"BioShock Infinite" im Test: Am Abgrund einer fliegenden Stadt

Rezension1. April 2013, 11:56
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Eine Dystopie, die man nicht nur hören und sehen, sondern selbst erleben sollte

In den Schuhen von Privatdetektiv Booker DeWitt wird man beauftragt, eine junge Dame namens Elizabeth aus der fliegenden Stadt Columbia zu befreien. Es ist das Jahr 1912 und so unglaublich diese Utopie erscheint, ertappt man sich wenige Informationshappen später dabei, wie man in eine Rakete klettert und in Richtung Wolken rast. Dort oben, wo so manche Religion Gottes Reich wähnt, lichtet sich der Blick auf eine Welt, die dem Himmel eben so nah wie der Hölle ist. "BioShock Infinite" ist kein gewöhnliches Videospiel.

Kein Hort der Glückseligkeit

Um DeWitt die Dringlichkeit seines Auftrags klar zu machen, lassen ihn die Drahtzieher auf dem Weg in die Stadt einen sitzenden Mann passieren, dessen Kopf mit einem Stoffsack verhüllt wurde. Das durchgesickerte Blut an den Stellen wo Augen und Nase sein sollten und das Werkzeug auf einem Tisch daneben lassen keinen Zweifel daran, dass das Leben langsam aus seinem Körper gequetscht wurde. Um seinen Torso hängt ein Schild: "Enttäusche uns nicht". Es sind erst wenige Minuten seit dem Start des Abenteuers vergangen, aber spätestens jetzt ist klar, dass dieser Auftrag wenig mit Heldentaten geschönter Propagandamärchen zu tun hat. Wer ist Elizabeth und was stimmt mit diesem fliegenden Imperium nicht, das von seinem Schöpfer, Vater Comstock, und dessen Schützlingen als Hort der Glückseligkeit gepriesen wird?(Video: Die ersten 15 Minuten von "BioShock Infinite")

Stadt der Unmöglichkeiten

Antworten auf diese Fragen findet man in den folgenden 12 bis 15 Stunden, die sich noch zur dramatischen Rettungsaktion entwickeln sollen, zu Hauf. In den schwebenden Straßen angekommen, findet man zunächst etwas Zeit, um das Wesen Columbias kennenzulernen. Stummfilme erzählen von der Vision, mit der fliegenden Stadt die Kultur der Vereinigten Staaten von Amerika auf der ganzen Welt zu verbreiten. Comstocks Worte und Werte sollten wie Regen auf die Menschheit niederfallen.

Auf einem Jahrmarkt lauscht man höflich turtelnden Pärchen und findet bei den Kirmesständen die eine oder andere Attraktion. Beiläufig wird man beim Dosenschießen und Teufelvertreiben mit den später so dringend benötigten Fähigkeiten vertraut gemacht. Über Zaubertränke können die genetischen Eigenschaften des Körpers soweit verändert werden, dass man Feuer zu Geschoßen bändigen und Maschinen manipulieren kann. Wirklich alles scheint hier möglich zu sein.

Der Abgrund 

Es sind aufregende Erfahrungen. Positive Erfahrungen. Bis zu dem Moment, als man auf eine illustre Runde stößt und als Neuling dazu eingeladen wird, einen gefesselten weißen Mann und dessen dunkelhäutige Frau mit einem Stein zu bewerfen. Härter noch: In DeWitts Haut wird es einem freigestellt, das winselnde Paar oder den hetzenden Schausteller zu beschießen.

Es ist ein Einstieg in eine Fantasiewelt, der einen mit der vollen Härte der Realität erwischt und lange nicht in Vergessenheit geraten wird.  

Physische Gewalt

Stunden später, als der farbenfrohe Schleier dieser Dystopie längst gefallen ist, hat sich die psychische Grausamkeit der ersten Szenen in rohe physische Gewalt gewandelt. Die Welt, die einen Anfangs als neuen Jünger aufgenommen hatte, stellt sich nun mit all ihren Waffen und Monstern gegen einen. Die Geschichte wandelt sich zum Actionfeuerwerk, bei dem man nach jedem Fehltritt Maschinengewehrsalven und Zaubersprüche besser zu jonglieren versucht. Wie bei "Stein, Schere, Papier" zählt oft weniger die Feuerkraft als der zeitgerechte Einsatz der richtigen Fähigkeit. Man wird zum Krieger gegen Feinde, deren Ideale man nicht versteht und hofft bei allen Reizen der gespielten Gewalt unaufhörlich die Geheimnisse dieser Gesellschaft zu entschlüsseln.

