Autoreise statt Endlosflug

19. April 2013, 17:00
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In wenigen Stunden erreicht man Ferienziele, ohne dafür die mühsamen Rituale am Flughafen über sich ergehen lassen zu müssen

Stundenlanges Warten am Flughafen um anschließend auf meist sehr beengtem Raum ohne Beinfreiheit in den Urlaub zu fliegen: Das alles lässt man über sich ergehen, um die schönste Zeit des Jahres zu genießen. Es mag sein, dass der Entspannungsfaktor am Zielort hoch ist. Bleibt die Frage, ob die Entspannung nach der Rückreise unter denselben Bedingungen immer noch anhält.

Es geht auch anders. Österreich – im Herzen Europas gelegen – grenzt an Nachbarländer, die einfach und ohne jeglichen Stress mit dem eigenen Fahrzeug (oder einem Mietwagen) bereist werden können. Wer statt der Autobahn die Landstraße nimmt, entgeht meistens auch Mega-Staus und wird darüber hinaus mit sehr interessanten Erfahrungen belohnt. Das Motto lautet: Der Weg ist das Ziel.

Die südlichen Nachbarn Italien, Südtirol und Slowenien

Wer nach Italien reist, nimmt üblicherweise von Wien weg die Südautobahn und überquert in Arnoldstein die Grenze zu Italien. Eine Alternative dazu ist, die Autobahnabfahrt Villach – mit einem Zwischenstopp in der Innenstadt – zu nehmen und dann über die Wurzenpassstraße nach Slowenien zu fahren. Ziel ist der Triglav-Nationalpark. Die Straße führt direkt in den Wintersportort Kranjska Gora und von dort über den Vrsic Pass ins Soča-Tal. Diese holprige und enge Straße bietet einem großartige Blicke auf die Gebirgswelt, ehe man kurvenreich ins einsame Tal gelangt, wo einem die Soča (ital. Isonzo), mit ihrer türkisen Färbung schon von weitem ins Auge sticht. In Bovec gibt es wieder eine Möglichkeit nach Italien zurückzufahren – oder man folgt dem Flusslauf in Richtung Süden und nutzt einen der kleineren Grenzübergänge nach Italien.

In den Sommermonaten kann man in Jesenice auch den alten Dampfzug nehmen und den Weg durch das Isonzo-Tal (mit einem Abstecher zum Weinort Goriška Brda an der Grenze zu Italien) bis Gorica-Görz zurücklegen. Am späten Nachmittag dampft der Zug wieder nach Jesenice zurück. Eine Station, bei der man auch zusteigen kann, ist Bled am gleichnamigen See. Dieses Örtchen mit der Marienkirche auf der Insel im See und seiner Burg am Hügel gehört zu den reizvollsten Ausflugsgebieten der Umgebung.

Auch die Gegend des italienischen Val Canale ist sehr reizvoll. Vor einigen Jahren baute man hier eine Hochleistungsbahnstrecke und machte aus der alten Bahnverbindung einen Radweg. Interessante Ortschaften wie Gemona, oder die Schinkenstadt San Daniele del Friuli laden zu einem Abstecher ein. Die 50.000-Einwohner-Stadt Pordenone mit ihrem Dom und den Arkaden der Palazzi wäre ein weiteres mögliches Reiseziel.

Folgt man der Straße Richtung Westen gelangt man ins UNESCO-Weltkulturerbe Vicenza – der Stadt des Renaissance-Architekten Andrea Palladio. Ein Stück weiter liegt Verona (ebenfalls UNESCO-Weltkulturerbe), Schauplatz der großen Liebestragödie von Romeo und Julia, mit seinem Amphitheater. Egal in welche Himmelsrichtung man von hier fährt, die Zahl der Sehenswürdigkeiten ist in jeden Fall groß. Venedig im Osten, Brescia und Milano im Westen, Modena und weiter Florenz im Süden.

Fährt man nach Norden, gelangt man zunächst zum Gardasee und weiter nach Trient und Bozen. Das Flair der italienischen Städte und Dörfer, mit unzähligen Cafeterias und kleinen Gaststätten, ist ein Erlebnis für sich. Alle Sehenswürdigkeiten zu beschreiben, würde Bände füllen. Doch lohnt es sich, Norditalien genauer unter die Lupe zu nehmen. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die man in Erinnerung behält. Etwa die spezielle Holzbrücke Ponte degli Alpini in Bassano del Grappa oder die Loggia del Lionello, das in venzianischer Gotik erbaute Rathaus in Udine mit offener Loggia im Parterre oder das Teatro Olimpico in Vicenza mit seiner perspektivisch verkleinerten Bühne.

Deutschland: Reizvolles bei den Nachbarn im Nordwesten

Reizvolles bietet auch unser großer Nachbar im Nordwesten. Und das schon knapp hinter der Grenze: Chiemsee (mit dem Schloss Herrenchiemsee – dem deutschen Versailles) und das Berchtesgadener Land sind ohnehin weit über die Grenzen hinaus bekannt. Das gleiche gilt auch für München. Doch Bayern hat viel mehr zu bieten: Etwa die oberbayerische Stadt Wasserburg am Inn, deren Altstadt auf einer Halbinsel liegt, die vom Inn fast vollständig umschlossen wird und die nur über eine schmale Landzunge erreichbar ist. Oder das wunderbare Fachwerkensemble von Unfinden - einem kleinen Stadtteil der Gemeinde Königsberg im Landkreis Haßberge (Bayern). Recht unbekannt ist auch die Renaissancestadt Neuburg an der Donau.

