Menschenrechts-Installateure und individualistische Trüffelschweine

Rezension3. April 2013, 10:08
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Richard Schuberths Balkanburleske "Trommeln" rechnet mit der kulturellen und wirtschaftlichen Verwertung des wilden Südens ab

Pathosgarantie, Trompetenfestival in Guča, Leidenschaft intravenös, bodenständiges Trachtenleben am Land und, ach, die Kriege. Daher: literarische Heimat kitschig-verklärter migrantischer Autobiografienausbeuter, notorische Abrechnungs-Spielstätte, was den Kommunismus angeht, Reportageziel westlicher Mitleid-Spender und Selbstentdecker. Jetzt gibt es endlich ein Buch, dass in keine dieser Kategorien passt, sondern mit eben diesen westlichen Klischees über den unberührten Balkan spielt, sie aufbricht und aufzeigt: Richard Schuberths Donau-Farce in drei Akten, "Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses".

Echtheits-Ensemble

"Hier im Osten, so ging die Mär, in unterirdischen Seen, in alten rostigen Tanken, läge sie megaliterweiser verborgen, sie tränkte als Essenz alles, das Leben, Lachen, Weinen, Lieben und Töten der Menschen selbst. Die Echtheit." Um diese exotische Echtheit zu erkunden und zu ernten, bauen die Menschen eine "Arche der Völkerverständigung mit den namhaftesten Kulturmenschen des Westens", die Schuberth erfreulicherweise untergehen lässt. Die einzigen Überlebenden der Expedition Echtheit: eine großkopferte Berliner Kritikerin und Feuilletonistin, ein nur zu deutscher Banken-Literaturreferent und ein Volxmusiker Lois K@r@w@nkinger (ja, den schreibt man so), den man sich wie eine Mischung aus Andreas Gabalier und Lukas Plöchl vorstellen kann.

Kulturkakerlaken

Diese werden vom konstant einen alkoholisierten Eindruck erweckenden Kapitän Zvonko auf sein Donauschiff gerettet, im Laufe der Reise entlang des Flusses gesellen sich noch andere personifizierte Parodien dazu: Objektkünstlerin und Designervampirin Lagunica a.k.a. Flambojana Džingiskanić samt perversem Priester. Und natürlich der (Anti-)Held, Balkanspezialist und Schriftsteller Trader Horn, den Klischeedenker als eine perfide, südländische Indiana-Jones-Version beischreiben mögen. Sie alle sind mit unterschiedlichen Motivationen auf der Suche nach Dragutin Dragulescu, dem "größten Dichter östlicher Zunge".

Es folgt eine absurd-turbulente und bizarr-komödiantische Reise durch einen von verwilderten Künstlern und Literaten sowie barbarischen Eingeborenen bewohnten Dschungel: Heart of Darkness auf Drogen.

Tough love

Dicht an Anspielungen wie der balkanische Urwald, sitzen bei Schuberth die satirischen Stiche tief und fest mitten im Schwarzen. Für die kulturell und geschichtlich weniger Bewanderten und daher weniger Beleidigten gibt es ein Glossar samt Ajvar-Rezept. Archaische Männer- und Frauenbilder, ethnische Konflikte und südländische sowie "Kulturmenschen"-Identitäten verspöttelt Schuberth im Vorbeigehen beziehungsweise im donauwälzenden Vorbeischwimmen. All dies mit einer Leichtigkeit und Unverkrampftheit, die selten ist unter Balkan-Belustigungen. "Trommeln" eine Satire auf den Kunst- und Literaturbetrieb zu nennen wäre eine verstaubte Phrase aus ebendiesem Milieu und weiters eine unsägliche Untertreibung. Es ist eher wie ein passionierter Schlag ins Gesicht. Tough love, ganz Balkan-Style. (Olja Alvir, daStandard.at, 3.4.2013)

Richard Schuberth
Trommeln am anderen Ufer des großen Flusses
Drava Verlag
152 Seiten, 19,80 Euro

Für jene, die sich jetzt fragen, wie man K@r@w@nkinger ausspricht:

Buchpräsentation und szenische Lesung mit Musik
Donnerstag, 4. April, 20.30 Uhr
Porgy & Bess
, Riemergasse 11, 1010 Wien

  • Artikelbild
    foto: drava verlag
  • Eine absurd-turbulente und bizarr-komödiantische Reise durch einen von verwilderten Künstlern und Literaten sowie barbarischen Eingeborenen bewohnten Dschungel.
    foto: drava verlag / richard-schuberth.com

    Eine absurd-turbulente und bizarr-komödiantische Reise durch einen von verwilderten Künstlern und Literaten sowie barbarischen Eingeborenen bewohnten Dschungel.

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