Wissen um Hanfzucht: Der treue Freund, der kein Denunziant wurde

2. April 2013, 18:05
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Einem 27-Jährigen wurde überraschend eine Hanfplantage präsentiert - nun saß er vor Gericht

Wien - Wann muss man einen Freund an die Polizei verraten? Ziemlich oft, wie Marcel S. mittlerweile weiß. Der sitzt am Dienstag im Wiener Straflandesgericht vor Richter Stefan Apostol und muss sich wegen des eher selten angeklagten Paragrafen "Unterlassung der Verhinderung einer mit Strafe bedrohten Handlung" verantworten. Die Strafandrohung: bis zu zwei Jahre Haft.

Genaugenommen hat ihn ein Hausbesuch bei seinem guten Freund in die Bredouille gebracht. "Er hat gesagt, ob ich mir nicht sein neues Haus anschauen will. Und als wir in die Garage gingen, war da eine Hanfplantage." Er sei "sehr erschrocken" gewesen und habe nicht gewusst, dass Valery O. Drogen anbaut, sagt er. S. selbst hat damals zwar auch Marihuana geraucht, allerdings aus einer anderen Quelle. Die Polizei entdeckte die Plantage und hielt S. zunächst für einen Mittäter. Als das vom Tisch war, präsentierte man ihm nun diese Anklage.

Es anzeigen müssen

"Was müssen Sie also machen, wenn Sie so etwas sehen?", will Apostol wissen. "Es anzeigen." "Haben Sie das damals gewusst?" "Nein." "Würden Sie es heute machen?" "Ja."

Die rechtliche Lage ist nicht unkompliziert. Denn grundsätzlich gibt es in Österreich keine Anzeigepflicht. Soll heißen, wenn einem jemand auf der Straße begegnet und sagt, er sei gerade ausgeraubt worden, kann man den Kopf schütteln und einfach weitergehen. Was zwar moralisch verwerflich, aber legal ist. Denn die Straftat ist schon passiert.

Anders sieht es aus, wenn man Zeuge eines Raubes wird: Dann muss man entweder zumindest die Polizei rufen, wenn man sich nicht strafbar machen will, oder selbst eingreifen. Und auch wenn man im Wirtshaus hört, dass über einen geplanten Raubüberfall geplaudert wird, muss man schon beginnen, die Notrufnummer der Polizei ins Handy tippen.

Keine hohe Verwerflichkeit

Im konkreten Fall kommt noch ein Detail dazu: Der Anbau des Rauschmittels ist ein Dauerdelikt. Baut man die Pflanzen an, um das Marihuana später zu verwenden, ist das strafbar. Selbst, wenn man bei der Ernte als Zeuge gar nicht dabei ist.

Angeklagter S. kommt gut davon. Obwohl er zwei verjährte, aber nicht einschlägige, Vorstrafen hat, urteilt Apostol milde. "Die Verwerflichkeit ist nicht allzu hoch. Eigentlich zielt der Tatbestand ja darauf ab, dass man bei einer Vergewaltigung nicht einfach wegschauen kann. Bei einem Freund ist es in einem Fall wie diesem ein anderer Unrechtsgehalt."

Statt einer Vorstrafe bekommt S. eine Diversion und muss 100 Stunden Sozialarbeit leisten. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 3.4.2013)

  • Hanfplantagen, wie hier bei Europol, sollte man anzeigen.
    foto: moe

    Hanfplantagen, wie hier bei Europol, sollte man anzeigen.

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