Geschichte (nach)spüren

29. März 2013, 17:06
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Martin Wallner war der erste Gedenkdiener in Schanghai. Von seiner Erinnerungsarbeit profitieren Schüler vor Ort und in Österreich

Eigentlich hatte sich Martin Wallner bei seinem Stellungstermin bereits für das Bundesheer entschieden - und dann kam doch alles anders: Wallner hatte von einem jüdischen Arzt aus dem Nachbarort erfahren, der während der NS-Zeit nach Schanghai ausgewandert war, und begann sich für den Gedenkdienst zu interessieren. Einer seiner Freunde hatte bereits in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem einen Gedenkdienst absolviert. Von ihm wusste er: Seit 1992 können junge Männer auch ein Jahr Gedenkdienst im Ausland als Wehrersatzdienst machen.

Der Innsbrucker Historiker und Politikwissenschafter Andreas Maislinger hatte sich seit dem Ende der 1970er-Jahre dafür eingesetzt, dass junge Männer nicht nur der Wehr- und Zivildienst offenstehen, sondern dass auch die Erinnerungsarbeit in Holocaust-Gedenkstätten als Dienst am Land gleichwertig anerkannt wird. Nach langen Mühen und vielen Diskussionen ist es ihm in den 1990er-Jahren gelungen, das damals vorherrschende falsche Bild Österreichs als erstem Opfer des Nationalsozialismus zurechtzurücken. Seither können sich Nachfahren der NS-Täter-Generation vom Innenministerium offiziell unterstützt im Ausland ein Jahr lang mit den Verbrechen der Eltern und Großeltern auseinandersetzen.

Rund 500 junge Männer waren bisher über die Vereine Gedenkdienst, Niemals Vergessen und den Österreichischen Auslandsdienst in Holocaust-Gedenkstätten und an jenen Orten, die vor dem NS-Regime Flüchtende aufgenommen hatten, um den Opfern und Tätern österreichischen NS-Geschichte nachzuspüren und an sie zu erinnern. Martin Wallner ist einer davon. Dass der Ort seines Einsatzes Schanghai wurde, war 2005 etwas Neues: Während auf Gedenkdiener in den Zentren in Israel und den USA oder in ehemaligen Konzentrationslagern in Deutschland bereits gut organisierte Strukturen warteten, war Schanghai noch nicht in den Programmen mit dabei. Dabei lebten hier zehn Jahre lang zirka 30.000 Deutsche, Österreicher und Tschechen, die sich in ihren Herkunftsländern zumeist vollständig assimiliert hatten, aber ab 1938 von den Nationalsozialisten als Juden definiert flüchten mussten. Wallner wollte sich "der Herausforderung, etwas Neues aufzubauen, stellen", sagt er heute.

Neues aufbauen

Also besuchte er einen Chinesischkurs, nahm mit den Leuten vor Ort, aber auch mit Gedenkdienern und jüdischen Institutionen in Wien Kontakt auf und stellte sein Projekt des Gedenkdiensts in Schanghai auch während einer Reise nach Israel in der Residenz des Botschafters vor. Dazu absolvierte er Seminare für Gedenkdiener. Und nach einem langwierigen Genehmigungsverfahren und einem dreimonatigen Praktikum im Generalkonsulat in Schanghai war es schließlich so weit: Wallner konnte im Februar 2006 im Center for Jewish Studies an der Shanghai Academy of Social Sciences seinen Dienst beginnen. Er war damit einer von wenigen Ausländern, die am Institut arbeiteten und studierten, als Maturant unter den vielen Doktoren noch dazu einer der Jüngsten.

Nichtsdestotrotz legte er damit als Erster den Grundstein für weitere Gedenkdiener in Schanghai. Zu tun gab es in dem Jahr Gedenkdienst vieles: Wallner übersetzte deutsche und chinesische Texte ins Englische, versuchte mit vielen Zeitzeugen Kontakt aufzunehmen und Interviews zu führen, um mehr über die Geschichte der nach Schanghai geflüchteten Juden zu erfahren. Er arbeitete an Ausstellungen mit, organisierte Treffen von Überlebenden, die zu den Orten ihrer persönlichen Geschichte zurückreisen und einige ihrer Weggefährten wiedersehen wollten, und erzählte in Schulen von deren Erfahrungen.

