"Sindelar, der Messi der Dreißigerjahre"

29. März 2013, 18:55
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Kommt ein junger Argentinier nach Wien, weil er sich brennend für die historische Figur des Matthias Sindelar interessiert, dann führt das wohl oder übel auch an den Sportstammtisch des Standard

Wien – Die feine Gaststätte Zum Holunderstrauch ist für gewöhnlich brav christgewerkschaftlich frequentiert, aber im Innersten doch hauptsächlich tiefgrün, weshalb auch der eine oder andere Rote vorbeischaut aus der nahen Löwelstraße. Diesmal aber lässt der Wirt – der sonst kaum etwas Diesbezügliches auslässt – das Westtribünische hinter der Budel, ja erzählt gar den in violetten Ohren so wohlklingenden Witz vom Scheidungskind und Rapid.

Der Standard hat diesmal nämlich zu einem einfärbig violetten Stammtisch geladen, der nur nebenbei dem aktuellen Höhenflug galt. Geredet wurde in der Hauptsache von Matthias Sindelar (1903 - 1939), der am 10. Februar seinen 110. Geburtstag gefeiert hätte, was sich bis Buenos Aires durchgesprochen und dort im 24-jährigen Camilo Francka einen erstaunlichen Resonanzkörper gefunden hat.

Wiens weltbester Stürmer

"Ich möchte", erzählt der junge Mann, der dem Standard im Facebook über den Weg gelaufen ist, "ein Buch schreiben über Sindelar." Auf Spanisch. In Argentinien. "Deshalb bin ich in Wien, um alles zu erfahren." Begonnen hat sein Interesse mit der Nebenbemerkung eines Professors an der Universität. "Der sagte: 'Sindelar war damals der beste Spieler der Welt und Jude.' Ich habe daheim dann gegoogelt." Und gleich einen Narren gefressen an Austrias Allzeitbestem.

Zwar spricht Camilo Francka kein Deutsch, was Archivrecherchen mühsam macht, aber mit Hartnäckigkeit kann man einiges wettmachen. Und so kommt es, dass er über Sindelar praktisch eh schon alles weiß – auch dass er nicht jüdisch war, sondern quasi im Gegenteil –, "aber ich möchte auch Atmosphäre aufnehmen. Deshalb bin ich in Wien".

Um sich das leisten zu können, dieses zielgerichtete, interessengeleitete In-Wien-Sein, hat er sich als Au-pair ins hauptstädtische Umfeld vermitteln lassen, wo er jetzt zwei Buben das Spanische vermitteln soll – aber tatsächlich wohl das Violette vermittelt.

Den Standard-Sportlern taugt solche Leidenschaft, und so lag es nahe, einen zum Stammtisch zu bitten, der Sindelar noch tatsächlich erlebt hat: Norbert Lopper, Jahrgang 1919, siebzig Jahre älter als Francka. Der späte Wintereinbruch ist dem 94-Jährigen, der bis 1983 die Geschäfte der Austria führte, allerdings in die Beine gefahren. Echte Leidenschaft kennt aber die Fähigkeit zur Bilokation. Sohn Pierre brachte den Vater via Smartphone an den Stammtisch, und vom Deutschen wurde Sindelar ins Englische gehoben, auf dass er demnächst schon auf Spanisch wiedererstehen möge.

Wirbel in Budapest

"Sindelar, das war der Messi der Dreißigerjahre", sagt Francka. Ob er das nur so dahinsagt? "Nein, nein." Zweimal habe Sindelar den Mitropa-Cup, quasi die Champions League, gewonnen. "Beim zweiten Mal", so jetzt Lopper, "war ich schon mit dabei, 1936, gerade 17 war ich. Die Austria hat in Budapest gegen Újpest gewonnen, und einen riesigen Wirbel hat es gegeben, eine Schlägerei."

An sich war Norbert Lopper, der Brigittenauer, der ballesterisch im Augarten sozialisiert worden ist, Anhänger der Jedleseer Admira, spielte dann für einen Verein namens Sparta und später für die Hakoah, was ihn aber nicht daran gehindert hat – Friedrich Torberg hat ja beschrieben, wie das ging –, ein violettes Herz zu haben.

Und den Sindelar tief zu verehren. Einmal – leider nur ein einziges Mal – ist er ihm gegenübergestanden. "Das war 1933", erzählt das Smartphone den Stammtischlern, "in der Mariahilfer Straße, im Sportgeschäft Pohl." Camilo Francka nickt. "Yes, yes, yes", sagt er.

Immerhin war er ja schon im  Bezirksmuseum Favoriten, wo er sich vom Lokalhistoriker Walter Sturm hat erzählen lassen, wie das gewesen ist mit Sindelars Popularität und dem damit verbundenen Werbewert. Tatsächlich habe der Fußballer einige Monate in der Fußballabteilung beim Pohl gearbeitet, wo er unter anderem den "Sindelar-Spezialball" verkaufte, der nicht nur das Herz des 14-jährigen Norbert Lopper höher hat schlagen lassen, zumal in diesem Jahr 1933 Sindelar die Austria erstmals zum internationalen Titel führte.

