Jede Reise hat ihren eigenen Sound

15. April 2013, 17:00
42 Postings

Ab ins Auto, auf in den Süden: Wer motorisiert in den Sommerurlaub fährt, dem können die Stunden im Auto oft lang werden. DJ David Jerina erzählt, worauf man bei einer eigenen Sommer-Playlist achten muss und gibt Geheimtipps für die perfekte musikalische Untermalung der Reise.

derStandard.at: Die optimale Musikzusammenstellung zu finden, ist nicht ganz einfach - was ist das Wichtigste bei einem Mixtape für die Fahrt in den Urlaub?

Jerina: Bei einer guten Playlist sollte eine innere Zusammengehörigkeit vorhanden sein. Das kann zum Beispiel eine durchgehende Geschwindigkeit der Musik sein, also die Beats per Minute, oder man nimmt eher gitarrenlastige oder eher elektronische Sachen für die Playlist. Das heißt aber nicht, dass alles aus demselben Jahrzehnt sein muss oder aus derselben Musikrichtung.

derStandard.at: Sollte meine Playlist einen bestimmten Aufbau haben?

Jerina: Es gibt, soweit ich weiß, keine spezielle Dramaturgie. Natürlich kann man sich auf ein prinzipielles Thema festlegen, aber den Rest würde ich ganz nach Belieben handhaben - das ist Geschmackssache. Man weiß ja im Vorhinein auch nicht, wie die Reise verläuft: Gibt es Streit, gibt es Sex, gibt es viele Zigarettenpausen? Da kann vieles passieren, was sich gar nicht mit einer vorab festgelegten Dramaturgie verträgt.

derStandard.at: Wem muss die Musik auf meiner Playlist überhaupt gefallen?

Jerina: Ich denke, es ist ein großer Unterschied, ob man nur der DJ oder auch selbst der Fahrer ist. Wenn du am Steuer sitzt und die die Playlist selbst machst, ist es nicht unwichtig, dass es dir auf jeden Fall auch gefällt, was du hörst. Natürlich kommt es auch darauf an, wie man seine Mitfahrer castet. Haben die einen ähnlichen Musikgeschmack oder sind das ehemalige Studienkollegen, die sich in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt haben? Da kann es schnell passieren, dass man den Metalboy neben einem Techno-Freund sitzen hat.

derStandard.at: Was mache ich, wenn sich meine Mitreisenden auf gar keinen gemeinsamen Musikstil einigen können?

Jerina: Schalten Sie das Radio ein! (lacht) Das hat den großen Vorteil, dass man nicht selber schuld ist, wenn den anderen die Musik nicht gefällt. Lokale Radiosender im Urlaubsland kann man ja auch im Vorfeld recherchieren und sich überlegen, was passen könnte oder worauf sich viele einigen können.

derStandard.at: Angenommen, ich bin völlig ideenlos – wo könnte ich mir Inspirationen für meine Playlist holen?

Jerina: Es gibt Unmengen an Samplern mit Roadtrip-Klassikern wie "Sweet Home Alabama" oder "Route 66", die kann man sich natürlich besorgen. Ein Geheimtipp sind für mich die "essential mixes" von Radio One auf BBC. Die sind in sich sehr stimmig und passen perfekt für zwei, drei Stunden Autofahrt.

derStandard.at: Gibt es Klassiker, die auf keiner Playlist fehlen dürfen?

Jerina: Wenn es etwas urbaner wird, kann man immer auf die Red Hot Chilli Peppers zurückgreifen. Auf meine Roadtrip-Liste kämen auf jeden Fall auch Smashing Pumpkins und die Manic Street Preachers, Happy Sound mit recht bösartigen Texten. Einzelne Lieder zu nennen ist generell schwierig, da weiß jeder selbst am besten, was ihm taugt.

derStandard.at: Was ist, wenn ich keine Zeit habe, mir ein Mixtape zu basteln?

