Trockentraining als erster Schritt

28. März 2013, 14:16
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Die Finanz-Enzyklopädie ist komplex und vielen Leuten nicht geläufig. Nun wird versucht, der Jugend Finanzwissen spielerisch näherzubringen

Nicht erst seit der ernüchternden Studie des Finanzunternehmens ING vom Mai des vergangenen Jahres ist es offensichtlich: Mit dem Finanzwissen der Österreicher ist es nicht immer so weit her. In der Studie konnten lediglich 26 Prozent der Befragten vier von fünf Fragen richtig beantworten - der schlechteste Wert unter den elf teilnehmenden Nationen.

Börsenspiele und immer neue Onlinetools sollen diesem Trend entgegenwirken. Jüngstes Beispiel ist das "Finanzcockpit" der Österreichischen Nationalbank, das vergangene Woche von OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny vorgestellt wurde. Man wolle dabei den "simplen Zusammenhang" von Risiko und Ertrag begreifbar machen, so Nowotny. In vier Modulen durchläuft man dabei einen Fragebogen, erstellt ein eigenes Portfolio, durchstöbert eine Wissensbörse und prüft das Erlernte in einem abschließenden Quiz. Nicht die erste Maßnahme der OeNB: Bisher bietet man Lehrerseminare, Schülerwettbewerbe, eine Eurotour an Schulen und Online-Angebote zu Wirtschaftsthemen an. Auch andere Institute bieten, wie in dieser Serie bereits berichtet, Wissen und Tools an.

Ökonomie als Schulfach Der verhaltensorientierte Finanzmarktanalyst Joachim Goldberg sieht in diesen Spielen "prinzipiell eine geeignete Maßnahme, um jungen Leuten grundsätzliche Rahmenbedingungen näherzubringen." Vor allem der zunehmende Unmut der Bevölkerung gegenüber dem Banken- und Finanzwesen seit der Krise ab 2007 befeuere das Desinteresse an Finanzthematiken. Problematisch bleibe auch, dass eine Person, die sich generell nicht für Finanzen interessiere, kaum an einem Börsenspiel teilnehmen oder ähnliche Tools verwenden werde.

Dass es Finanzen und Wirtschaft immer noch nicht als fixen Unterrichtsbestandteil gebe, bezeichnet Goldberg als großes "Versäumnis der Politik". Es sei fragwürdig, Jugendlichen während der Schulausbildung nicht zu erklären, dass die Finanzwelt nicht nur auf rationalen Grundlagen aufbaue. Er stelle fest, dass sich junge Menschen der marktpsychologischen Komponenten bei Börsenvorgängen nur sehr selten bewusst seien.

In ein ähnliches Horn bläst die Autorin und Finanzexpertin Sabina Wefing. Ökonomischen Themen müsse in der Schule "größere Aufmerksamkeit" geschenkt werden. Sie sehe zwar jede Maßnahme, die Jugendliche dazu bringt, sich mit Finanzen zu beschäftigen, als geeignet an, jedoch müsse die Jugend bereits in der Schule sensibilisiert werden. "Kindern muss bewusst gemacht werden, was etwas kostet."

Wefing besucht häufig Schulklassen und versucht den Kindern dort eine grundsätzliche Vorstellung der Finanzwelt zu vermitteln. "Es ist gar nicht nötig, die Kinder mit Zahlen zu überhäufen. Es muss bei simplen Dingen angesetzt werden." Bereite man Dinge dem Alter und den Fähigkeiten entsprechend auf, seien die Kinder mit "Feuereifer bei der Sache".

Auch der OeNB-Vorsitzende Nowotny sieht die Schulen in der Pflicht; in Schulen finde Finanzwissen generell "zu wenig Beachtung". Die Thematik des Finanzwissens impliziere auch die Frage nach dem mündigen Bürger. Fehlendes Wissen sei nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein demokratiepolitisches Problem. Man werde künftig zunehmend in spezielle Förderangebote bezüglich des Finanzwissens und nicht wie bisher in allgemeine Werbung in Sachen Wirtschaftsthemen investieren. Dies sei effektiver. (Josef Saller, DER STANDARD; 21.3.2013)

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