"Möchte keine Schlägereien provozieren"

29. März 2013, 17:52
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US-Bariton Thomas Hampson über die Salzburger Festspiele, Krisen, lästige Verkühlungen und die Lust am Musikdisput

Wien - Zu solch ironischen Selbstdeutungen kann nur jemandem zumute sein, der gut unterwegs und drauf ist: "Ein Sänger betrachtet sein Leben wohl als Abfolge von Krisen. So gesehen, bin ich schon seit dreißig Jahren in der Krise. Es gab allerdings ein paar Phasen, die gut funktioniert haben - und ich möchte mich auf diese konzentrieren", sagt Bariton Thomas Hampson.

Ein Blick in den Kalender des 57-Jährigen Amerikaners zeigt, dass weitere gute Phasen hinzukommen könnten. Man wird Hampson an der Wiener Staatsoper in Verdis Traviata (ab 11. 5.) und im Sommer - bei den Salzburger Festspielen - in Don Carlo hören: "Regisseur ist Peter Stein, Dirigent Antonio Pappano - ich wollte unbedingt dabei sein, auch wenn das Angebot recht spät kam. Intendant Alexander Pereira, so hektisch er manchmal auch wirken mag, hat interessante Ideen."

In Bälde (13. und 17. 4.) ist abermals Verdi angesagt: Im Wiener Konzerthaus wird zweimal Simon Boccanegra konzertant aufgeführt und für eine Gesamtaufnahme bei Universal mitgeschnitten - in Zeiten wie diesen bemerkenswert: "Es war eine Bedingung von mir, dass live aufgenommen wird. Das ist quasi das Leonard-Bernstein-Modell." In Hinblick auf das laufende Verdi-Jahr käme die Aufnahme zwar recht spät, allerdings:

"Die Idee zu diesem Projekt kam unabhängig von Verdis Jubiläumsjahr. Ich bin mir auch nicht sicher, ob dessen Aufnahmen 2013 so immens mehr Abnehmer finden, ob jetzt alle Verdi summen. Ich denke: Nur die integralen Boxen - quasi 'Verdi von A bis Z' - werden profitieren."

Demnächst wird über Hampson auch ein Buch erscheinen: "Das wird aber keinesfalls eine Autobiografie, was beim Henschel-Verlag erscheint. Ich schreibe gar nichts, ich bin auch nicht fähig dazu."

Eigene Beobachtungen

Es soll, so Hampson, der 2014 an der New Yorker Met in Wozzeck singen wird, eher eine Sängerbiografie in Gesprächsform werden, "bei der ich einige meiner Beobachtungen vermittle. Auch Warnungen werden wohl dabei sein, obwohl ich mich nicht allzu wichtig nehmen will. Aber nach 25 Jahren in dieser Branche glaube ich doch, etwas aussagen zu können. Mein Publikum bei diesem Buch sind somit wohl auch die Künstlerkollegen der nächsten Generation." Von Hampson lernen, heißt wahrscheinlich, auch eine gewisse Gelassenheit bezüglich der Stimme erlangen: "Ich möchte glauben, dass ich zunehmend freier werde - als Person, aber auch bezüglich der gesanglichen Mittel und meine Ausdrucksmöglichkeiten betreffend. Sicher, es gibt diesen oder jenen Spitzenton, der nicht mehr so leicht funktioniert. Aber ich sehe das nicht als schmerzhaften Verlust. Manches geht, anderes kommt."

Unter anderem bisweilen natürlich eine Verkühlung. "Keiner sagt gerne ab! Es ist frustrierend, man fühlt sich als Versager. Jedoch: Man kann sich nie gesundsingen. Es war oft mein Fehler, ,das geht schon' zu sagen und zu glauben: 'Okay, das Publikum hört die Indisposition ein bisschen, aber immerhin bin ich da.' Man möchte einfach glauben, dass das wichtig ist. Ich bin da nicht mehr so sicher." Eine Zauberformel, wie man Unpässlichkeiten verhindert, hat er nicht: "Gymnastik, Diät, Schlaf - wenn ich bei diesen Punkten diszipliniert bin, habe ich die Balance, um nicht krank zu werden. Ich bin auch grundsätzlich vorsichtiger geworden, sitze eigentlich fast immer mit einem Schal im Flugzeug. Aber wenn dich einer anhustet, hilft das nicht viel ..."

Sympathie für Modernes

Wenn alles gutgeht, hört man von Hampson jedenfalls in ferner Zukunft auch Uraufführungen - die Moderne ist ihm grundsätzlich wichtig, "Ich könnte mir gut vorstellen, beim Festival Wien Modern etwas zu machen. Grundsätzlich sollten wir unsere Ohren immer ein bisschen mehr fordern, als wir das gemeinhin tun. Ich habe auch nichts gegen Diskussionen und Ausbrüche bei Konzerten. Aber natürlich möchte keine Schlägereien provozieren." (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 30./31.3./1.4.2013)

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    Bariton Thomas Hampson: "Gymnastik, Diät, Schlaf - wenn ich in diesen drei Punkten diszipliniert bin, habe ich die Balance, um nicht krank zu werden." 

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