Was bringt ein Papst der Armen?

31. März 2013, 18:29
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Franziskus‘ Hinwendung zu den Schwächsten ist kein Ersatz für andere Reformen

Dass Papst Franziskus durch seinen bescheidenden Lebensstil, seine Volksnähe und sein  lebenslanges Engagement für Argentiniens Arme der Kirche zu neuer Popularität verhilft, har nicht erst die jüngste Standard-Umfrage gezeigt.

Aber kann der Papst der Kirche auch politisch eine neue relevante Rolle geben, indem er sie zu einem Fürsprecher von wirtschaftlicher Gerechtigkeit in aller Welt macht? Kann er so den Stillstand der 2000 Jahre alten Institution überwinden?

(Als Nicht-Katholik sollte ich Kirchenfragen eigentlich nicht kommentieren. Aber wenn sich die Kirche als politische Kraft definiert, betrifft es auch Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften.)

Es gibt keinen Zweifel, dass die Lebensgeschichte und die Botschaft von Jorge Maria Bergoglio, dieses Bischofs der Armen, weltweit auf viel Zustimmung stößt. Er knüpft hier an grundlegende christliche Werte von Barmherzigkeit und Mitleid an und auch an die so wichtige Schaffung der katholischen Soziallehre durch die Enzyklika „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII. vor 120 Jahren. Besser ein Papst der Armen als einer der Mächtigen, oder auch nur der Gelehrten, wie es Benedikt XVI. ein wenig war. Das ist gut für das Image, dagegen ist schwer etwas zu sagen.

Und wenn es dem Papst noch gelingt, die fragwürdigen Praktiken der eigenen Vatikanbank einzustellen, dann hätte er einen entscheidenden Beitrag zu finanzieller Sauberkeit gemacht.

Wenn man allerdings daraus schließt, dass die Kirche hier mit all ihrem moralischen Gewicht in die Fragen von Wohlstandsverteilung, Reform der Weltwirtschaftsordnung oder gar die Überwindung des Kapitalismus eingreifen kann und soll, da wird dann alles viel komplizierter.

Weder in Bergoglios Heimat Argentinien noch im weltweiten Kontext ist die Frage der Armut und ihrer Bekämpfung eine, die sich mit moralischer Gewissheit beantworten lässt. Wenn die Kirche den Armen helfen will, wofür soll sie dann eintreten?

Für höhere Sozialleistungen? – Die muss sich ein Land erst einmal leisten können. Für eine Umverteilung von reichen zu armen Staaten? – Die Erfolgsbilanz der Entwicklungszusammenarbeit ist nicht gut genug, als dass man ohne Zweifel argumentieren könnte, ein mehr an Geld würde viel verbessern.

Soll die Kirche das Ende des Sparkurses in Ländern wie Spanien und Portugal fordern? Wenn das die Länder näher zum Staatsbankrott bringt, dann ist für die Armen auch nichts gewonnen.

Eine Abkehr von freien Märkten haben auch schon Franziskus‘ Vorgänger in ihren Enzykliken gefordert. Doch diese anti-kapitalistischen Botschaften waren weder sehr durchdacht noch wurden sie sehr ernst genommen. Es gibt genügend Hinweise darauf, dass gerade in den ärmsten Ländern der Welt die Armen am meisten unter dem Fehlen halbwegs freier Märkte, bzw. ihr Missbrauch durch Mächtige und ihre Unterwanderung durch Korruption, leiden.

Franziskus muss nur an seinen Heimatkontinent denken. Die verheerenden Folgen einer populistischen, fehlgeleiteten Sozialpolitik konnte man in Argentinien unter dem Peronismus erleben. Die Bilanz von Radikalreformern wie in Venezuela ist ebenso äußerst fragwürdig. Erfolgreiche Armutsbekämpfung ist zuletzt im Nachbarland Brasilien gelungen – durch eine Mischung aus klugen staatlichen Programmen und wirtschaftsliberalen Reformen.

Wenn die Kirche in diesen Debatten einen Beitrag leisten will, dann tut sie sich schwer. Denn Priester und Bischöfe sind keine Ökonomen.

Wo die Kirche tatsächlich mehr zu sozialer Gerechtigkeit beitragen könnte, wäre auf dem Gebiet der Gleichstellung der Frauen. Auch in vielen katholischen Ländern gehen Mädchen zu kurz in die Schule, werden Frauen in der Ehe und in der Arbeitswelt massiv diskriminiert. Die Ärmsten in der Gesellschaft sind daher sehr oft die Frauen.

Aber hier käme die Kirche schon gefährlich nahe an jene gesellschaftlich-religiösen Fragen, bei denen sie sich selbst so schwer tut – darunter auch die der Empfängnisverhütung oder die Möglichkeit, sich von gewalttätigen Ehepartnern zu trennen. Und hier ist vom Papst wohl nicht viel zu erwarten. (Eric Frey, derStandard.at, 31.3.2013)

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