Das Gegenbild Amerikas

1. April 2013, 19:21
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Umfassende Personale des US-Fotografen Walker Evans in der Landesgalerie in Linz

Linz - "No politics whatever" soll eine Bedingung von Walker Evans (1903-1975) gewesen sein, bevor er Mitte der 1930er-Jahre den Auftrag annahm, Porträts von Farmarbeitern und eine Dokumentation ihrer prekären Arbeits- und Lebensbedingungen zur Zeit der großen Depression im Süden der USA anzufertigen. Es sollten jene Fotografien werden, für die der Sohn wohlhabender Eltern aus St. Louis berühmt wurde. Und sie waren doch hochpolitisch.

Nicht nur diese Serie, die Familien von Kleinbauern und Landarbeitern völlig ohne Pathos zeigt, veränderte das Bewusstsein vieler Amerikaner. Mehr noch schrieben sich die Fotografien ein in das kollektive Bildgedächtnis, sie schufen ein lange bestimmendes Gegenbild zu einem urbanen, großstädtischen Amerika.

Die Ausstellung Decade by Decade in der Landesgalerie in Linz umfasst auch die Jahrzehnte vor und nach dieser stilprägenden Serie. Räumlich eröffnet sich die Schau sozusagen selbst - mit einem Selbstporträt des Künstlers: ein nachdenklicher Mann, der mit seinen klaren, freundlichen Augen den Besucher anblickt, ihn einlädt, sich dem nun Folgenden ausführlich zu widmen. Darunter auch selten gezeigte Bilder seiner Reise nach Tahiti oder ins vorrevolutionäre Kuba.

Früh positioniert sich Walker Evans zwischen den Genres der inszenierten Fotografie und von journalistischem Interesse geprägten dokumentarischen Arbeiten. Er definiert neu, experimentiert, dekonstruiert das Gewohnte, vor allem das Porträt: Zwischen 1938 und 1941 macht er sich auf in den Untergrund, er versteckt seine Kamera so in seinem Mantel, dass die Linse zwischen zwei Knöpfen hervorlugt, aber unsichtbar bleibt.

Die Subway Portraits zeigen Menschen in unbeobachteten Momenten, gedankenverloren. Die Gesichter seien von "nackter Ruhe", beschreibt Evans die Serie. Spätestens hier wird klar, wie viel Einfluss Evans auf nachfolgende Künstlergenerationen hatte. Nicht allein auf Künstler der Pop-Art, die seinen Faible für Werbung, Typografie und Massenprodukte aufgriffen, sondern für eine ganz aktuelle Generation von jungen Künstlern, die sich in der Schaffung neuer, persönlicher Zugänge innerhalb des Mediums Fotografie an Evans orientieren.

Mehr als 200 Vintage-Prints sind in der Ausstellung zu sehen, zu einem großen Teil stammen sie aus der Sammlung von Clark und Joan Worsick. Kuratiert wurde sie von James Crump, bis vor kurzem Chefkurator am Cincinnati Art Museum, eines der Partnermuseen für diese Ausstellung. Sie schafft es im Übrigen mit einer wunderbaren Ausstellungsarchitektur, gleichzeitig jene Unaufgeregtheit wie jene unbedingte, magnetische Präsenz aufzugreifen, die die Arbeiten Walker Evans selbst auszeichnen. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 2.4.2013) 

Bis 26. Mai

  • "Roadside gas station with miner's houses across street": Walker Evans schoss dieses Foto am 17. Dezember 1935 in Lewisburg, Alabama.
    foto: walker evans archive

    "Roadside gas station with miner's houses across street": Walker Evans schoss dieses Foto am 17. Dezember 1935 in Lewisburg, Alabama.

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