Klinisch-Praktisches Jahr: Studierende sollen keine "Spritzenferdln" sein

4. April 2013, 10:17
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Curriculums-Reform an allen drei Med-Unis tritt im August 2014 in Kraft - ÖH sieht mangelnde soziale Absicherung als "Riesenproblem"

Das neue Klinisch-Praktische Jahr soll am 1. August 2014 an allen drei österreichischen Medizinuniversitäten starten und das letzte Studienjahr ersetzen. Darauf haben sich die Med-Unis Wien, Innsbruck und Graz geeinigt. Es umfasst 48 Wochen, davon sind jeweils 16 Wochen verpflichtend in chirurgischen Fächern und in der Inneren Medizin zu absolvieren, weitere 16 sind frei wählbar.

Die Studierenden sollen damit eine Basisroutine entwickeln, sich Fertigkeiten aneignen und diese vertiefen, sagt Anita Rieder, Curriculumsdirektorin an der Med-Uni Wien. "Sie verbringen ein Studienjahr ausschließlich im Krankenhaus, am Krankenbett." Dabei sollen die angehenden Ärzte auch lernen, Verantwortung für einen Patienten zu übernehmen, und sich eine ärztliche Haltung aneignen - das alles geschieht unter Aufsicht in einem Lehrkrankenhaus.

Innsbruck: Klinisch-Praktisches Jahr seit 2007/08

In Graz und Innsbruck gibt es das Klinisch-Praktische Jahr schon länger, die Med-Uni Innsbruck hat es bereits im Studienjahr 2007/08 eingeführt. Allerdings dauerte es bislang nur 32 Wochen, mit der neuen Regelung wird es ebenfalls auf 48 Wochen erweitert. Die Erfahrungen aus Innsbruck konnten in die jetzige Diskussion einfließen.

"Für unsere Studierenden wird sich wenig ändern", sagt Karen Pierer, Leiterin der Stabstelle für Curriculumsentwicklung an der Med-Uni Innsbruck. Die 16 frei wählbaren Wochen sind in Innsbruck in vier Einheiten gegliedert, eine Einheit davon muss bei einem Allgemeinmediziner absolviert werden. "Die Idee dabei ist, bei einem niedergelassenen Allgemeinmediziner zu lernen." Es gebe auch ein spezielles Programm, in dem die Med-Uni mit Arztpraxen aus entlegenen Gebieten zusammenarbeite. Das soll den Beruf des Landarztes attraktiver machen. "Das wird sehr gut angenommen, die Studenten sind begeistert, weil sie sehr stark eingebunden werden", sagt Pierer.

Keine "Spritzenferdln" mehr

In Wien ist das Klinisch-Praktische Jahr neu, sagt Rieder, trotzdem habe es bereits eine klinisch-praktische Ausbildung gegeben, nur in anderer Form. Mit Famulaturen im fünften und sechsten Studienjahr wurde die Ausbildung am Krankenbett sichergestellt. Die Studenten sind dabei vormittags in Lehrkrankenhäusern und besuchen am Nachmittag Seminare. Bis zur Umstellung im Studienjahr 2014/15 bleibt das auch so bestehen. Auch nach der Curriculums-Novelle finden im fünften Studienjahr Famulaturen in bestimmten Bereichen statt, etwa der Kinderheilkunde, der Frauenheilkunde oder in der Neurologie. Die Studiendauer bleibt trotz Reform gleich.

Ziel des Klinisch-Praktischen Jahres ist das Lernen im Berufsumfeld. "Die Studierenden sind in das Team eingebunden, können bestimmte Arbeitsaufträge unter Aufsicht durchführen und Patientenverläufe sehen", erläutert Pierer. Das unterscheide sich auch von der derzeitigen Turnus-Ausbildung, wo es immer heiße, "das sind doch nur die Spritzenferdln". Das letzte Studienjahr ist Teil des Studiums, und es sei von den Universitäten vorgegeben, was gelehrt werde. Auch der Turnus und die Ausbildung zum Allgemeinmediziner sollen reformiert werden, das liege aber nicht in den Kompetenzen der Universitäten. Da die Ausbildung von der Universität vorgegeben werde, bestehe nicht die Gefahr, dass die Studierenden zu Systemerhaltern werden. Welche Auswirkungen die Curriculums-Reform auf die Turnusausbildung hat, kann auch Rieder nicht sagen, allerdings schaffe das Klinisch-Praktische Jahr mehr Kontinuitäten bei Ausbildungszielen.

ÖH fordert Aufwandsentschädigung

Entlohnt werden die Tätigkeiten im Rahmen des KPJ nicht. "Es ist noch Teil des Studiums", sagt Pierer. Es sei auch der Wunsch der Studierenden gewesen, dass die klinisch-praktische Ausbildung verbessert werde. Die Med-Uni Wien habe viele Gespräche mit Studenten geführt, erklärt Rieder. Der Großteil von ihnen sei in der Regel sehr flexibel, es gebe in ganz Österreich Lehrkrankenhäuser, viele wollten aber die Möglichkeit auch wahrnehmen, das klinisch-praktische Jahr im Ausland zu absolvieren. Manche Lehrkrankenhäuser bieten auch Kost und Logis an, außerdem gebe es Stipendien. 

Simon Fandler, Vorsitzender der ÖH an der Med-Uni Graz, sieht die mangelnde soziale Absicherung als "Riesenproblem". Grundsätzlich findet er mehr Praxis sehr wichtig, aber mit der fehlenden Entlohnung ist er "alles andere als zufrieden". Die ÖH fordert daher eine Aufwandsentschädigung, da es neben einem Vollzeitpraktikum schwierig sei zu arbeiten. Der Großteil der Studierenden sei im sechsten Studienjahr 23 oder 24 Jahre alt, ab dieser Grenze würden auch Beihilfen wegfallen, erklärt Fandler. In Deutschland, das als Vorbild für die Einführung des Klinisch-Praktischen Jahres gilt, sei eine Aufwandsentschädigung festgelegt. Je nach Krankenhaus bekommen die Studierenden zwischen 300 und 800 Euro pro Monat. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 4.4.2013)

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