Die Unentbehrlichkeit des Eis

Kolumne29. März 2013, 17:12
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Ein Osterlob für einen lieblichen Zwielaut

Kein Fest des Jahres zeichnet sich durch eine größere Eiernähe aus als das Osterfest. Das Ei gehört zu Ostern wie Pech zum Schwefel, wie das Egg zum Ham, wie Gerhard Dörfler zum Bundesrat. Ja, man übertriebe nicht, würde man behaupten, dass das Ei dieser Tage geradezu in der Luft liegt. Das Ei wird gesotten, das Ei wird gebraten, ausgeblasen, angemalt, versteckt, gepeckt, gekratzt, verzehrt, kurz, jede erdenkliche Handhabung des Eis feiert frohe österliche Urständ.

Leider denken die meisten Menschen aus purer Assoziationsfaulheit heraus beim Ei immer nur an das Hühnerei, jenes formschöne Lebensmittel und Wurfgeschoß, das den Konsumenten kraft seiner unter einer hauchzarten Hülle verborgenen schlatzigen Fülle das ganze Jahr über zuverlässig mit nahrhaften Cholesterinschüben versorgt. Dieser ungesunden Kollektivfixierung auf das Hühnerei ist es zuzuschreiben, dass zu Ostern ständig auf ein Zweit-Ei, nämlich den wichtigen deutschen Diphthong "Ei" vergessen wird.

Der stiefmütterliche Umgang mit dem Zwielaut-Ei ist umso erstaunlicher, als das Zwielaut-Ei viele Vorzüge gegenüber den anderen Zwielauten aufweist. Das "Eu" hat spätestens seit der Zypernkrise an Popularität eingebüßt, während das "Au" wegen seiner traditionellen Nähe zu peinlichen Gefühlen nie populär war (in Frankreich, dies nebenbei, ist der Schmerzenslaut "Ei", geschrieben: "Aïe". Sollte ein Franzose "Ei" zu Ihnen sagen, so wünscht er nicht zu speisen, sondern dass Sie nicht länger auf seinem Fuß stehen bleiben.).

Neben all seinen sonstigen Vorteilen ist das Zwielaut-Ei auch sprachlich unentbehrlich. Es würde große Verwirrung stiften, wenn es von der Bildfläche verschwände und zum Beispiel die Rübe die Reibe ersetzte, die Schabe die Scheibe oder der Wirtshausgast statt dem Schweinernen ein Schwänernes vorgesetzt bekäme.

Herzig sind die Metamorphosen, die das Zwielaut-Ei in den Dialekten erlebt. Auf dem Land wird das Ei zum Oa, was in barocken Äußerungen wie " oa Oa" ("ein Ei") münden kann (ein eineiiger Zwilling ist natürlich " oaoaig".) Auch das, was die Wiener mit dem Ei anstellen, ist nicht ohne: Sie verschleifen es zu einem Ääh ("a waaches Ääh"), zu einem Lautgebilde also, welches dem Zuagrasten auch nach Jahren des Aufenthalts in der Bundeshauptstadt ob seiner baatzwaachen Eleganz Respekt abnötigt. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 30./31.3., 1.4.2013)

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