Mesopotamien, Missionen, Minen: Argentiniens Norden

28. März 2013, 16:55
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Klimatisch reicht der Norden Argentiniens vom subtropischen Zweistromland bis zur staubigen Hochwüste. Historisch lässt er sich auch nicht auf Silber und Jesuiten reduzieren

Rotes Ruinenschweigen liegt über San Ignacio Miní, und neben steinernen Heiligen krallen sich Wurzeln ins historische Mauerwerk. Die Dornbuschsavannen des Gran Chaco haben grünem Rasen Platz gemacht, auf dem nun Gäste aus Buenos Aires ein wenig in die Sonne blinzeln, bevor sie kurz in Richtung Siesta weitergleiten. Dicht sind die Eindrücke in Argentiniens Nordosten allemal: Ein paar Autostunden von den alten Jesuiten-Missionen, denen die Provinz Misiones ihren Namen verdankt, entfernt rauschen die berühmten Iguazú-Wasserfälle des Länderdreiecks Argentinien-Brasilien-Paraguay. Región Mesopotámica nennen die Argentinier diesen nordöstlichen Zipfel - wegen der Grenzflüsse Paraná und Uruquay, die hier ein südamerikanisches Zweistromland aus dem Kontinent geschält haben.

Quietschgrün präsentiert sich das achtgrößte Land der Welt in diesem "Mesopotamien" und subtropisch schwül. Wer wissen will, wie es vor der Ankunft der Spanier ausgesehen haben mag, ist im Parque nacional El Palmar mit seiner Palmsavanne am naturbelassenen Ufer des Rió Uruguay genau richtig. Aber so richtig paradiesisch? Das war Misiones wohl nie. Auch vor vierhundert Jahren nicht, als die nomadischen Guaraní mit den Jesuiten zusammenlebten. Reducción nannte der Orden diese verordnete Sesshaftigkeit, die binnen weniger Jahrzehnte zum Bau von dreißig Missionen führte - wirtschaftlich autarken Niederlassungen, die angesichts benachbarter Comuneros, spanischer Landlords, und portugiesischer, von São Paulo aus operierender Sklavenhändler nur schwer in die Gänge kamen. Der Schutz, den die immer wieder angegriffenen Missionen den Guaraní boten, währte zudem nicht allzu lang. Spätestens 1767, als die Jesuiten aus der Gegend vertrieben wurden, war das Experiment zu Ende. Schnell wuchsen grüne Perücken über den "Guaraní Barock" - jener feinen Steinmetzkunst, die in der Hand der Indigenen lag.

Wer Argentiniens Norden einen Besuch abstattet, weint den bekannteren Cover-Stars des Landes - den Riesengletschern Patagoniens oder Buenos Aires' Kunst- und Tangoszene - meist keine Träne nach. Dazu fehlt nämlich in der Regel die Zeit. Der Besuch von eindrucksvollen Stätten wie der nordöstlich von Posadas gelegenen Jesuitenmission San Ignacio Miní - sie wurde gemeinsam mit drei weiteren Reduktionen 1984 Weltkulturerbe - ist da bloß eine Option unter vielen; der Flug nach Salta, dem wichtigsten Gateway zum heute prosperierenden Nordwesten Argentiniens, eine weitere.

Geometrisch gewebte Landschaft

Die grünen Ufer von Misiones haben sich in Salta zu Staub verwandelt und die Mauern der Jesuiten in traditionelle Adobe-Lehmhäuser, in denen dicke Frauen Ponchos weben, also das Sandgelb und Kupfergrün der umliegenden Canyons mit rhythmischem Klacken in geometrische Muster zwängen. Doch um diese wärmenden Ponchos zu tragen, wird man die barocke Pracht der Kolonialstadt mit ihrer markanten Franziskanerkirche freilich wieder verlassen - am besten mit dem Tren a las Nubes, dem Zug in die Wolken. Der karrt jährlich 30.000 Touristen über schwindelerregend hohe Brücken und enge Serpentinen bis zum Viadukt von La Polvorilla, also den halben Weg der Strecke ins kühle, über 4300 Meter hoch gelegene Socompa. Unterwegs werden Empanadas serviert und bei Bedarf sogar Sauerstoffflaschen - ein Extra, auf das die Arbeiter in den umliegenden Bergwerken wohl verzichten mussten.

Die Geschichte der archaischen Gegend im Hinterland der Anden ist auch eine von Himmel und Höhle - oder zumindest von Stollen: Argentinien, das wohl Silberland bedeuten soll, obwohl die legendären Minen von Potosí bereits jenseits der Grenze in Bolivien liegen, und der Bergbau gehören seit Beginn der Kolonialisierung zusammen. Auch wenn die Ruta de la plata, die legendäre Silberroute, erst ab 1776 mit der Öffnung des Hafens von Buenos Aires in Richtung Süden führte, mit Salta als wichtiger Zwischenstation.

