Bewegungsstudie im Galopp

2. April 2013, 18:29
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Die Biomechanikerin Rebeka Zsoldos errechnet Belastungen am Pferdehals

Ob Rebeka Zsoldos den Pferden zuflüstert oder andere Kniffe anwendet, die sie an der Pannon- Pferdeakademie gelernt hat, verrät sie nicht. Die Rösser lassen sich jedenfalls von ihr willig zu verschiedenen Schrittfolgen auf einem Laufband bewegen.

Die Biomechanikerin ist Teil der "Movement Science Group Vienna" der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Die Gruppe befestigt reflektierende Marker an Kopf, Körper und Beinen der Tiere, um in vivo Bewegungsdaten aufzuzeichnen. 120 Bilder pro Sekunde von insgesamt zehn Hochgeschwindigkeitskameras, die verschiedene Gangarten und Tiere ablichten, liefern eine Unmenge von 3-D-Datenpunkten.

Für ihre Dissertation hat die 30-jährige Ungarin ein Modell der Halswirbelsäule des Pferdes erstellt, mit diesen Daten gefüttert und so Belastung und Bewegungsmuster der sieben Halswirbel bei Neigung und Rotation untersucht. Aufgrund ihrer Ausbildung hat sie das Pferd in Bewegung stets als Hintergrund des Modells im Kopf.

Vor kurzem hat Zsoldos für ihre Arbeit ein Stipendium "For Women in Science" erhalten, das vom Wissenschaftsministerium, dem Kosmetikkonzern L'Oréal, der Österreichischen Unesco-Kommission und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert wird. Derzeit bewirbt sich die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Vet-Med um eine Postdoc-Stelle im Ausland.

Aufgewachsen in einem Milchwirtschaftsbetrieb, wollte sie schon als Kind mit Tieren arbeiten. Mit 14 verließ sie ihr Zuhause, um an der Pannon-Pferdeakademie in Kaposvár zu lernen. Die Lehrinhalte: Bodenkultur, Zucht, Hygiene und Tierhaltung, sehr praxisorientiert mit viel frischer Luft, vertieft um eine Reitausbildung. Sie engagierte sich als Dressurreiterin, bis ihr die starke Geldorientierung den Sport verleidete.

Die Pferdezucht in Ungarn erlebte aber zum Zeitpunkt ihrer Matura einen Niedergang, und so sattelte Rebeka Zsoldos auf ein "vernünftiges" Diplomstudium um: Agrarwissenschaften mit Fokus Milchkühe. Der Zufall ermöglichte ihr die Mitarbeit an einem wissenschaftlichen Projekt. So gelang der neuerliche Umstieg von Horn- auf Hufträger. Sie entdeckte ihre Leidenschaft für die Forschung und knüpfte über ein Stipendium des Austauschprogramms CEEPUS erste Kontakte zur Vet-Med in Wien.

Viele junge Mädchen begeistern sich für Pferde, das Verhältnis kühlt aber meist wieder ab. Rebeka Zsoldos Arbeit basiert jedoch nicht auf einer verkitschten Wendy-Projektion. Sie profitiert von der gereiften und in allen Aspekten der Haltung geschulten Beziehung zu den Tieren. Das macht sie als Nichttierärztin und Nichttechnikerin zur interdisziplinären Schnittstelle in Forschungsprojekten und bei der Betreuung von Studierenden.

Sie kann aus einer "Strichpferdchen"-Visualisierung und den aufgezeichneten Kurven der Marker herauslesen, wo ein Pferd lahmt: " Tierärzte sehen ,nur' mit den Augen, wir sehen mit dem Computer. Das wird Auswirkungen auf Diagnose und Therapie bzw. Prävention in der Pferdeorthopädie und -chirurgie haben", erläutert sie den Beitrag ihrer Forschung für die Praxis. Ergebnisse ihrer Arbeit lassen sich zudem auf den Menschen übertragen bzw. in den Bereich Robotik einbringen. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 03.04.2013)

  • Rebeka Zsoldos: von der Pferdezucht zur Wissenschaft.
    foto: privat

    Rebeka Zsoldos: von der Pferdezucht zur Wissenschaft.

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