Die vergessenen Inseln der Algarve

2. April 2013, 16:53
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Die Leuchtturmwärter auf Culatra in Portugal haben Weitblick: Sie sehen die Zeit kommen und halten sie rechtzeitig an

Nur der Wind schaut vorbei. Er trifft sich hier mit der Sonne. Und sonst ist fast niemand da, weil kaum einer von dieser Insel und den vier Nachbareilanden weiß. Zwei Orte nur gibt es, und kein einziges Hotel, keine Pension - weil die Einheimischen so etwas hier nicht wollen. Es würde Unruhe in ihren Alltag bringen, das Leben von 980 Einwohnern auf Culatra verändern. Jenes der Fischer und Muschelfarmer mit ihren Familien, und das der 14 Einwohner von Farol im äußersten Inselwesten, von denen die Hälfte als Leuchtturmwärter arbeitet. Ihr gemeinsames Ziel: die Zeit anhalten und den vertrauten Alltag festhalten, solange es geht.

Die fünf Eilande vor Faro und Olhão, die die Ria-Formosa-Lagune zum offenen Atlantik hin wie ein Riegel schützt, sind die vergessenen Inseln der Algarve: Orte mit nichts als kleinen Fischersiedlungen, Straßen aus Sand ohne Autos, mit Bars unter Markisen und mit langen Dünenstränden. Nur Traktoren zum Lastentransport sind unterwegs, wenn wieder mal ein paar Kisten Bier, eine Palette Mineralwasser und Kartons mit Cachaça-Flaschen angelandet werden. Sie tuckern vorsichtig durch die Gassen zu zwei Greißlereien, um nur ja nicht mit den Blumentöpfen vor den Veranda-Mäuerchen oder den Ästen eines Medronho-Baumes zu kollidieren.

Kurze Luftlinie mit Untiefen

Das Festland mit seinen Touristenhochburgen ist nur drei Kilometer Luftlinie entfernt. Dennoch braucht die Fähre von Olhão auf Zickzackkurs vorbei an Untiefen zwischen 30 und 45 Minuten bis zum Anleger der Hauptinsel Culatra, die so heißt wie ihr größter Ort. Bis nach sieben am Abend, wenn die letzte Fähre zurückfährt, bleibt nur, wer sich später ein Wassertaxi zum Festland ruft - oder einen kennt, der einen kennt, der sein Häuschen auf Culatra vermietet. Wer noch keinen kennt, muss am nächsten und am übernächsten Tag wiederkommen, jedes Mal beim Bier und der gegrillten Makrele für sieben Euro im Restaurant nach einem Quartier fragen, bis ihm schließlich irgendwer eines empfiehlt, weil er all die Tage so sympathisch gewirkt hat.

Auf Dauer leerstehende Häuser findet man hier nicht, weil es keine Flucht in die Stadt, kaum Wegzug gibt: "Die haben zu wenig Wasser dort drüben auf dem Festland, nur an einer Seite, nicht drumherum wie bei uns", scherzt Helder Mendonça. Außerdem sei es dort zu laut, zu schnelllebig - nichts, wo man auf Dauer sein mag. Er lebt zum dritten Mal hier und hat eigentlich nie weggewollt. Als Sohn von einem der Leuchtturmwärter aus Farol kam er hier vor bald vier Jahrzehnten zur Welt und wuchs im Schatten des 42 Meter hohen Ausrufezeichens aus Stein und weißem Putz auf. Sein Spielplatz war die 220 Treppenstufen vom Erdboden entfernte Plattform mit dem riesigen rotierenden Spiegel, die Tanzfläche seiner Jugend der Strand.

Solange es Leuchttürme gibt

Zur Ausbildung musste er aufs Festland - um anschließend zurückzukehren und den Job des Vaters zu übernehmen. Nach fünf Jahren wurde er routinemäßig auf einen Turm bei Lissabon versetzt, und jetzt ist er wieder zurück: für eine Fünf-Jahres-Schicht in Farol, mit guten Verbindungen vielleicht sogar etwas länger. Sein Sohn wird demnächst sechs. Was aus João einmal werden soll? Helder lächelt. "Am besten Leuchtturmwärter, am besten hier. Wenn es diesen Beruf dann noch gibt." Jetzt hat er Melancholie in seinem Blick. Es ist nicht ausgeschlossen, dass irgendwer die fünf Inseln bis dahin in die Zeit zurückgeholt haben wird: "Jetzt ist der Kontinent noch eine Ewigkeit weg. Vielleicht sind es bald wirklich nur noch die drei Kilometer."

Bisher sind die Inseln aber noch aus der Welt gefallen, und seit jeher bestimmen Mond und Gezeiten den Ablauf allen Tuns. Am Anfang steht jedes Mal die Fangfahrt der Fischer hinaus auf die Lagune oder den Atlantik. Meist gegen Mittag sind die Männer und mit ihnen die zwei Fischerinnen des Ortes zurück, haben ihre Ausbeute bereits drüben auf dem Festland in Olhão angelandet. Sie knoten ihre kleinen Boote mit so schönen Namen wie "Siempre Amigos - immer Freunde" an den Steg in Culatra oder ziehen die Nussschalen auf den Strand. Gemeinsam mit Sandro Manuel, der den ganzen Tag nichts anderes macht, sortieren sie am Ufer die Netze und verschwinden dann auf ein Sagres-Bier in einer der Bars, diskutieren über Fußball. Am Nachmittag, wenn der Geruch von gegrilltem Fisch aus jedem Innenhof aufsteigt, gehen sie nach Hause - und abends ist es schnell ruhig im Ort, weil die meisten früh in der Nacht wieder aufs Meer hinaus müssen.

