Iwanow: "Es gab nur schlechte und sehr schlechte Lösungen"

Interview28. März 2013, 18:28
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Noch immer behindern Vorurteile aus dem Kalten Krieg die Beziehungen der EU zu Russland, sagt der frühere russische Außenminister Igor Iwanow. In Syrien sieht er keine Alternative zum Dialog mit dem Regime

STANDARD: Ist der Rettungsplan für Zypern aus Ihrer Sicht zufriedenstellend - vor allem was das russische Geld dort betrifft?

Iwanow: Es ist keine Frage des russischen Geldes. Es geht um Zyperns Wirtschaftssystem. Es gab nur schlechte und sehr schlechte Lösungen. Die Zyprioten werden für alte Fehler zahlen müssen, Reformen waren schon lange nötig. Man hätte nicht auf die Krise warten dürfen, um dann " dringende Maßnahmen" zu ergreifen.

STANDARD: Glauben Sie, dass Geld vor dem Deal abgezogen wurde?

Iwanow: Ich habe keine Geheiminformationen. Aber als Normalbürger würde ich sagen: Wenn russisches Geld die Insel verlassen hätte, wäre die russische Reaktion indifferent. Weil sie aber ziemlich kräftig war, nehme ich an, dass wir dort Interessen haben.

STANDARD: Hat die EU zu spät reagiert?

Iwanow: Kommissionspräsident José Manuel Barroso war letzte Woche in Moskau. Er sagte, dass die Entscheidung gegen vier Uhr früh getroffen wurde. Die EU war also unvorbereitet. Das ist schlecht - die Krise war absehbar.

STANDARD: Wie würden Sie die Beziehung zwischen Russland und der EU derzeit bewerten?

Iwanow: In wirtschaftlicher Hinsicht sind wir im 21. Jahrhundert. Aber politisch sind wir noch immer im Kalten Krieg. Politiker müssen Misstrauen und Vorurteile hinter sich lassen. Dann haben wir alle Voraussetzungen, starke Partner zu sein.

STANDARD: Sie kennen Syriens Präsident Bashar al-Assad persönlich. Wird er bis zum bitteren Ende an der Macht bleiben?

Iwanow: Als ich Assad traf, gab es keinen Bürgerkrieg. Ich kann daher nicht sagen, wie er jetzt denkt.

STANDARD: Wie kann man den Konflikt lösen?

Iwanow: Die Internationale Gemeinschaft zeigt jedenfalls, dass sie das Problem nicht lösen kann. Wer auch immer am Ende Präsident sein wird, wird ein zerstörtes Land führen. Das Problem ist : Wer übernimmt die Macht, wenn Assad weg ist? Es gäbe Anarchie im geopolitischen Zentrum der Region. Man muss Verhandlungen starten, Gewalt stoppen und Voraussetzungen für eine gewählte Regierung schaffen.

STANDARD: Eine Möglichkeit wäre eine internationale Intervention.

Iwanow: Gegen wen? Das ist das Problem im Bürgerkrieg: Wie kann man Gut und Böse unterscheiden? Das kann nicht die Lösung sein.

STANDARD: Sehen Sie eine Oppositionsgruppe, die akzeptabel wäre?

Iwanow: Das müssen die Syrer entscheiden. Beim Gipfel der Arabischen Liga haben einige Länder darauf bestanden, der Opposition Syriens Sitz zu geben. Ich glaube, dass das ein Fehler ist. Die Opposition ist gespalten. Man weiß nicht, wem man den Platz gibt. Die arabischen Staaten müssen eine aktive Rolle spielen. Sie sollten aber keine Waffen liefern. Das hilft einer politischen Lösung nicht, es macht sie komplizierter.

STANDARD: Muss die Welt mit Assad reden?

Iwanow: Ja, oder mit dem Vizepräsidenten oder dem Außenminister. Ob man sie mag oder nicht: Sie sind die Regierung. Und wenn man etwas vereinbaren will, dann muss man das mit der Regierung machen.

STANDARD: Welche Lösungen sehen Sie für die Nordkorea-Krise? Würden neue Sanktionen helfen?

Iwanow: Ich glaube, Sanktionen können Teil von etwas sein, allein funktionieren sie aber nicht. Die Internationale Gemeinschaft sollte nicht immer auf Krisen warten, bis sie aktiv wird. Wir müssen den politischen Prozess mit Nordkorea neu in Gang setzen. Ich sehe keine andere Lösung. (Manuel Escher, DER STANDARD, 29.3.2013)

Igor Sergejewitsch Iwanow (67) war von 1998 bis 2004 russischer Außenminister, danach bis 2007 Sekretär des russischen Sicherheitsrates. Er weilte auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Außenpolitik und die Vereinten Nationen in Wien.

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    Der frühere russische Außenminister Igor Iwanow wirft der EU vor, schlecht auf die Krise vorbereitet gewesen zu sein.

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    Ein zypriotischer Demonstrant hofft auf Hilfe aus Russland.

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