Lira für die Zyprioten

Blog29. März 2013, 19:15
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Anders als im Fall von Griechenland wird Zyperns Finanzkrise in der Türkei mit einiger Häme verfolgt.

Den Begriff „Schadenfreude“ gibt es im Türkischen bezeichnenderweise nicht. Im großen ewigen Werk des Karl Steuerwald – vulgo: Der große Steuerwald – finden wir nur trockene Umschreibungen der deutschen Häme wie „komşusuna gülme“, etwa das Lachen gegenüber seinem Nachbarn, oder „başkalarının zararlarına sevinme“, das Freuen über den Schaden der Anderen. Der Türke ist da gefinkelter, wenn es sein soll. Dann sagt er „Allah yardımcıları olsun“ – Allah möge ihnen helfen – was sich herzensrein anhört, aber auch gern heißen kann: Recht geschieht's!

„Allah möge ihnen helfen“, hat nun der türkische Europaminister Egemen Bagis den griechischen Zyprioten gewünscht und vorausgeschickt, dass man niemanden trete, der schon auf dem Boden liegt. Und auch, dass die Zyprioten herzlich willkommen seien, die türkische Lira zu nehmen, wenn sie aus der Eurozone gekickt werden. Das nennt man dann wohl Schadenfreude. Die Zyprioten mit ihren Sportlimousinen und ihrer Staatspleite tun der Mehrheit der Türken auf dem Festland wahrlich nicht leid.

Mit den Griechen und deren Finanzkrise ist das anders. Hämische Kommentare von türkischen Politikern oder Kommentatoren hat es in den vergangenen drei Jahren nicht wirklich gegeben, weit mehr Bedauern und Betroffenheit. Viele Griechen haben mittlerweile Arbeit in Istanbul gefunden – unter anderem als Flugpiloten, IT-Ingenieure, Sprachlehrer, an Universitäten. Zypern aber ist ein ungelöster Konflikt. Den einen Teil hält die Türkei seit bald 40 Jahren besetzt; den anderen, griechischen Teil erkennt sie nicht an. Ein EU-Kandidat, der keine diplomatischen Beziehungen zu einem EU-Mitglied unterhält, ergibt eine etwas schwierige Konstellation.

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu hat in den vergangenen Tagen, als die Zyprioten und ihre 20-Tage-im-Amt-Regierung ein Ultimatum von der EZB in Frankfurt bekamen, dann doch „zugetreten“: Die Idee der Regierung in Nikosia, künftige Einnahmen aus den Gasfeldern vor der Küste der Insel in einen „Solidaritätsfonds“ zur Finanzierung ihres Kredits mit zu verwenden, werde zu einer „neuen Krise in der Region“ führen, drohte der Minister. Ankara betrachtet auch den Meeresboden südwestlich der Insel noch als Teil des Kontinentalsockels der Türkei. Danach wärmte Davutoglu wieder den Vorschlag von Vier-Parteien-Verhandlungen über die Zukunft Zyperns auf (die zwei Teile Zyperns plus Griechenland und die Türkei). Der Zeitpunkt sei günstig, erklärte der türkische Außenminister. Doch Nicos Anastasiades und sein Kabinett haben wohl andere Sorgen im Moment.

In Nikosia machen dazu Verschwörungstheorien die Runde, wonach Israels Entschuldigung gegenüber der Türkei gleich auch den Weg für eine Kooperation bei der Ausbeutung von möglichen Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer auf Kosten der Zyprioten frei gemacht hat. Besonders plausibel scheint das nicht. Aber es mag manche in Ankara „unter dem Schnurrbart lachen lassen“ - „Bıyık altından gülmek“. (Markus Bernath, derStandard.at, 29.3.2013)

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