Nur auf dem Fußballplatz ist dann noch was los. Der Dorfverein ist gerade von der fünften in die vierte Liga aufgestiegen. "Wer da bestehen will, muss viel trainieren", meint Adelino Guerreiro, der gegenüber der Fischerbar wonht und das Wappen seines Lieblingsclubs Sporting Lissabon neben die Haustür gemalt hat. Traurig ist er, dass nun nicht einmal mehr die Heimspiele der Inselmannschaft auf Culatra ausgetragen werden, weil ab der vierten Liga die internationale Normgröße des Fußballplatzes vorgeschrieben ist. Der Platz auf Culatra war nicht lange genug - und noch dazu deutlich zu schmal.

Heimspiel in der Fremde

Seit dem Aufstieg tuckern die Spieler und Fans nun immer mit der Fähre hinüber nach Faro. Dort hat man ihnen ein Stadion für die Heimspiele geborgt. Nur sieht es drumherum so gar nicht nach Heimat aus: Die eingeschoßigen, pastellfarben getünchten Bauten fehlen und die Veranden mit den vielen Blumentöpfen, der Sand. Und die unfassbare Ruhe.

"Culatra", sagen die Leute vom Festland, "sieht aus, als hätte es einen Brocken aus dem Nordosten Brasiliens vor Europas Küste gespült. Und irgendwie fühlt es sich dort auch so an." 980 Fischer und ein paar Leuchtturmwärter hoffen, dass das noch lange so bleibt. (Helge Sobik, DER STANDARD, Album, 30.3.2013)

  • Diese Straße verbindet die Ilha de Faro mit dem Festland und führt durch die Laguna von Ria Formosa.

    Diese Straße verbindet die Ilha de Faro mit dem Festland und führt durch die Laguna von Ria Formosa.

  • Der Frühling ist die ideale Reisezeit, um ebendiesen ein wenig früher als in Mitteleuropa im Naturpark Ria Formosa an der Algarve zu genießen. Das Schutzgebiet ist insgesamt 60 Kilometer lang und trennt den Atlantik durch sein Marschgebiet vom Festland. Im Frühjahr ist es besonders saftig grün, und viele Zugvögel nützen die Lagune als Rastplatz. Für den Sommer sprechen dagegen die kilometerlangen Sandstrände auf der Insel Culatra, die selbst während der Hochsaison an der Algarve nie überlaufen sind. Nur Schnorchler und Taucher aus der Region haben das kristallklare Wasser mit Sichtweiten von bis zu 15 Metern bereits für sich entdeckt.

    Der Frühling ist die ideale Reisezeit, um ebendiesen ein wenig früher als in Mitteleuropa im Naturpark Ria Formosa an der Algarve zu genießen. Das Schutzgebiet ist insgesamt 60 Kilometer lang und trennt den Atlantik durch sein Marschgebiet vom Festland. Im Frühjahr ist es besonders saftig grün, und viele Zugvögel nützen die Lagune als Rastplatz. Für den Sommer sprechen dagegen die kilometerlangen Sandstrände auf der Insel Culatra, die selbst während der Hochsaison an der Algarve nie überlaufen sind. Nur Schnorchler und Taucher aus der Region haben das kristallklare Wasser mit Sichtweiten von bis zu 15 Metern bereits für sich entdeckt.

  • Anreise: Flug mit TAP Air Portugal oder den Linien der Star Alliance von Wien - immer mit einem Zwischenstopp - nach Faro; hin und retour ab rund 180 Euro. Die Fähre von Olhão bei Faro nach Culatra kostet zwei Euro pro Strecke, die Reservierung ist nicht möglich.
 

    Anreise: Flug mit TAP Air Portugal oder den Linien der Star Alliance von Wien - immer mit einem Zwischenstopp - nach Faro; hin und retour ab rund 180 Euro. Die Fähre von Olhão bei Faro nach Culatra kostet zwei Euro pro Strecke, die Reservierung ist nicht möglich.

     

  • Unterkunft: Ferienhäuser auf Culatra von privat ab 300 Euro pro Woche. Für den Erstbesuch ideal: Doppelzimmer im Hotel Real Olhão direkt gegenüber auf dem Festland ab 66 Euro pro Nacht.
Weitere Infos zur Destination: Portugiesisches Touristikzentrum, Opernring 1, 1010 Wien: www.visitportugal.com oder regional: www.atalgarve.pt

    Unterkunft: Ferienhäuser auf Culatra von privat ab 300 Euro pro Woche. Für den Erstbesuch ideal: Doppelzimmer im Hotel Real Olhão direkt gegenüber auf dem Festland ab 66 Euro pro Nacht.

    Weitere Infos zur Destination: Portugiesisches Touristikzentrum, Opernring 1, 1010 Wien: www.visitportugal.com oder regional: www.atalgarve.pt

  • Das Naturschutzgebiet der Ria-Formosa-Lagune trennt die fünf Inseln vor Faro vom Festland und die Algarve in zwei "Zeitzonen": schnell und langsam.

    Das Naturschutzgebiet der Ria-Formosa-Lagune trennt die fünf Inseln vor Faro vom Festland und die Algarve in zwei "Zeitzonen": schnell und langsam.

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