Schlange stehen vor der toten Bank

28. März 2013, 17:31
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Nach der Zwangspause ist der Run an die Schalter ausgeblieben. Die Beschränkungen für den Geldverkehr zeigen Wirkung

Nikosia - Der letzte Slogan ist ein Hohn. "Spring zu deinem Festgeld" steht auf dem Werbeplakat der Laiki Bank. Man sieht einen Leichtathleten, einen Weitspringer im Flug: 4,5 Prozent, 5,5 Prozent, sechs Prozent. Fabulöse Zinsen, von denen andere in Europa träumen. Aber hier springt niemand mehr. Die Laiki-Kunden stehen Schlange, eng aneinander.

Vorne ist eine uniformierte Frau von einem Sicherheitsdienst, die entscheidet, wer hinein darf in die Laiki-Filiale. Vorerst niemand. Es ist zwölf Uhr Mittag in Nikosia, High Noon im Finanzdesaster der kleinen Inselrepublik. Die Stunde der Wahrheit. Wenigstens lässt der Filialleiter in der Kennedy-Avenue jetzt die Werbeplakate mit dem Weitspringer in den Schaufenstern abschalten. Die Leuchtschirme sind nun weiß.

Medienrun statt Bankenrun

Die Stimmung in der Schlange ist gereizt, aber mehr wegen der vielen Fernsehreporter, die den Wartenden die Kamera ins Gesicht halten und wissen wollen, wie es denn so geht heute und ob man auch Angst habe (Hier geht es zur Ansichtssache). Immer wieder halten Polizisten an, die in Streifenwagen und auf Motorrädern überall in Nikosia an diesem Tag der Bankenöffnung Patrouille fahren. Sie treiben die Kameraleute von den zwei Dutzend wartenden Kunden weg. Laiki ist die tote Bank, der Schuldenturm, der nun einstürzt.

Die neue Bank ist ein paar hundert Meter weiter auf der Kennedy-Avenue. Die Bank of Cyprus hat eine große Filiale hier im Stadtviertel Akropoli, zwischen Pizza Hut und einem Designerladen für elektrische Zigaretten und in Blickweite der Zentralbank von Zypern, eines enormen Bunkers aus Glas und weißem Granit. Die Bank of Cyprus bekommt den "guten" Teil der Laiki Bank, die Kleinsparer und die Einlagen unter 100.000 Euro. Das macht sie neu. Oder so hoffen zumindest Zentralbankchef und Finanzminister.

Konto im Eisfach

"Ich weiß nicht, was passieren wird", sagt Irene Athanassiou und schaut auf die Glastüren der BOC. Drinnen steht ein Schrank von einem Mann mit gelber Signalweste, draußen ein Uniformierter. Sie lassen immer nur drei, vier Kunden in die Bankhalle. Irene Athanassiou weiß jedenfalls, was sie haben möchte: Zugang zu ihrem Geschäftskonto, über das sie die Ausgaben für ihren kleinen Schönheitssalon gleich gegenüber der Bank abwickelt. Es ist Kapital, das nun seit bald zwei Wochen eingefroren ist, weit unter dem Limit von 100.000 Euro, versichert die junge Frau. Dann ist sie an der Reihe und darf hinein.

Ein Paar auf einem Motorrad schießt vorbei, wirft einige hundert kleine Papierzettel in die Luft und rast davon. "Zypern ist nicht verkäuflich" steht darauf und "Werft die Diebe ins Gefängnis". Gezeichnet: Elam, die Nationale Volksfront, ein rechtsextremes Grüppchen, das nun auf den Aufstieg hofft nach dem Vorbild der Faschisten von der Goldenen Morgenröte in Griechenland. Abends um sieben, wenn die Banken wieder zu sind, wollen die Rechtsextremen einen Protestkorso anführen gegen die EU, EZB und den IWF - die Kreditgeber, die Zypern die Zwangsabgaben auf Geldkonten auferlegt haben.

Irene Athanassiou kommt wieder aus der Bank, sie ist aufgebracht, man kann es gleich sehen. "Kein Geld! Ich habe nur den Strom bezahlen können" , sagt sie. Den Zugriff auf ihr Konto haben ihr die Bankangestellten verwehrt. Ratenzahlungen für Apparate in ihrem Salon muss die Unternehmerin nun schuldig bleiben. "Ich habe es geahnt. In den nächsten Tagen wird es vielleicht klar, haben sie gesagt. Toll!"

Kleingedrucktes vom Minister

Die Kapitalkontrollen des Finanzministers, Mittwochnacht erlassen, hängen klein gedruckt an den Eingangstüren von BOC und Laiki. Sie gelten auch für die anderen 24 Bankhäuser auf Zypern, darunter viele aus der EU und Russland. Dort muss am Donnerstag niemand warten. Gekommen sind vor allem Pensionisten, die Geldautomaten und Internet-Banking scheuen, kleine Unternehmer und Gastarbeiter, die ihr Salär abholen wollen. Mehr als 300 Euro erhält niemand. Die gerupften Millionäre aber sieht man nicht. Sie stehen nicht Schlange. (Markus Bernath, DER STANDARD, 28.3.2013)

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