Boule: Ein Spiel mit Maß und Ziel

12. April 2013, 17:00
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Eine Randsportart, die für jedermann geeignet ist und über die Grenzen hinweg verbindet

Im Trainingskeller des österreichischen Pétanque-Clubs im siebenten Wiener Gemeindebezirk geht es sehr jovial zu. Bekannte werden mit Handschlag begrüßt, Fremde sofort in die freundschaftliche Runde integriert. Man kennt sich mit Vornamen und bestellt beim Vereinsobmann von "Pro Pétanque Wien", Karl Hessl, der heute hinter der Bar steht, eine Dose Wieselburger. An den zwei Bahnen im Keller des Altbaus mischen sich dann die Teams.

Ob Student, Hausfrau oder Pensionist, mitspielen kann beim Boule, wie dieser Sport bei uns synoym bezeichnet wird, jeder: "In unserem Verein ist der Jüngste 16 Jahre alt, der älteste Spieler wird dieses Jahr 84", erzählt Hessl nicht ohne Stolz. Das Spiel kommt mit seinem unkomplizierten Aufbau jedem entgegen: "Alles, was Sie brauchen, ist ein Set mit Kugeln, ein bisschen Zeit und ein paar gute Freunde", sagt Hessl.

Randsport

Obwohl es an die sechshundert vereinsmäßig organisierte Spieler (ca 1/3 davon sind Frauen) in Österreich gibt, ist  Pétanque hierzulande nach wie vor eine Randsportart, erklärt der Präsident des österreichischen Pétanque-Verbands, Ralf Krähmer. Mangelnde Gelegenheit, die Sportart auszuprobieren, kann es nicht sein: An die 35 Turniere listet der ÖPV auf seiner Website für die kommende Saison 2013 auf, an fast jedem Wochenende kann irgendwo in Österreich oder auch international an Wettkämpfen teilgenommen werden. Die meisten Veranstaltungen stehen sowohl Lizenzspielern (Anm.: Spieler, die über Vereinsmitgliedschaften eine Lizenz des österreichischen Pétanqueverbandes erworben haben) als auch Spielern ohne Lizenz offen.

Wer den Sport abseits offizieller Veranstaltungen ausprobieren möchte, kann unverbindlich an den Trainingstagen diverser Boule-Vereine in Österreich vorbeischauen. Seit Ende März wird in Wien etwa am Rosenhügel und im Donaupark trainiert. AnfängerInnen sowie Interessierte sind stets herzlich willkommen, betonen Krähmer und Hessl unisono. In den meisten Bundesländern gibt es einen oder sogar mehrere Vereine, die nicht nur mit der Möglichkeit punkten, sein sportliches Talent ausüben zu können, erzählt Krähmer. "Über das Boule und die Vereine werden viele Freundschaften geschlossen. Man trifft sich, plaudert ein bisschen, trinkt ein Bier und wirft ein paar Kugeln."

Grenzüberschreitend

Auch international bietet Pétanque Anknüpfungspunkte zu unterschiedlichsten Kulturen und Ländern, erzählt Krähmer, der zuletzt an einem spontan geplanten Freundschaftsturnier auf Mauritius teilgenommen hat. "Es gibt eine große Hilfsbereitschaft in der Community", sagt er, "der Sport verbindet über die Grenzen hinweg, man lernt andere Leute, Länder und Sprachen kennen." Im österreichischen Verband sind ebenfalls Spieler der unterschiedlichsten Herkunftsländer vertreten, die stärkste Gruppe an Ausländern sind in Wien lebende Franzosen.

Ein Highlight in diesem Jahr ist der Centrope Cup im burgenländischen Illmitz, mit dem der ÖPV Ende Mai sein 20-jähriges Jubiläum begeht. Der Centrope Cup ist eine Turnierserie, bei der je ein Turnier in Polen, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Slowenien und in Österreich gespielt wird.

600.000 Lizenzspieler weltweit

Weltweit gibt es rund 600.000 lizenzierte Spieler in 76 nationalen Pétanque-Verbänden, womit Boule die am weitesten verbreitete Kugelsportart der Welt ist. Das Zentrum des Boulesports ist Frankreich, wo, zumindest im Süden, der Boulesport fast an die Bedeutung des Skisports in Österreich herankommt und Weltmeisterschaften live im Fernsehen von nationalen Pétanquegrößen kommentiert werden.

