Kein Respekt

Blog29. März 2013, 14:05
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Was ich diese Woche gelernt habe: Belehrungen bringen wenig

"Ich habe vor niemandem Respekt", hörte ich jüngst von einem 20-Jährigen. Ein leicht verständlicher Satz, der für eine ganze Geschichte steht. Ich bekam sie zu hören, als wir uns über eine mir gegenüber geäußerte Respektlosigkeit unterhielten. Ich konnte es nicht einfach so auf mir sitzen lassen und suchte ganz baff das Vier-Augen-Gespräch. Denn auch wenn Jugendbetreuer jahrelang Erfahrung haben und sich theoretisch in zahlreichen Seminaren auf derartige Situationen vorbereiten, können harte Worte sehr nahegehen.

Nun zur Geschichte: Wir saßen einander gegenüber. Der Bursch fuchtelte viel herum, schien unruhig zu werden, als ich nach einer kurzen Belehrung auf sein Verhalten zu sprechen kam. Nach ein paar Minuten merkte ich, dass es zu nichts führte - er schien uninteressiert. Ich unterbrach das oberflächliche Gespräch, in dem es um "Du solltest" und "Du könntest" ging. Ich fing bei mir an und erzählte ihm vieles über mich: über Eltern, Freunde, private Erlebnisse, Beruf, Schule und Uni. Er verstand. "Ich weiß, dass ich dich verletzt habe, aber ich bin nun mal so - ich habe vor niemandem Respekt", gab er mir zu verstehen. Nachdenkliche Gesichter. Gegenseitiges Anschweigen.

Dann brach es aus ihm heraus: "Ich bin ohne Mutter aufgewachsen, mein Vater war ein Glücksspieler und Säufer." Die elterlichen Pflichten gegenüber ihm und seinem kleinen Bruder fielen auf seine Großmutter, die vor einigen Jahren verstarb. Danach schlitterte er von einem falschen Freundeskreis in den nächsten. "Ich sah immer älter aus als die anderen, konnte dadurch schnell Zugang zu fast allem haben": Glücksspiele, viel Alkohol, auch Drogen, Besuche in Bordellen - alles in sehr jungen Jahren.

Seitdem er eine vielversprechende Ausbildung macht, geht es ihm nun besser, erzählt er mir. Trotzdem: Die Wut und der Hass sind in ihm geblieben und kommen ab und an wieder zum Vorschein.

Verantwortungsloses Elternverhalten brennt sich in das Gedächtnis, womöglich für immer. Manche können damit umgehen, andere werden stark verhaltensauffällig. Fügen sich selbst und ihrer Umwelt, bewusst oder unbewusst, Schaden zu. Es sind aber nicht nur Auffälligkeiten im Verhalten, vielmehr sind es gesellschaftliche und soziale Werte und Regeln, die auf der Strecke bleiben. Es ist genau dieses Problemfeld, das wir hier versuchen zu behandeln, Werte weiterzuvermitteln. Vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein. (red., daStandard.at, 29.3.2013)

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

  • "Ich sah immer älter aus als die anderen, konnte dadurch schnell Zugang zu fast allem haben": Glücksspiele, viel Alkohol, auch Drogen, Besuche in Bordellen - alles in sehr jungen Jahren.
    foto: christian fischer / standrad

    "Ich sah immer älter aus als die anderen, konnte dadurch schnell Zugang zu fast allem haben": Glücksspiele, viel Alkohol, auch Drogen, Besuche in Bordellen - alles in sehr jungen Jahren.

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