Auftragsvergabe

29. März 2013, 17:16
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Gang vor einem Büro in einem Ministerium

(Ein etwa vierzigjähriger Mann - graumelierte Schläfen, modischer Anzug, Krawatte, Aktenköfferchen - geht nervös auf und ab, dabei immer wieder zur Bürotür blickend. Aus dem Büro zwei Männerstimmen.)

MÄNNERSTIMME 1: Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?

MÄNNERSTIMME 2: Nichts. Im Gegenteil. Ich habe dir etwas mitgebracht.

MÄNNERSTIMME 1 (entsetzt): Nein!

MÄNNERSTIMME 2: Das ist für dich! Und das auch! Und das!

MÄNNERSTIMME 1 (verängstigt): Nein! Bitte!

MÄNNERSTIMME 2: Wie, reicht es dir nicht? Na, gut, dann nimm das! Und das!

MÄNNERSTIMME 1: Aber warum? Wofür?

MÄNNERSTIMME 2: Weil du es verdient hast, du Hund! Du weißt es genau!

MÄNNERSTIMME 1: Bitte! Ich kann nicht!

MÄNNERSTIMME 2: Ach, du kannst nicht? Das werden wir ja gleich sehen! Da! Und da!

MÄNNERSTIMME 1: Aufhören! Bitte!

MÄNNERSTIMME 2: Hast du endlich genug? Sag es! Hast du endlich genug?

MÄNNERSTIMME 1: Genug, ja! Genug!

MÄNNERSTIMME 2: Dann sind wir uns einig?

MÄNNERSTIMME 1: Ja.

MÄNNERSTIMME 2: Gut.

(Pause. Der graumelierte Mann bleibt stehen. Die Bürotür geht auf, und ein schwerer, bärtiger, tätowierter Mann tritt auf den Gang.)

DER TÄTOWIERTE (zum Graumelierten): Sie haben den Auftrag.

DER GRAUMELIERTE: Wie viel?

DER TÄTOWIERTE: Zweihunderttausend.

DER GRAUMELIERTE: Schweineteuer. Und alles nur wegen diesem Scheißantikorruptionsgesetz. Wenn man nicht ordentlich bietet, geht niemand mehr ein Risiko ein. Der Wirtschaft schadet sowas natürlich enorm.

DER TÄTOWIERTE: Wenn wir es nach meiner Methode gemacht hätten, hätte es gar nichts gekostet.

DER GRAUMELIERTE (mit strafendem Blick): Wir sind Geschäftsleute, mein Lieber, keine Kriminellen.

(Vorhang)


(Antonio Fian, DER STANDARD, 30./31.3., 1.4.2013)

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