Keine Prinzessin

Anstatt sich in den Banalitäten eines üblichen Shooters zu verlaufen, hört "BioShock Infinite" wie ein ewig kreisender Strudel nicht auf, einen vor den Kopf zu stoßen. Die Befreiung Elizabeths ist von Beginn an unausweichlich und dennoch fühlt man sich schießend an ihrer Seite selten als tapferer Ritter. Sie ist eine zum Leben erweckte künstliche Intelligenz und eine fantastische Begleiterin. Nach dem dritten entmachtenden Wimpernschlag hat man begriffen, dass sie DeWitt ebenso beschützt, wie er sie. In den Gefechten wird sie zur Partnerin, wirft einem Munition zu, wenn man sie braucht und verkürzt Wege, anstelle sie zu blockieren. Weshalb wehrt sich diese Festung dieses Wesen gehen zu lassen?

Was ist Columbia?

Es sind gewaltige Momente, in denen man brennenden Ungetümen genauso wie gigantischen Greifvögeln entgegentritt. Das Zusammenspiel des Duos ist so fließend wie die luftigen Schienen, die sich durch Columbia ziehen. Mit einem Greifarm ausgestattet, der sich für grauenvolle Nahkampfattacken missbrauchen lässt, klinkt man sich ein und schwirrt an den schwankenden Jugendstil-Prachtwerken und mit Selbstschussanlagen bestückten Zeppelins vorbei. Und irgendwo in den Höhen erkennt man, was Columbia für einen persönlich bedeutet. Ob ausgefallene Kulisse für einen Shooter, Rollenspiel, Satire oder ungeschöntes Spiegelbild - von allem ein Bisschen und in Summe sehr viel. Columbia ist eine fliegende Metapher für Fremdenhass, religiösen Fanatismus, die Abgründe unserer Gesellschaft.  

Kein besserer Trick

Es drängt sich auch die Frage auf, ob ein Shooter das richtige Trägermaterial für so eine vielschichtige Erzählung ist. Wäre die Erfahrung als Action-Adventure mit Rätseln und einer Betonung auf Entdeckung noch intensiver? Und es enttäuscht, dass man aus den liebevoll, wenngleich etwas hölzern in Szene gesetzten Statisten nicht mehr entlocken kann, als ein automatisiertes "Guten Tag".

In den besten Momenten verlaufen althergebrachte Genregrenzen fließend. In anderen Augenblicken zweifelt man wiederum daran, dass die manuelle Aufnahme aller sammelbaren Gegenstände heute noch zeitgemäß ist oder einfach nur zeitraubend. Den Entwicklern scheint einfach noch kein besserer Trick eingefallen zu sein, die Spieler zur Erkundung zu ermuntern, als die Hoffnung auf eine Hand voll mehr Munition.

Kein Mitläufer

Aber das sind vereinzelte Reibungspunkte, die von der Flut an Herzschlagmomenten aufgehoben werden. Von jeder atmenden Pore dieser schnaufenden Maschine Columbia ist abzulesen, dass hier selten talentierte Köpfe viele Jahre lang an einer großen Idee geschraubt haben. Entwickler Irrational Games machte sich nichts aus Trends und verzichtete auf 2013 scheinbar obligatorische Features wie einen Mehrspielermodus oder eine automatische Regeneration. Es ist ein harter Shooter der alten Schule in einer faszinierend schrecklichen Welt, der zeigt, dass sich die Fokussierung auf das Wesentliche schlussendlich immer bezahlt macht. Natürlich wäre es interessant, Elizabeth von einem menschlichen Mitspieler steuern lassen zu können. Doch würde dies nicht die besondere Beziehung der Protagonisten zerstören? Und gewiss wäre es ein riesiger Spaß, mit Freunden in den Wolken abschießen zu spielen. Doch welches Gewicht hätten die schweren Fundamente dieses Universums dann noch?

TLDR

"BioShock Infinite" ist ein fordernder, prächtig inszenierter Shooter, der einen im Sekundentakt an die Abgründe einer fliegenden Stadt drängt. Und dabei öffnet Columbia erzählerisch und spielerisch mehr Türen, als es verschließt und das ist es wohl, was Booker DeWitts Befreiung der sonderbaren Elizabeth so fesselnd macht. Ernste Themen wie Rassismus werden nicht zur bloßen Provokation missbraucht. Anstelle dessen wird eine Geschichte erzählt, die man nicht nur lesen, hören und sehen, sondern selbst erleben möchte. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 1.4.2013)

(Video: Der Launch-Trailer zu "BioShock Infinite")    

  • BioShock Infinite
Für: PC, PS3, Xbox 360
Von: Irrational Games/Take 2
Ab: 18 Jahren
UVP: 59 Euro
    foto: irrational games

    BioShock Infinite

    Für: PC, PS3, Xbox 360

    Von: Irrational Games/Take 2

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