Jerina: In dem Fall könnte man sich ein ganzes Album von einem Künstler schnappen, das man schon länger zu Hause rumliegen hat. Vielfach hat man ja nicht die Muße, sich das zu Hause ganz durchzuhören. Im Auto ist man dann aber direkt an der Musik dran, ohne Ablenkung. Da kann man sich schon intensiver mit einem Stück Musik beschäftigen. Wertet übrigens auch alte Stücke der CD-Sammlung wieder auf, die man schon längst vergessen geglaubt hat. Und wer weiß? Vielleicht entdeckt man auf der Reise sogar noch den einen oder anderen versteckten Track auf der Platte.

derStandard.at: Stichwort Sommerhit: Absolutes must oder no-go für die Reiseplaylist?

Jerina: Schwierig. Die klassischen Sommerhits werden dich spätestens vor Ort zu Tode nerven, wenn man sie in der Disco täglich drei  Mal hört. Ich würde sie nicht auf eine Playlist tun, außer gegen Ende der Reise hin, um sich schon mal einzustimmen, damit der Schock vor Ort dann nicht zu groß ist (lacht). Ganz generell ist es kein Fehler, wenn ich mich mit meiner Playlist nach dem Zielort richte, an den ich unterwegs bin. Da kann man sich schon vorher ein bisschen auf das Urlaubsziel einrichten und in regionale Spezialitäten einarbeiten, von denen man sonst vielleicht eher nicht so viel hören würde.

derStandard.at: Was kommt auf Ihre persönliche Playlist für den Sommer 2013?

Jerina: Für den Strand würde ich auf die Beach Boys zurückgreifen. Das ist für mich ein wunderbar unbelasteter Sound, obwohl es sehr tiefgründig ist. Wenn es ein Städtetrip werden soll, ist Hip Hop immer eine sehr urbane Sache, und auf jeden Fall etwas Elektronisches. Das ist mittlerweile extrem ausdifferenziert, es gibt von Kleinstadt zu Kleinstadt andere Produzenten und Herangehensweisen an die Musik. Im Vorfeld kann man sich da gut informieren, welches Label in welcher Stadt sitzt und welchen Sound die machen.

derStandard.at: Eine spontane Fahrt ins Blaue: Welche Musik nehme ich mit?

Jerina: Das würde ich von der Tagesverfassung abhängig machen. Sicher ist eine Möglichkeit, einfach ins CD-Regal zu schauen und sich zu überlegen, auf was ich jetzt gerade Lust habe. Das hat aber natürlich seine Tücken: Wenn ich zum Beispiel was sehr Düsteres erwische, wird das die Reise vermutlich dementsprechend beeinflussen. Vielleicht sollte man erst nach dem ersten Kaffee die Musik aussuchen (lacht).

derStandard.at: Ihr Geheimtipp für die perfekte Playlist?

Jerina: Geben Sie die Verantwortung für die Musik ab. Ich würde meinen Mitreisenden sagen, schickt mir jeder drei Songs, die euch im Moment gerade gut gefallen, und einen Klassiker, den ihr auf jeden Fall hören wollt, und vielleicht noch zwei Lieder, die ihr aus Clubs kennt und die ihr noch mal hören wollt. Da sieht man gleich, in welche Richtung das Gesamtpaket gehen soll. Noch ein Plus: Die Leute freuen sich total, wenn ihr Lied drankommt. (Barbara Oberrauter, derStandard.at, 15.4.2013)


Zur Person:

David Jerina ist DJ und Clubveranstalter in Wien.
(VIENNAs FIRST) 90ies CLUB
www.facebook.com/90iesClub

  • Die "essential mixes" von Radio One (BBC) sinf für DJ David Jerina eine gute Inspirationsquelle zur Zusammenstellung einer Playlist.
    foto: flora p.

    Die "essential mixes" von Radio One (BBC) sinf für DJ David Jerina eine gute Inspirationsquelle zur Zusammenstellung einer Playlist.

Share if you care.