Scheidungskinder: Verschafft euch Gehör!

Kolumne31. März 2013, 17:00
72 Postings

Wenn geschiedene Eltern nicht mehr miteinander sprechen, werden Kinder gerne als "Verbindungsstück" missbraucht. Dagegen sollten sie sich wehren

Eine Leserin schreibt an Jesper Juul:
Ich bin 16 Jahre alt und lese Deine Kolumne regelmäßig, obwohl ich zu jung bin, um selbst Kinder zu haben. Heute habe ich eine Frage: Die Eltern meiner besten Freundin, sie ist 17, haben sich vor einem halben Jahr scheiden lassen. Das war ein Schock für die ganze Familie. Sie wirkten immer so perfekt und glücklich. Der Vater ist, ohne vorher lange darüber zu reden, einfach ausgezogen, die Mutter war am Boden zerstört. Für meine Freundin war es total schwierig. Es war fürchterlich, der Umzug, alles neu. Nach neun Monaten hatte der Vater plötzlich eine neue Freundin. Dann wurde alles sehr viel schlimmer.

Meine Freundin und ihre Geschwister haben ihm gesagt, dass sie im Moment keine neue Familie haben möchten. Meine Freundin streitet ständig mit ihrem Vater. Das war vor einem halben Jahr, und meine Freundin will die neue Freundin ihres Vaters bis heute nicht sehen. Der Vater will, dass meine Freundin und ihre Schwester seine neue Freundin in ein paar Wochen treffen.

Das größte Problem ist, dass die Eltern nicht miteinander sprechen wollen. Ihre Kommunikation läuft über die Kinder. Auch Rechtsanwälte haben es nicht geschafft, dass die beiden miteinander reden. Meine Freundin hat ihren Eltern eine Million Mal gesagt, dass sie nicht will, dass sich ihre Eltern über sie und ihre Geschwister verständigen, aber sie machen einfach weiter. Was kann sie tun, um ihre Eltern zu erreichen? Und was sollten ihre Eltern tun?

Jesper Juul antwortet:
Es ist eine schrecklich unangenehme und schmerzvolle Situation, in der sich Deine Freundin befindet. Wenn es Kindern nicht gelingt, zu ihren Eltern durchzudringen, kann es helfen, ihnen zu schreiben.

Den Eltern empfehle ich, endlich Charakter zu zeigen. Vermutlich denken beide sehr angestrengt darüber nach, wie sie die richtigen und authentischen Worte finden, die ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse und ihren Schmerz ausdrücken. Ich vermute, dass es den Eltern Deiner Freundin unmöglich ist, mit den Bedürfnissen der Tochter umzugehen. Und Deine Freundin sagt ihnen nicht, wann es für sie wirklich genug ist. Deshalb scheitern all ihre Versuche. Deshalb werden beide Eltern wütend und fühlen sich hilflos. Denn derzeit ist Deine Freundin für sie nur eine weitere irrationale Stimme im chaotischen Universum.

Man würde von den Eltern erwarten, dass sie ihre Tochter ernst nehmen und sich um sie kümmern, aber das tun sie nicht. Deine Freundin muss das für sich selbst übernehmen. Das bedeutet, dass sie jetzt schnell erwachsen werden muss, in dem Sinne, dass sie für sich selbst sorgen kann. Sie sollte das nicht als allzu großes Unglück ansehen, denn es wird für ihre zukünftigen Beziehungen als erwachsene Frau von großem Nutzen sein.

Deine Freundin könnte ihren Eltern schreiben, wie schlimm die letzten Monate für sie waren. Dass die Eltern immer liebevoll und gut zu ihr waren und dass sie deshalb die kindliche Erwartung hatte, dass Mutter und Vater auch auf sie aufpassen würden, wenn sie einmal in Schwierigkeiten ist. Sie hat nun aber gelernt, dass die Eltern das nicht können. Beide sind so mit ihren eigenen Gefühlen und "Projekten"  beschäftigt, dass sie die Gefühle und Grenzen der Tochter nicht ernst nehmen können.

Ihre Freundin könnte ihren Eltern sinngemäß schreiben: "Ich will, dass ihr damit aufhört, mich zu missbrauchen, um miteinander zu kommunizieren. Wenn es noch einmal passiert, dann werde ich mich einfach umdrehen und weggehen. Das ist die einzige Möglichkeit, um mich selbst zu schützen. Ich werde euch beide weiterhin lieben, aber das bedeutet nicht, dass ich mir euer unreifes Benehmen weiter gefallen lasse – auch wenn ich es teilweise verstehe. Ihr könnt das natürlich als eine Zurückweisung verstehen, das ist es aber nicht. Ich versuche nur, mich selbst und die Beziehung zu euch zu schützen." Deine Freundin sollte ihre Eltern bitten, über ihre Zeilen nachzudenken und ihr zurückzuschreiben. Nicht über ihr persönliches Glück oder Unglück, sondern über die Beziehung zu ihr. Und darüber, wie sie sich die Zukunft vorstellen.

Dem Vater könnte Deine Freundin sagen, dass sie seinen neuen Liebling erst treffen wird, wenn es ihr passt. Sie könnte ihm zu verstehen geben, dass er mit seinem Benehmen in den letzten Monaten das Recht verloren hat, darüber zu entscheiden, was sie tun oder lassen soll. Sie sollte nicht bereit sein, seine Fröhlichkeit zu teilen, so lange er ihr Unglück beschert. Sie weiß jetzt, dass auch ihr Vater nicht alles kann und seine Grenzen hat, die auch sie betreffen.

Wenn Deine Freundin das liest und sich und ihre Familie in meinen Worten wiederfindet, so kann sie ihre eigenen Worte verwenden. Sie sollte aber nicht ihre eigenen Gefühle beschreiben oder an das "Gute" in ihren Eltern appellieren, sondern ganz klar ausdrücken, wo sie steht und was sie sich für ihre zukünftige Beziehung zu ihren Eltern wünscht. Sie hat absolut das Recht, diese Beziehung mitzugestalten.

Du fragst, was die Eltern Deiner Freundin machen sollten, um die Situation zu verbessern. Das ist schon schwieriger. Der Vater ist wegen seines neuen Glücks ganz mit sich selbst beschäftigt. Die Mutter wird wegen der Trennung vielleicht noch ein paar Jahre brauchen, bis sie in der Lage ist, sich annehmbar dem Vater und den Kindern gegenüber zu verhalten.

Deshalb ist es für Deine Freundin jetzt so wichtig, sich selbst als Erwachsene zu sehen. Wenn sie das nicht tut, wird sie zum Opfer der Scheidung ihrer Eltern und geht das Risiko ein, all das Gute zu verlieren, das sie von ihnen bekommen hat. Sie braucht jetzt ein neues und sicheres Netzwerk, von dem du ein Teil sein könntest. Sprich mit Deiner Freundin über ihre Kindheit und hilf ihr dabei, sich von diesem Teil des Lebens zu verabschieden. Und halte ihre Hand, wenn sie Angst vor dem Erwachsensein hat. (Jesper Juul, derStandard.at, 31.3.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 14. April.

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

Share if you care.