Heute hat das Rotgold der Malbec-Traube die Silberesel-Karawanen abgelöst, und die Ruta de la plata schlängelt sich als Ruta Nacional 9 durch den Nordwesten Argentiniens. Was nördlich von Salta aber keineswegs nach Highway-Tristesse aussieht. Dafür ist die Luft in Städtchen wie Humahuaca zu dünn, die Wände der hier verlaufenden Schluchtensysteme zu steil, der Kokatee zu dick. Von den Regenbogenbergen, die sich unterwegs bestaunen lassen, gar nicht erst zu reden: Der bunteste liegt in Purmamarca und heißt Cerro de los Siete Colores, Siebenfarbenhügel, wegen des polychromen Sedimentgesteins hinter Pappelalleen.

Die nördlich an Salta angrenzende Provinz Jujuy hat viele solcher Attraktionen auf Lager. Mitunter muss man dafür den Vicuña-Lamas folgen, deren Spuren in der Regel in die Hochwüste der südamerikanischen Puna führen; oder ins einsame Naturschutzgebiet der Laguna de los Pozuelos. Gleich drei Arten Flamingos spiegeln sich hier im 3635 Meter hoch gelegenen Salzsee - rosarote Pünktchen an einem lichten Ende der Welt.

Licht und Raum - das waren auch die Zutaten, die dem Südwesten der Provinz Salta bereits 2009 eines der einsamsten Kunstmuseen der Welt bescherten. Es ist dem Licht- und Land-Art-Künstler James Turrell gewidmet und liegt fünf holprige Geländewagenstunden von Salta entfernt - hinter 3300 Meter hohen Gebirgspässen und Flussoasen, die die hier verlaufenden Täler Valles Calchaquíes zum besonderen Sehnsuchtsort machen.

Ins Weingut mit Staubfahne

Es ist ein sonnengebackenes Land, vor dessen Glut die Cardones-Kakteen die Arme heben wie bei einem Überfall und wo sich, wenn der Himmel die Schleusen öffnet, rostrote Lawinen aus Schlamm durch eben noch knochentrockene Flussbette wälzen. Um das alte Weingut Bodega Colomé zu erreichen, muss man der eigenen Staubfahne aber noch ein ganzes Stück folgen. Doch dann taucht das würfelige Gebäude des Schweizer Weinhauers und Kunstsammlers Donald Hess endlich auf, so lehmfarben wie das Tal ringsum. Man betritt es, als handle es sich dabei um einen spirituellen Akt.

Turrell hat Hessens Lehmkiste nämlich mit mystischem Licht gefüllt, dessen intensives Blau durch Rechtecke in der Decke in das Innere des Museums dringt: Er hat den Himmel Argentiniens hineingepackt. Und man betrachtet ihn, während das übrige Gemäuer alle Farben spielt - wodurch sich im Auge des Betrachters auch die Himmelsfarbe komplementär verändert. Resultat: Der Himmel über Argentinien kann lila sein, türkis oder grau. Weit ist er in jedem Fall. (Robert Haidinger, DER STANDARD, Rondo, 29.3.2013)

  • Geografisch gibt sich der Norden Argentiniens distanziert von Buenos Aires, der Geburtsstadt von Papst Franziskus. Doch zwischen den markanten Gesteinsformationen in der Provinz Jujuy und den Kakteen in den Calchaquíes-Tälern tauchen immer wieder Naheverhältnisse auf: die alten Jesuiten-Missionen etwa ...

    Geografisch gibt sich der Norden Argentiniens distanziert von Buenos Aires, der Geburtsstadt von Papst Franziskus. Doch zwischen den markanten Gesteinsformationen in der Provinz Jujuy und den Kakteen in den Calchaquíes-Tälern tauchen immer wieder Naheverhältnisse auf: die alten Jesuiten-Missionen etwa ...

  • ... oder die Franziskus-Basilika in Salta.

    ... oder die Franziskus-Basilika in Salta.

  • Anreise & Info
Günstige Flüge Wien - Buenos Aires mit Iberia und KLM. Inlandsflüge: Aerolinea Argentinia. Empfehlenswerte "Visit Argentina"-Flugpässe müssen bereits außerhalb von Argentinien gekauft werden. Touristische Infos: www.turismo.gov.ar
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    Anreise & Info

    Günstige Flüge Wien - Buenos Aires mit Iberia und KLM. Inlandsflüge: Aerolinea Argentinia. Empfehlenswerte "Visit Argentina"-Flugpässe müssen bereits außerhalb von Argentinien gekauft werden. Touristische Infos: www.turismo.gov.ar

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