Barbara Petritsch: "Ich bin das Krokodil - wie im Kasperltheater"

Porträt2. April 2013, 18:06
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Raue, kantige Charaktere sind das Spezialgebiet der Burgschauspielerin. Ab Samstag gibt die Vielspielerin die Frau Muskat in "Liliom" unter der Regie von Barbara Frey

Wien - In den 1960er-Jahren hieß es mancherorts, das Theater würde bald sterben, denn alle würden fortan nur mehr vor dem Fernseher sitzen. Barbara Petritsch hat den markigen Weissagungen ihrer älteren Kollegen damals nicht geglaubt. Der Entschluss zu spielen war zu fest, als dass ihn selbst so grundlegende Zweifel aushebeln hätten können. Das blieb bis heute gleich. Am Burgtheater, wo die 1949 in Schladming geborene, in Graz ausgebildete Schauspielerin seit 1999 arbeitet, hat sich Barbara Petritsch in über zwei Dutzend, meist tragenden Rollen den Titel Vielarbeiterin erspielt.

Ruhige Abende zu Hause gehören zur Seltenheit, eine Wohnung aber habe sie schon, räumt Petritsch kalmierend ein. Nur: "Laut meiner Mama bin ich am Abend auf die Welt gekommen. Ich bin also eher so ein Ausgehtyp", sagt Petritsch im STANDARD-Gespräch. 1999 holte sie Burgtheaterdirektor Klaus Bachler nach einer dreißigjährigen Karriere in Deutschland nach Wien, aber erst in der Ära Matthias Hartmanns konnte Barbara Petritsch so richtig aufblühen. Zu kratzbürstigen Grantscherben, hartgesottenen Müttern oder stoisch-rücksichtslosen Grandes Dames, die die zeitgenössische Dramatik bereithält. Stücke von Roland Schimmelpfennig, Elfriede Jelinek oder Kathrin Röggla sind voll von hantigen, kraftmeiernden Frauengestalten, die jede Gefühligkeit überwunden haben. Ein Fall für Barbara Petritsch.

"Früher war ja für Frauen ab vierzig Schluss mit interessanten Rollen. Das ist heute anders. Die Autoren bilden das ab, was in der Gesellschaft auch vor sich geht: dass ältere Menschen wichtiger genommen werden."

Ein kälteres Herz als jenes von Petritschs Stallerhof-Bäuerin hört man auf Bühnen kaum je pochen; auch von jener "Irgendwie-Nachbarin" in Kathrin Rögglas Kampusch-Stück Die Beteiligten hat man heute noch das Gruseln. Und in der Tragikomödie Der goldene Drache von Roland Schimmelpfennig war Petritsch ein gewalttätiger Lebensmittelhändler, der sich an einer jungen Asiatin vergeht. Für all diese brutalen Figuren der Barbara Petritsch hat das Magazin Profil im Vorjahr sehr nachvollziehbar einen Waffenschein gefordert.

So gesehen wäre Petritsch nun auch die Idealbesetzung für den Liliom, den Frauenschläger und Kleinkriminellen in Franz Molnárs gleichnamiger Vorstadtlegende. In Barbara Freys Burgtheater-Inszenierung (Premiere ist am Samstag) gibt zwar Nicholas Ofczarek den Ringelspiel-Ausrufer, doch Petritsch ist mit der Rolle der Frau Muskat, Lilioms herber Arbeitgeberin, nahe dran. "Bei der Leseprobe habe ich nur gedacht: O Gott! So verkrustete Menschen, ein Mann, der nur schlagen kann als Ausdrucksmittel, nur um sich nicht in die Seele schauen zu lassen. Das ist höllisch brutal."

Fest am Boden stehen

Für die hohe Dichte an rauen Charakteren in ihrer Burgtheaterzeit hat Barbara Petritsch, verheiratet mit dem Regisseur Nicolas Brieger, eine Erklärung: "Mir ist in meinem Leben noch nicht viel Schlimmes geschehen. Dadurch stehe ich sehr fest am Boden und kann es wagen, tief in das Dunkle einzutauchen. Da kann man leichter brutal und schonungsloser werden. Ich bin ein bissl das Krokodil - wie im Kasperltheater. "

Dabei hat alles ganz anders angefangen, genau genommen mit Prinzessinnenträumen: "Wenn meine Mutter Märchen vorgelesen hat, spürte ich schon den Drang, das Gelesene zu spielen. Irgendwann hat die Mama dann gesagt: Ja, das gibt's eh." Das erste Engagement führte Barbara Petritsch 1968 ans Stadttheater Klagenfurt. Gleich das Jahr darauf ging es weiter nach Deutschland, Hildesheim, später Nürnberg, Kassel, Frankfurt, München, Berlin. "Ich habe sehr naiv begonnen, eher 'natürlich' oder wie man so was nennt. Bis ich dann gemerkt habe: Ach so, nur herzig sein reicht nicht, das ist ja Arbeit! Bei der Medea hab ich dann meinen Killerinstinkt kennengelernt, ich musste ihn wecken. Und den lass ich jetzt zu."

Wilde Energie

Angesagte Regisseure wie David Bösch oder Stefan Bachmann schätzen das. Bachmann hat Petritsch zu der bisher überbordendsten Jelinek-Camouflage - in einem Nackt-Fatsuit - überredet, für deren Winterreise im Akademietheater. In Nicolas Stemanns Die Kontrakte des Kaufmanns wiederum stülpte sie sich eine Wolfskopf auf. An solchen Inszenierungen wird deutlich, wie viel wilde Energie in Petritsch schlummert, wie schonungslos sie sich in die Arbeit schmeißt. Davon haben Regisseure wie Peter Palitzsch, Hans Neuenfels, Ernst Wendt, Dieter Dorn oder Karin Beier gezehrt.

Barbara Petritsch denkt nicht ans Aufhören, im Gegenteil, sie freut sich jetzt schon auf die Rolle der Großmutter aus Geschichten aus dem Wiener Wald in zwanzig Jahren, wie sie sagt. Horváth wird ja mit Sicherheit immer gespielt werden. Aber: "Wo ist Werner Schwab?" Die Schauspielerin vermisst den österreichischen Dramatiker auf den Bühnen. Seine Frauenfiguren haben jene giftig-garstig-abgehärtete Schale, deren Kern Petritsch so unvergleichlich schonungslos freilegen kann.

Ihre nunmehrige Wiener Karriere genießt Barbara Petritsch doppelt, denn "das Publikum in Wien ist dem Theater sehr zugewandt. Frankfurt ist viel verschlossener. Berlin ist auch gut, die haben ein schnelles Hirn, das darf man den Wienern natürlich nicht sagen." (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 3.4.2013)

  • Eine Schauspielerin, die den Killerinstinkt in sich geweckt hat: Barbara Petritsch.
    foto: anna stöcher

    Eine Schauspielerin, die den Killerinstinkt in sich geweckt hat: Barbara Petritsch.

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