Schreibverläufe, Fieberkrämpfe und Hustzeremonien

Kolumne29. März 2013, 17:19
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Von Julya Rabinowich

Frust ist das Benzin des Fußgängers, sagt man. Beim Dichter ist es eine Dosis Herzeleid, eine Prise Wut, ein Löffelchen Empörung. Natur. Vaterhass, Mutterliebe, Geschwisterabgründe können aber auch Wunder wirken. Verlangen nach unerreichbaren Personen beiderlei Geschlechts. Da wird gleich mit voller Dampfkraft und frei nach Freud aus dem Begehren in die Sublimierung hineingeschaufelt, dass die Schwarte kracht.

Gesehen werden will man, geliebt werden will man, am besten aus der Entfernung, am besten so, dass man sich einsperren und tagelang absent sein kann, auf der Wegsuche, auf der Jagd, man muss die Spuren der Geschichte lesen können, wenn man sie erlegen möchte. Innehalten, warten, auf der Lauer liegen. Man kann aber auch ganz anders. Weder begehren noch suchen noch finden. Sondern in Hustklausur gehen.

Man kann sich in dieses herrliche Wetter hinauswagen, aus Trotz ohne Mütze und Schal, weil es Ende März ist, und den Frühling jagen, mit Sonnenbrille im Nebelsuppenweiß. Und dann kann man krank werden, wenn man es bis dahin noch nicht geschafft hat. Denn wer jetzt ohne Mütze ist, der findet keine mehr.

In den Auslagen lachen schon Sommerkleidchen und hellgrüne Blazer mit den Sonnenhütchen um die Wette, man möchte jede einzelne der fröhlich dekorierten Auslagen am liebsten einschlagen. Elende Betrüger. Es wird für immer Winter bleiben. Und den hübschen hellen Strohhut kann man ins hinterste Fach des Schranks verbannen. Es ist genug Platz.

Skiausrüstung und Moonboots sind noch aktuell. Man geht kampflüstern und hoch erhobenen unbedeckten Hauptes hinaus und kehrt ohne Stimme wieder, dafür mit einem Hals, der sich zuschnürt wie ein spanischer Stiefel und sich auch anfühlt wie ein Folterwerkzeug. Dann wird man Bronchientee trinken, von dem einem so übel wird, dass man anschließend noch einen Magentee trinken muss. Man wird überzeugend den Cerberus geben, jedenfalls akustisch. Man wird Schleim speien, bis Der Exorzist blass dagegen aussieht. Freunde werden sich abwenden, aus Furcht, angesteckt zu werden. Und auf dem Höhepunkt all dieser Schrecken wird man die Türe hinter dem letzten Besucher schließen, das Handy abdrehen und zu schreiben beginnen.

Sprechen kann man ja so und so nicht. Man wird glauben, dass das gut und richtig ist und geflissentlich verdrängen, was man auf der Leipziger Buchmesse, einem Ort allgemeiner und großer Verzweiflung, im Vorübergehen von begeisterten Messebesuchern aufgeschnappt hat: "Ich hab mir ein Kochbuch gekauft. Und du?" "Biografien vom Schmidt und Gorbatschow. Und Postkarten." (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 30./31.3., 1.4.2013)

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