Manche Menschen mögen ihre Halluzinationen

2. April 2013, 11:24
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Der Neurologe Oliver Sacks möchte in seinem neuen Buch visuelle und akustische Fehlwahrnehmungen von ihrem Stigma befreien

Vor den Augen von Zelda spielen sich mehrmals am Tag skurrile Vorstellungen ab. Dann sieht die Amerikanerin schwarze hebräische Buchstaben in weißen Ballettröckchen über eine Bühne tanzen, berichtet der New Yorker Neurologe Oliver Sacks in seinem Buch "Drachen, Doppelgänger und Dämonen".

Das Werk informiert über Halluzinationen in der für Sacks typischen Liebe fürs Detail. Der Autor im Arztkittel beleuchtet seine Fälle mit wissenschaftlicher Akribie und viel Mitgefühl. Sein Anliegen: Visuelle und akustische Fehlwahrnehmungen von ihrem Stigma zu befreien.

Reihe von Ursachen

Halluzinationen können eine Reihe von Ursachen haben. Stress und Schlafentzug reichen dem Hirn, um Trugbilder zu produzieren. In anderen Fällen sind Migräne, Epilepsie, Parkinson oder Schizophrenie der Auslöser. Manche Menschen halluzinieren in ihrer Trauer über einen verlorenen Lebenspartner. Sacks selbst experimentierte in den 1960er Jahren mit Drogen und "sah" im Rausch unter anderem eine Schlacht zwischen England und Frankreich im Jahr 1415 auf seinem Ärmel. Ein anderes Mal führte er unter dem Einfluss von Drogen eine ernsthafte Unterredung mit einer Spinne, wie er im Buch einräumt.

"Schon in den 60er Jahren bin ich auf Patienten gestoßen, die in der Aura vor einer Migräne visuelle und andere Halluzinationen hatten", berichtet Sax. "Leider scheuen sich viele Patienten, über ihre Trugbilder oder -klänge zu sprechen." Halluzinationen seien nicht ungewöhnlich, nur wenig beschrieben.

Manche Menschen mögen ihre Halluzinationen. Der Chirurg Arthur, ein guter Klavierspieler, hatte eines Tages Musiknoten vor Augen. Allerdings stellte er bald enttäuscht fest, dass sie keinen Sinn machten. Die über 90-jährige Rosalie in der Bronx "sah" Menschen in morgenländischen Gewändern Treppen auf- und absteigen. "Es ist wie im Film", schilderte sie Sacks. Derweil genoss eine bettlägerige Patientin die imaginären Krankenbesuche eines unbekannten Mannes. Für ihn schickte sie sogar die eigene Familie nach Hause.

Von der Mehrzahl der Betroffenen aber werden Halluzinationen laut Sacks als störend und beängstigend empfunden. Zelda etwa "sah" außer tanzenden Buchstaben auch schauderhafte Wülste aus dem Gesicht anderer Menschen wuchern. Sie leidet am Charles-Bonnet-Syndrom, einer Überreaktion des Hirns auf nachlassendes Sehvermögen. Halluzinationen von Grauen und Schrecken seien als Folge extrem traumatischer Erfahrungen bekannt. Trugbilder von Geistern und Toten kämen nicht selten bei Menschen vor, die sich an einem Verbrechen schuldig fühlen.

Von Visionen heimgesucht

Der Autor verweist darauf, dass solche "Heimsuchungen und Halluzinationen eine wichtige Rolle in den Mythen und Literaturen aller Kulturen" spielen. "So erscheint Hamlet sein ermordeter Vater (...), um dem Sohn mitzuteilen, dass er umgebracht wurde und gerächt werden muss." Auch Charles Dickens, der selbst von Visionen heimgesucht wurde, beschäftigte sich in seinen Büchern, darunter der Weihnachtsgeschichte, mit Fehlwahrnehmungen.

Den bei Rowohlt erschienenen Band hatte Sacks ursprünglich als Teil seines Bestsellers "Das innere Auge" konzipiert. Wegen der Materialfülle gliederte er die Halluzinationen aber aus, sagte der Autor.

Das mag eine Fehlentscheidung gewesen sein. Dem Buch fehlt die Spannung, die Sacks mit den mitreißenden Schicksalen in seinem letzten Buch geschaffen hatte. Der neue Band hat außerdem Längen und ist sprachlich weniger geschliffen als "Das innere Auge". Inzwischen arbeitet der 79-Jährige an seinem zwölften Buch. Es beschäftigt sich mit dem Erinnerungsvermögen und der Entwicklung des Bewusstseins bei Mensch und Tier.

"Ich lese seit jeher mit Vorliebe über Biologie. Derzeit bin ich gerade wieder bei Darwin. Mich fasziniert unter anderem ein Kapitel über die Psychologie von Würmern", so Sax, der der Meinung ist, der Mensch könne nur dann verstanden werden, wenn zuvor die Tierwelt ergründet werde. In seinem neuen Buch wird er sich mit dem Gedächtnis und der Entwicklung des Bewusstseins befassen. "Aber dieses Mal werde ich bei Pflanzen und wirbellosen Tieren wie dem Wurm beginnen und mich von dort zum Menschen vorarbeiten", so der Wissenschaftler und Autor. (APA/dpa/red, 2.4.2013)

Oliver Sacks
Drachen, Doppelgänger und Dämonen
352 Seiten. 23,60 Euro
Rowohlt Verlag

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    Halluzinationen können eine Reihe von Ursachen haben: Stress und Schlafentzug, Migräne, Epilepsie, Parkinson, Schizophrenie oder auch Trauer können Trugbilder produzieren.

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    "Drachen, Doppelgänger und Dämonen" lautet der deutsche Titel des New Yorker Neurophysiologen und Autors Oliver Sacks.

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