Noch weiter im Westen gelegen bietet das an Bayern grenzende Baden-Württemberg eindrucksvolle Natur- und Kulturlandschaften. Ein Beispiel ist die Region Schwäbische Alb mit der Wartburg oder dem Schloss Sigmaringen. Auch der Schwarzwald ist hier nennenswert, der neben seinen landschaftlichen Reizen auch historische Städte mit Flair zu bieten hat, wie Freiburg im Breisgau oder Heidelberg.

Im Herzen Deutschlands bieten die hessischen Regionen und Städte eine ganze Palette von Urlaubsmöglichkeiten mit kulturellen Angeboten, Outdoor-Aktivitäten wie Wandern und Radfahren bis hin zum Wellnessaufenthalt. Selbst die Wirtschaftsmetropole Frankfurt hat mehr zu bieten als nur Banken und Hochhäuser.

In Rheinland-Pfalz, einer der bekanntesten Weinregionen Deutschlands gibt es viel zu entdecken: so finden sich neben den Pfalzweinen Burgen, Schlösser und die drei pulsierenden Städten Trier, Mainz und Koblenz zum Besichtigen. Eine Genussregion der Extraklasse ist auch das Saarland. In der Grenzregion zu Frankreich sollte man sich eine der ungewöhnlichsten UNESCO-Weltkulturerbestätten nicht entgehen lassen: Die Völklinger Hütte ist eine gigantische Hüttenanlage aus der Blütezeit der Eisenindustrie.

Tschechien: Großes kulturelles Erbe und gemeinsame Vergangenheit

Dass Prag seit einigen Jahren zu den Top-Destinationen Europas gehört, steht außer Frage. Doch die Republik nördlich von Österreich hat noch viel mehr zu bieten als die "Goldene Stadt": historische Stätten wie Brünn, Pilsen, Budweis, das wunderbare Krumau, das Weltkulturerbe Telč oder die alteingesessenen Kurorte Karlsbad, Marienbad und Franzensbad. Auch in Tschechien lohnt es sich, Reiseführer und Landkarte genauer zu studieren, denn das Land wartet, neben sehr spannenden historischen Plätzen, auch mit unzähligen Naturschönheiten auf.

Ein Beispiel ist etwa die Stadt Kutna Hora, die als "silberne Schatztruhe" des Landes galt und maßgeblich verantwortlich für den Aufschwung Böhmens war. Der historische Stadtkern samt St. Barbara-Kathedrale und der Kirche Mariä Himmelfahrt wurden zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben. Übrigens gibt es knapp hinter der österreichischen Grenze ein weiteres UNESCO-Weltkulturerbe zu besichtigen: die prächtigen Schlösser Lednice und Valtice.

Ebenfalls Weltkulturerbe ist "Der Grüne Berg bei Žďár nad Sázavou". In der Kirche des heiligen Johannes von Nepomuk auf Zelená hora (rund 50 Kilometer nordwestlich von Brünn) spielt die Zahl "5" eine bedeutende Rolle. Die Kirche hat nämlich fünf Tore, fünf Kapellen, fünf Altare und fünf Sterne. An kaum einem anderen Ort sieht man auf so kleinem Raum so viel Schönes, wie im Dörfchen Holašovice mitten in der herrlichen Landschaft Südböhmens (nahe Budweis).

Dieses Dorf – inzwischen auch ein UNESCO-Weltkulturerbe - sieht aus, als sei es einem Märchen entsprungen und besticht durch die wunderschönen Giebel barocker Bauernhöfe, die an einem weitläufigen Dorfplatz angesiedelt sind.

Obwohl es in Mähren und in Mittelböhmen hervorragende Weine gibt, ist Tschechien eine der Top-Biernationen der Welt - das gilt auch für den Pro-Kopf-Konsum im eigenen Land, der bei 159,3 Liter im Jahr liegt. (Wolfgang Weitlaner, derStandard.at, 19.4.2013)

  • Verona war Schauplatz von Romeo und Julia.
    foto: bap

    Verona war Schauplatz von Romeo und Julia.

  • Südtirol ist einfach mit dem Auto zu erreichen.
    foto: bap

    Südtirol ist einfach mit dem Auto zu erreichen.

  • Der Gardasee ist es wert, einen Zwischenstopp einzulegen.
    foto: bap

    Der Gardasee ist es wert, einen Zwischenstopp einzulegen.

  • Einmal im Jahr gibt es ein Schinkenfest zu Ehren des San-Daniele-Schinken.
    foto: wolfgang weitlaner

    Einmal im Jahr gibt es ein Schinkenfest zu Ehren des San-Daniele-Schinken.

  • Die Soča in strahlendem Türkisblau.
    foto: wolfgang weitlaner

    Die Soča in strahlendem Türkisblau.

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