Sieg gegen das nachmalige Inter

"Inter hat damals Ambrosiana geheißen", erzählt Norbert Lopper, "in Mailand haben wir 1:2 verloren, aber fünf Tage später in Wien 3:1 gewonnen." Das Rückspiel war auch das Duell der zwei besten Stürmer der damaligen Zeit. Sindelar erzielte drei Tore, sein diesbezüglicher Widersacher, Giuseppe Meazza, das 2:1 in der 85. Minute. "Yes, yes, yes", das alles weiß Camilo Francka klarerweise, aber eben nicht mit dieser atmosphärischen Dichte, aus dem Mund des Augen- und Ohrenzeugen, der auch den argentinischen Beitrag zum damaligen italienischen Fußball bezeugen kann. "Bei Juventus spielte einer." Francka nickt: "Yes, yes, yes."

Luis Felipe Monti, Beuteitaliener mit hohem Erinnerungswert gerade für Sindelar, der ihm vor allem 1934 mehrmals über und in den Weg  gelaufen ist, am schmerzlichsten im Halbfinale der WM in Italien. Monti war der Mann, den sie "Pferd" nannten. Im Spiel um Platz drei musste Sindelar dann pausieren. "Yes, yes, yes, I know."

Der Wiener Fußball – auch das hat Camilo Francka schnell begriffen – ist keineswegs eine bloß sportliche Angelegenheit. Wie auch, wenn Norbert Lopper mit am Tisch sitzt, den nichts auf der Welt interessiert hat – beziehungsweise hätte – als eben die Kickerei. Aber dann kam der März 1938 und die Flucht nach Belgien, wo er in Brüssel aus Verdienstgründen bei gleich zwei Vereinen spielte, Weiterflucht nach Südfrankreich, Rückkehr nach Brüssel, Transport nach Auschwitz, das er mit viel Glück überlebte, mit kaputtgefolterten Bandscheiben, was es ihm unmöglich machte, weiter aktiv Fußball zu spielen.

Also hängte er sein Herz ans Organisieren. 1952 betreute Lopper in Brüssel die angereiste Austria, die hier eine sensationelle Exhibition dargeboten hat gegen Tottenham – 2:2. Das war’s dann. Norbert Lopper kehrte nach Wien zurück, gründete einen Austria-Anhängerklub und schupfte bis 1983 die violetten Geschäfte.

Zwangsläufig violett

Sohn Pierre, Jahrgang 1958, wuchs daher auf den Fußballplätzen des Landes auf. "Mein Vater hat ja immer schon Stunden vorher dort sein müssen." Auch Sohn Pierre ist violett bis in die Knochen. "Ich hatte da wohl keine andere Möglichkeit."

Aufgewachsen ist Pierre klarerweise auch mit Sindelar, dessen Prophet Norbert Lopper bis heute ist. Vehement widerspricht er jenen, die Sindelar wegen der "Arisierung" eines Cafés ins Nazi-Eck rücken. Aber auch jenen, die ihm einen antinazistischen Freitod andichten wie einst Friedrich Torberg, den Lopper immerhin zu  den organisierten Austria-Fans gebracht hat. "Sindelars Tod war hundertprozentig ein Unfall."

Was genau nun den Camilo Francka zu seinem ungewöhnlichen Interesse gebracht hat – und dem verblüffenden Glauben, Argentinien könnte dieses teilen, weshalb ein Buch vonnöten sei –, lässt sich am Stammtisch nicht klären, was aber auch wurscht ist. Verrücktheiten wie diese brauchen keinen zureichenden Grund. Es genügt die Beschreibung Norbert Loppers: "Sindelar war ein technischer Spieler, ist aber auch in die Zweikämpfe gegangen. Und er war ein exzellenter Kopfballspieler." Camilo Francka – das sieht ihm ein jeder an – übersetzt das schon einmal ins Spanische.

Der Witz

Ach ja, der Rapidwitz des grünen Wirten: "Fragt der Scheidungsrichter das Kind: 'Zu wem willst? Mama? Papa? Nein, die schlagen mich. Wo willst du dann hin? Zu Rapid, die schlägt überhaupt keinen.'" (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD, 30.3. 2013)

  • Austrias Kurator Gerhard Kaltenbeck, Camilo Francka und Austrias Archivar Erich Krenslehner gratulieren im Museum der Austria Sindelar zum 110. Geburtstag.
    foto: francka

    Austrias Kurator Gerhard Kaltenbeck, Camilo Francka und Austrias Archivar Erich Krenslehner gratulieren im Museum der Austria Sindelar zum 110. Geburtstag.

  • Der Sportstammtisch im intensiven historischen Gespräch über die Legende: Camilo Francka, Norbert Lopper (via Handy) und Pierre Lopper (von links).
    foto: matthias cremer

    Der Sportstammtisch im intensiven historischen Gespräch über die Legende: Camilo Francka, Norbert Lopper (via Handy) und Pierre Lopper (von links).

  • Norbert Lopper (dritter von rechts) vertritt Sindelar bei der Präsentation von Austrias Jahrhundertelf anlässlich der Hundertjahr-Feierlichkeiten 2011.
    foto: dapd/artinger

    Norbert Lopper (dritter von rechts) vertritt Sindelar bei der Präsentation von Austrias Jahrhundertelf anlässlich der Hundertjahr-Feierlichkeiten 2011.

  • Sindelar gegen den deutschen Verteidiger Münzberg im sogenannten Anschluss-Spiel "Ostmark" gegen "Altreich" 1938, das die Österreicher 2:0 gewannen. 
    foto: apa/graf

    Sindelar gegen den deutschen Verteidiger Münzberg im sogenannten Anschluss-Spiel "Ostmark" gegen "Altreich" 1938, das die Österreicher 2:0 gewannen. 

  • Ambrosiana Inter - FK Austria Wien 2:1

     

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