Schädel und DNA von "Urbrasilianern" bleiben ein Rätsel

2. April 2013, 17:52
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Botokuden könnten auch Sklaven-Nachfahren sein

Umgangssprachlich gilt ihre Bezeichnung in Brasilien als ziemlich abwertend: "Botocudo" ist ein Synonym für eine ungebildete Person mit schlechtem Benehmen. Eigentlich aber waren die Botokuden "Urbrasilianer", die noch im 19. Jahrhundert in den Wäldern des heutigen südöstlichen Brasilien lebten. Ihr Name leitete sich von den Holztellern ab ("botoque" bedeutet Holzpflock), die sie sich hinter die Unterlippe klemmten.

Die Botokuden gaben Anthropologen lange ein Rätsel auf, das durch neue Erkenntnisse nicht eben kleiner geworden ist. Forschern war nämlich schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass dieses Volk eigentümliche Schädelformen hat, die zwischen jenen anderer Uramerikaner und jenen der Erstbesiedler Polynesiens lagen. Wie aber sind die Polynesier nach Südostbrasilien gekommen?

Analysen mit mysteriösem Ergebnis

Um Licht ins Dunkel der Botokuden-Geschichte zu bringen, nahmen Genetiker nun DNA-Proben von 14 Botokuden-Schädeln eines Museums in Rio. Die Analysen, die in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "PNAS" veröffentlicht sind, machten die Sache nicht eben einfacher. Die sogenannte mitochondriale DNA entsprach zwar in allen zwölf Fällen jener von Paläoamerikanern, die vor mehr als 15.000 Jahren über die Beringstraße aus Asien nach Amerika einwanderten. Zwei Proben indes enthielten DNA, die auf Polynesier hindeutet - aber nicht nur. Diese DNA-Signatur findet sich nämlich auch, wenngleich weniger häufig, auf Madagaskar.

Nun gibt es also noch mehr Möglichkeiten, wie es zum fremden Erbe der Botokuden gekommen sein könnte: Denkbar sind weiterhin Beziehungen der Uramerikaner mit den Urpolynesiern. Wahrscheinlicher aber ist, dass von jenen 120.000 Sklaven, die zwischen 1817 und 1843 von Madagaskar nach Brasilien importiert wurden, einige mit Urbrasilianern Kontakt hatten. (tasch, DER STANDARD, 03.04.2013)

  • Der Name der Botokuden leitete sich von den Holztellern ab, die sie sich hinter die Unterlippe klemmten. Woher sie ursprünglich kamen, ist nach wie vor nicht restlos geklärt.
    foto: naturhistorisches museum, paris

    Der Name der Botokuden leitete sich von den Holztellern ab, die sie sich hinter die Unterlippe klemmten. Woher sie ursprünglich kamen, ist nach wie vor nicht restlos geklärt.

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