Die jüdischen Flüchtlinge kamen in den Jahren 1938 bis 1941 in Schanghai an, konnten die damals von Japan besetzte Region als eine von wenigen weltweit ohne Visum erreichen. Sie konnten sich nur in einem abgegrenzten Ghetto, in dem auch Chinesen lebten, ein neues Leben aufbauen - mit Kaffeehäusern, einer eigenen Zeitung, mehreren Synagogen. Eine davon, die Ohel-Moishe-Synagoge, erinnert noch heute als Gedenkstätte an sie. Das Leben von Flüchtlingen, Japanern und Chinesen in Schanghai war mehr ein Nebeneinander, ein Miteinander war wegen der sprachlichen Barrieren und Bildungsunterschiede oft nicht möglich. Ressentiments gegenüber Juden hatten die Chinesen keine, sondern eher gegenüber den japanischen Besatzern. Die jüdischen Flüchtlinge wurden geduldet. Trotzdem durften sie das Ghetto nur mit Pass verlassen. Schanghai war zwar die Rettung vor dem Holocaust, es gab aber auch im Ghetto Krankheiten und Hunger, manche überlebten auch hier die NS-Zeit nicht. Weil Japan ein Verbündeter der Deutschen war, traf man damals selbst 8500 Kilometer vom Zentrum des Regimes entfernt auf Nazis. Und das wäre den Flüchtlingen beinahe zum Verhängnis geworden, weil diese ein KZ errichten wollten. "Die Japaner sahen zwar wenig Unterschied zwischen deutschen Juden und Nazi-Deutschen, aber das haben sie verhindert", erklärt Wallner. Spätestens 1949 mussten die Flüchtlinge Schanghai wieder verlassen.

Aus- und Nachwirkung

In der danach von der kommunistischen Volksbefreiungsarmee Chinas besetzten Stadt waren Ausländer als vermeintliche Imperialisten generell nicht willkommen. Viele übersiedelten in die USA oder nach Israel, einige wenige kehrten in ihre Herkunftsländer zurück, und nur 50 sind geblieben. Ihre Geschichten bleiben in den Täterländern wie Österreich oft unerzählt, das übernahm Martin Wallner - wie andere Gedenkdiener auch - in Schulen, die er nach dem Jahr besuchte. Mit dabei ist jene einer alten Dame aus den USA, die mehr als 60 Jahre nach Kriegsende ihrer Tochter zum ersten und letzten Mal das Haus zeigen konnte, in dem sie in Schanghai überlebte. Noch am selben Tag wurde es abgerissen.

Martin Wallner profitierte aber auch selbst vom Gedenkdienst. Er wurde mit einem Stipendium für ein Studium an der Eliteuniversität Harvard zugelassen, "dort versucht man einen möglichst vielfältigen Jahrgang zusammenzustellen", meint er und hat wohl mit dieser besonderen Auslanderfahrung gepunktet. Er konnte historische Beziehungen von Mitteleuropäern zu Asien kennenlernen und beschäftigte sich in seiner Abschlussarbeit auch mit den Einflüssen Chinas auf Europa im 16. und 17. Jahrhundert. Dazu kamen Sprachkenntnisse, die Offenheit, Neues zu wagen, und die Selbstständigkeit, die er erlernt hat.

Wallner ist heute mit seinen 27 Jahren Unternehmer, hat seine Geschäftsidee der Internetapotheke Vamida.at von Tschechien aus mit zwei Investoren umgesetzt und leitet ein 15-köpfiges Team. Aber auch Schanghai lässt ihn nicht mehr los: In zwei Monaten ist er wieder da, besucht Freunde: "Mal schauen, ob da auch neue Geschäftsideen entstehen." Und da ist auch noch die Geschichte des Arztes aus dem Nachbarort, zu der Wallner keine Informationen gefunden hat, die also noch auf ihre Aufarbeitung wartet. (Martina Madner, DER STANDARD, 30./31.3./1.4.2013)

  • Martin Wallner legte als Erster den Grundstein für die weitere Arbeit von Gedenkdienern in Schanghai.
    foto: privat

    Martin Wallner legte als Erster den Grundstein für die weitere Arbeit von Gedenkdienern in Schanghai.

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