können. Doch die Ausstellung geht weiter: Nach einem ganzen Saal mit Naturgemälden Friedrichs - der 1840 starb - landet sie plötzlich im Jahr 1930, bei der "düsteren, übernatürlichen Neoromantik", wie der Ausstellungstext meint.

Die deutsche Malerei spaltete sich in anerkannte Künstler wie Franz Radziwill und "entartete" wie Otto Dix oder Käthe Kollwitz. Fotografien von August Sander sowie eine filmische Gegenüberstellung von Robert Siodmak und Leni Riefenstahl leiten das Ende der Ausstellung ein, die 1939 abrupt abbricht.

Warum 1939? Weil deutsche Geschichte nur auf den Zweiten Weltkrieg und die Nazi-Ära hinauslaufen kann, wie es die Ausstellung suggeriert? Wenn schon, wäre die Frage interessant, ob möglicherweise ein Zusammenhang besteht zwischen der späten Nationenbildung und dem Aufkommen des Dritten Reichs. Franzosen könnten fragen, ob eine gefestigte Nation wie ihre in eine solche Tragödie hätte stürzen können.

Doch dieser Frage geht die Ausstellung nicht nach. Ihr konfuses Ende entlässt die Besucher ratlos. Eine französische Ausstellungsbesucherin schrieb ins Gästebuch: "Deutschland ist ein großes und schönes Land, das man nicht allein am Krieg messen sollte." Andere fragen sich, warum die Ausstellung nicht 1900 ende, das heißt vor der Zäsur des Ersten Weltkriegs. Denn die deutsche Zwischenkriegszeit ist den Franzosen gut bekannt: Im gleichen Gästebuch wundert sich ein Besucher, dass die Ausstellung, wenn sie schon bis 1939 reiche, den ganzen Expressionismus mit der Brücke oder dem Blauen Reiter weglasse. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 4.4.2013)

"De l'Allemagne. 1800-1939. De Friedrich à Beckmann". Im Pariser Louvre-Museum vom 28. März bis 24. Juni. Begleitprogramm: Lesungen zu Goethe und den deutschen Humor mit Daniel Kehlmann, ein Kolloquium zum Thema Weimar, Kammermusik, Opernfilme, Kino (Fritz Langs "Nibelungen", "Faust", "Berlin Alexanderplatz"), Kabarett- und Theaterabende sowie Anfang Mai ein "Nosferatu"-Wochenende mit dem Regisseur Christian Petzold.

  • Für französische Augen eher neu: die 200 Gemälde umfassende Ausstellung " Über Deutschland 1800-1939. Von Friedrich bis Beckmann" im Louvre.
    foto: ian langsdon

    Für französische Augen eher neu: die 200 Gemälde umfassende Ausstellung " Über Deutschland 1800-1939. Von Friedrich bis Beckmann" im Louvre.

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