Crime & The City Solution: Ewige Schattenkinder

4. April 2013, 17:41
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Nach mehr als 20 Jahren Stille meldet sich die Band mit dem Album "American Twilight" zurück

Es ist der Ironie der Geschichte zuzuschreiben, dass dieses Album im Schatten von Nick Caves neuem wieder einmal weitgehend unbemerkt bleiben wird. Zwar schuf Cave mit Push The Sky Away das langweiligste Album seiner Karriere, aber in den Charts schoss er damit wie ein Pfeil nach oben - was diese Einschätzung durchaus bestätigt. Crime & The City Solution erreichte in Caves Schatten nie jene Bedeutung, die der Band vielleicht zugestanden wäre.

Als Teil der australischen Invasion der frühen 1980er-Jahre und mit personellen Überschneidungen mit Caves Bad Seeds suchte die Formation um Sänger Simon Bonney ihr Heil ebenfalls im europäischen Exil, lebte in Berlin und London, Bonney später zur Trockenlegung seiner selbst dann ausgerechnet in Wien. Als Karrierehöhepunkt gilt ausgerechnet ein grässlich inszenierter Auftritt der Band in Wim Wenders Film Wings of Desire.

Wie Cave trotzte Bonney dem Blues neue Ansätze ab. Ähnlich dramatisch und pathetisch wie Cave, bemühte er schwere Zeichen. Mit einer Frisur, die an Nistplätze burgenländischer Saisonstörche erinnerte, ackerte er sich mit Sidemen wie Rowland S. Howard, Epic Soundtracks oder dem musikalischen Genius der Bad Seeds, Mick Harvey, durch Alben wie Room of Lights, Shine sowie genialische Kurzformate wie South of Heaven oder The Kentucky Click.

Alle genannten Werke waren so gut wie Caves Output zur selben Zeit, aber das Schicksal, der Durst und die Liebe ließen Bonneys Karriere nach dem Ende der Band und zweier Soloarbeiten Mitte der 1990er versanden. Der Gitarrist Chuck Prophet, der an Bonneys letztem Album Everyman beteiligt war, stufte dieses als "American Gothic" ein.

16 Jahre später ist nun mit American Twilight das Comebackalbum von Crime & The City Solution erschienen, und die Zuschreibung "American Gothic" ist passender denn je. Zumal Bonney in Detroit lebt, einer Stadt, die vom Symbol der wirtschaftlichen Prosperität zu einem des Niedergangs wurde. Was er in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten gemacht hat, darüber schweigt er.

Sein Labelboss Daniel Miller behauptete, er sei Anwalt geworden, andere sagen, er wäre Briefträger. Um die Comebacktournee zu finanzieren, wurde im Vorjahr das Familiensilber der Band verscherbelt, also dürfte er sich wohl eher im Gewerbe der altmodischen Nachrichtenübermittlung verdingen.

American Twilight ist ein engagiertes Comebackalbum. Mit einer honorigen Band (David Eugene Edwards, Troy Gregory, Alexander Hacke ...) schließt es am Spätwerk der alten Crime an. Doch wo früher Lärmattacken und quälende Pausen existenzialistische Nöte und Verzweiflung signalisierten, rumpelt und fiedelt die Band heute drüber. Nicht fröhlich, aber mitunter sind die Songs gnadenlos überinstrumentiert. Man könnte dafür wie bei Caves jüngeren Arbeiten das Fehlen von Mick Harvey verantwortlich machen - aber was hilft's?

Zwar blitzen in Songs wie My Love Takes Me There oder The Colonel (Doesn' t Call Anymore) alte Qualitäten auf, die Wucht früherer Songs wie Five Stone Walls sucht man auf American Twilight vergeblich. Bonney und Co lärmen sich aufgeregt durch Lieder wie das Titelstück, aber es fehlen die Brüche und damit die Dramatik. Was vor zwanzig Jahren aufregend geklungen hätte, ist heute Kollektionsware geworden.

Dabei ist Bonneys Gesang heute weniger expressionistisch als früher, als er es im jugendlichen Sturm gerne ein wenig übertrieben hat. Heute klingt er desillusioniert und ermattet. Das könnte gerade im amerikanischen Zwielicht eine interessante Perspektive ergeben, doch anstatt diese auszuarbeiten, verstellen jede Menge Instrumente die Sicht, drängen sich zu viele Mitstreiter in den Vordergrund - das zeigte sich schon bei einer der raren Comeback-Shows vergangenen Herbst in Berlin.

Hoffentlich besteht diese Band in ihrem zweiten Leben lange genug, um sich dessen bewusst zu werden. Für Stoff für den Brief ans Christkind ist also schon gesorgt. (Karl Fluch, Rondo, DER STANDARD, 5.4.2013)

  • Simon Bonney (re.) und die neue Version von Crime & The City Solution.
    foto: mute records

    Simon Bonney (re.) und die neue Version von Crime & The City Solution.

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