Abenteuerroman "Bo": Benjamin allein in Monrovia

29. März 2013, 17:39
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Der deutsche Autor Rainer Merkel schickt drei Jugendliche auf die Suche nach einer geheimnisvollen Frau

Im Flugzeug zu seinem in Afrika arbeitenden Vater widerfahren Benjamin so kuriose wie seltsame Erlebnisse. Das Gepäck mit Pass, Geld und dem Abschiedsbrief seiner Mutter an den Vater ist verschwunden. Wegen eines herumhüpfenden Gummiballs macht er die folgenreiche Bekanntschaft mit einem Mädchen namens Brilliant Hope Gwenigale-Johnson.

Beim Verlassen des Flugzeugs gerät er zufällig in den Besitz eines Mantels, in dem dicke Dollarbündel stecken. Am Flughafen wartet er dann vergebens auf den Vater; Brilliants Onkel, ein schwerreicher Tankstellenbesitzer, nimmt ihn mit, doch auf dem Weg in die Stadt fällt der zweisprachige Junge aus Berlin gewalttätigen Dieben in die Hände. Er kann den Mantel mit dem Geld verstecken und rettet sich selbst in ein Taxi, schläft völlig erschöpft ein und wacht viele Stunden später in einem Haus in Monrovia, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes Liberia, wieder auf; als ein "Außerirdischer, der einfach vom Himmel gefallen war". Dort lernt er Bo kennen, einen blinden Buben, der als Titelfigur des neuen Romans von Rainer Merkel "mit Ohren und Händen schaut" und über seherische und beschützende Kräfte verfügt, die noch nötig sein werden.

Nach knapp achtzig Seiten, das erste Kapitel von Bo ist zu Ende, befinden sich Leser und Benjamin ohne zu wissen, wie ihnen geschieht in einer fremden Welt. Dem Dreizehnjährigen begegneten schnell hintereinander so viele neue Personen, dass zunächst etwas Ruhe notwendig scheint, weil: "Es würde eine ganz schön lange Geschichte werden." Keine Drohung ist das, sondern ein Luftholen vor den insgesamt fast 700 Seiten einer erzählerisch kunstvoll verwobenen Abenteuergeschichte, aus der man ungern aussteigt. Es geht darin um das Erwachsenwerden und Anderssein, um die kindliche Suche nach Wahrheit und um die Ordnung von Herrschaft und Unterdrückung, die sich mehr als nur brüchig erweist.

Diese fremde Welt, das vom Bürgerkrieg verwüstete Liberia, hat der 1964 in Deutschland geborene Merkel während eines einjährigen Aufenthalts lieben gelernt. Der studierte Psychologe und Kunsthistoriker hat für die Hilfsorganisation Cap Anamur in der einzigen Psychiatrie Liberias gearbeitet, wo die Bürgerkriegs-Traumata behandelt werden. In seinem Reportagebuch Das Unglück der anderen (2012), das auch aus Liberia berichtet, hinterfragt Merkel die Anziehungskraft, die vom Krieg traumatisierte Länder auf Friedensarbeiter, Therapeuten und Soldaten ausüben.

Auch im Roman Bo sind Ärzte ohne Grenzen, UN- und NGO-Mitarbeiter allgegenwärtig, das im Volksmund "Mental Home" genannte Krankenhaus nimmt einen zentralen Platz ein. Benjamins Bekanntschaften aus dem Inneren der Heilanstalt für psychisch Kranke gehören zu den eindrücklichsten Leseerlebnissen. Merkel beschreibt weniger äußerliche Ruinen, sondern nähert sich behutsam dem Innenleben und den gestörten Interaktionen von Menschen an.

Ich-Zentrierung

Von Benjamins Vater fehlt jede Spur. Der Bub wohnt im Haus der Ärzte und spielt seiner Mutter am Telefon vor, alles sei in Ordnung. Er findet das Tagebuch des vermissten Arztes Barneby, in dem von einer jungen ominösen Frau namens Flower, einer Patientin, die Rede ist. Viele scheinen sie zu kennen, niemand will über sie sprechen. Was liegt da für Benjamin und seinen Freund Bo näher, als dem Geheimnis nachzuspüren. Der redegewandte Bo bewahrt seinen Freund vor so mancher falschen Entscheidung. Die Zufälle des Lebens treiben die Geschichte voran.

Mittlerweile ist auch Brilliant, die 15-jährige "Prinzessin" aus dem Flugzeug, mit von der Partie. Das verwöhnte und boshafte Girlie hat eigentlich Hausarrest, nachdem sie Edward, ihren persönlichen Angestellten, mehrmals in lebensgefährliche Situationen trieb. Den Charakter der US-Amerikanerin mit liberianischen Wurzeln zeichnet Merkel besonders markant, sie steht stellvertretend für eine Ich-zentrierte, oberflächliche Gesellschaft. Erst als die Dunkelhäutige in Restaurants den Rassismus gegen sich selbst erlebt, setzt ein Veränderungsprozess ein. Schließlich ist sie die Anführerin bei der Suche nach Flower, die die Abenteurer in klapprigen Autos auf löchrigen Straßen bis in die Stadt Gbarnga führt.

Rainer Merkels unaufdringliche und unsentimentale Großerzählung lässt durch genaue Beobachtung der Alltagswelt ein atmosphärisch dichtes Bild von Liberia erstehen. Schnell wie in Filmen wechseln die Schauplätze, der Überblick über das große Figurenensemble bleibt meistens gewahrt. Doch die ausschweifenden Schilderungen eines allwissenden Erzählers verlieren sich sehr oft in kleinen Details, die bemüht wirken und ohne Zusammenhang mit der Geschichte Längen verursachen.

Das geschickte Fabuliervermögen und der spannende Stoff machen das aber mehr als wett. Merkel will alles unterbringen, und dennoch setzt er an bestimmten Stellen (wenn es um den Vater, um Barneby oder Flower geht) Leerstellen, die den Leser in den Bann ziehen. Durch den Text ziehen sich zahlreiche Dialoge und Gedankenströme, etwa Benjamins Erinnerungen, die immer wieder zu Hause im Park enden, wo der rothaarige Außenseiter geprügelt wurde. Während der Junge nach und nach sein Kindsein abstreift, gerät die Frage nach dem Verbleib des Vater in den Hintergrund. Wo bleibt der eigentlich die ganze Zeit? (Sebastian Gilli, Album, DER STANDARD, 30./31.3., 1.4.2013)

 

Rainer Merkel, "Bo". Roman. € 23,70 / 688 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013

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    foto: fischer

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