Wir schalten ins Träumeland

28. März 2013, 18:34
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Seit dem Abgang des ORF aus "XY" ist das Verbrechen in Österreich nur noch ein Gerücht

Während das ZDF am Mittwoch stolz "Aktenzeichen XY ... ungelöst" fuhr, spielte der ORF eine alte "Soko Donau" und eine neue Pilcher. Ja, Pilcher, die britische Schmalzgurke, nicht Pilch, der unterbutternde Polizeipräsident h. c. bei "Kottan ermittelt". Seit dem Abgang des ORF aus "XY" im Jahr 2002 ist das Verbrechen in Österreich nur noch ein Gerücht. Aber auch Deutschlands Zweites verabschiedet die Wirklichkeit.

Da der Sender gerade seinen 50er und das "Aktenzeichen" darin seinen 45er feiert, wurde diesmal mit einer Doku nachgebuttert. Legendär für uns in Ö.: Teddy Podgorski und danach Peter Nidetzky auf dem Schirm, wenn Eduard Zimmermann "nach Wien schaltete". Traumhaft für alle: die Einschaltquote von 72 Prozent. Aufwühlend: Ulrike Meinhof hasste den Ede und Ex-Eiskunstläufer Rudi Cerne, der seit 2002 das "Aktenzeichen" moderiert, wurde im Jahr 1978 polizeilich mit Christian Klar verwechselt. Wussten Sie, dass Cerne auch einmal bei den "Rosenheim Cops" spielte? Und Heiner Lauterbach bei einem der "XY"-Fahndungs-Dokuclips? Verwirrend.

Kein Wunder, dass in einem der Sendungsbeiträge vorgestern zwei Augenzeugen eines Überfalls auf einen Juwelier glaubten, in dem realen Tatort-Laden würde ein Film gedreht. Unsere Medienwelt mischt so munter Fakt und Fiktion durcheinander, dass das wirkliche Leben immer unglaubwürdiger wird. Zu Mitternacht schäumte TV-Plapperer Markus Lanz das "XY" noch einmal mit ordentlich Emo auf. Als Kirsche auf den Gupf setzte er Semiya Simsek, deren Vater - was die Kripo nicht sehen wollte - von Neonazi-Killern getötet worden war, und verordnete Zwangsversöhnlerei. Peinlicher kann die pickigste Pilcher nicht sein. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 29.3.2013)

  • Eduard Zimmermann.
    foto: ap/stache

    Eduard Zimmermann.

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