Zum Ausprobieren reicht ein Set günstiger Metallkugeln um wenige Euro, wie sie diverse Möbelhäuser und Kaufhausketten immer wieder anbieten. Wettkampfkugeln (gemeint ist ein Set bestehend aus drei Kugeln) muss man von Österreich aus meist online beziehen. Sie sind ab 70,- Euro zu haben, gut kalibrierte aus besonderen Legierungen schlagen mit bis zu 500,- Euro zu Buche.

Wettkampfkugeln sind Voraussetzung für die Teilnahme an internationalen Turnieren, wo auch um Preisgelder gespielt wird. Hierzulande freuen sich die Sieger meist über Sachpreise wie eine Flasche Wein.

Feine Muster und Linien auf der Oberfläche der Kugeln machen die silbernen Bälle voneinander unterscheidbar, generell gibt es aber keine gravierenden Vorteile der einen oder anderen Kugel, sagt Hessl. "Manche hauchen vor dem Werfen die Kugeln ein bisschen an, aber das ist mehr ein Aberglaube." Eher praktisch ist hingegen ein Tuch, mit dem die Kugeln nach dem Aufheben vom Boden abgewischt werden können – staubig ist der Sport allemal.

Auf dem Parkplatz oder im Park: Gespielt werden kann überall

Gespielt werden kann Pétanque fast überall. "Sobald Sie einen Parkweg haben oder eine ebene Fläche, auf der nicht zu viel im Weg steht, sind Sie dabei", plaudert Hessl. Er selbst ist über seine Frau zum Boule gekommen und will als ehemaliger Tennisspieler seither nicht mehr davon lassen.

Zweck des Spiels ist es, seine Kugeln möglichst nahe bei der Zielkugel, dem cochonnet ("Schweinchen"), zu platzieren. In den Teams, denen je sechs Kugeln pro sogenannter "Aufnahme" zur Verfügung stehen, teilen sich die Spieler die Aufgaben nach Legern, (Pointeure) die die eigene Kugel möglichst gut platzieren sollen und Schießern (Tireure): deren Aufgabe ist es, die gegnerischen Kugeln mittels gezieltem Schuss vom Platz zu bringen.

Keine leichte Aufgabe, wie sich in der Praxis zeigt: Um solch einen Treffer zu landen, braucht es nicht nur eine ruhige Hand, sondern oft auch jahrelange Übung. Abgerechnet wird nach Kugeln, die dem "cochonnet" am nähesten liegen. Lässt sich das nicht mit freiem Auge feststellen, wird mit Maßbändern und -zirkeln genau nachgemessen, im Zweifel entscheidet bei Turnieren ein Schiedsrichter. Hat eine Mannschaft schließlich 13 Punkte erreicht, ist das Spiel zu Ende. Wer ein wahrer Boule-Spieler ist, lässt sich davon allerdings nicht entmutigen: Schließlich kann sich schon in der nächsten Runde das Glück wenden. (Barbara Oberrauter, derStandard.at, 18.4.2013)


INFO:

Österreichischer Pétanque-Verband
www.boule.at

Pétanque-Regeln

Centrope Cup Austria
Illmitz/ Neusiedlersee
31.5.-2.6. 2013

  • Gespielt wird Pétanque hierzulande meist in Parks wie hier in Wien am Rosenhügel...
 
    foto: oepv

    Gespielt wird Pétanque hierzulande meist in Parks wie hier in Wien am Rosenhügel...

     

  • ...oder im Augarten.
    foto: oepbv

    ...oder im Augarten.

  • Internationale Wettkämpfe, wie auch Europa- und Weltmeisterschaften werden in großen Hallen (im Bild Gent) ausgetragen.
    foto: oepv

    Internationale Wettkämpfe, wie auch Europa- und Weltmeisterschaften werden in großen Hallen (im Bild Gent) ausgetragen.

  • Bei Unklarheiten muss gemessen werden: Die Kugel welchen Teams liegt näher am Cochonnet?
    foto: oepv

    Bei Unklarheiten muss gemessen werden: Die Kugel welchen Teams liegt näher am Cochonnet?

  • Mit glatter oder gerillter Oberfläche, sowie mit Seriennummern: Verschiedene Wettkampfkugeln.
    foto: oepv

    Mit glatter oder gerillter Oberfläche, sowie mit Seriennummern: Verschiedene Wettkampfkugeln.

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