Wien als Favorit ins Eishockey-Finale

Blog28. März 2013, 03:15
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Die Vienna Capitals und der KAC stehen sich ab Donnerstag in der Finalserie der EBEL gegenüber. Eine analytische Vorschau

Am Ende einer beeindruckenden Saison stehen die Vienna Capitals zum ersten Mal seit acht Jahren wieder im Finale der Erste Bank Eishockey Liga. Der Gegner dort ist derselbe wie beim bisher einzigen Titelgewinn der Klubgeschichte, nämlich kein Geringerer als der Rekordmeister KAC. Die Rotjacken hoffen bei ihrer vierten Endspielteilnahme in fünf Jahren, endlich die "Mission 30" erfolgreich abschließen zu können. derStandard.at nimmt die beiden Kontrahenten unter die Lupe.

Die Geschichte

Ein Titelkampf zwischen Wien und Klagenfurt, das ist das älteste Duell, das Eishockey-Österreich zu bieten hat. Nachdem die Meisterehren in den ersten elf Jahren der Ligageschichte stets innerhalb der Wiener Stadtgrenzen vergeben wurden, war es 1934 der KAC, der als erster Klub aus den Bundesländern gegen den Wiener Meister um den nationalen Titel spielen (und gewinnen) durfte. In den 22 Spielzeiten, die zwischen 1923 und 1952 ausgetragen wurden, kam der Liga-Champion stets aus der Bundes- oder der Kärntner Landeshauptstadt.

Direkte Duelle in einer Finalserie gab es zwischen Wien und Klagenfurt seit der erstmaligen Einführung der Play-offs zur Saison 1973/74 allerdings nur zwei: 1987 sweepte der KAC den WEV mit 3:0, 2005 holten die Vienna Capitals in einer denkwürdigen Finalserie, in der sich in sechs der sieben Spiele das Auswärtsteam durchsetzte, den bisher einzigen Titel ihrer Klubgeschichte. Der KAC hatte nach einer 3:2-Führung schon eine Hand am Pokal, verlor dann aber Goalie Dan Cloutier und damit die Serie. Aus den Endspielen 2005 auch heuer noch dabei: Mike Siklenka, Johannes Reichel und David Schuller.

Die Ausgangssituation

Wien hat in dieser Spielzeit die Liga dominiert, führte die Tabelle in 33 von 54 Runden und seit Ende Dezember durchgehend an. Längst ist der Klubrekord von ehemals 41 Saisonsiegen (nun 43) gebrochen. In den Play-offs fegten die Capitals souverän über Znojmo hinweg, ehe sie im Halbfinale gegen Salzburg, den wohl unangenehmsten Gegner, eine wahrliche Reifeprüfung ablegten. Weniger konstant verlief die Saison des KAC, der sich Ende Dezember auf Rang acht liegend von Headcoach Christian Weber trennte. Nach der zweiten Trainerentlassung innerhalb von knapp elf Monaten gab es für die Spieler keine Ausreden mehr, unter Christer Olsson und Dieter Kalt stabilisierte sich das Team vor allem in der Defensive und arbeitete sich damit kontinuierlich an die Ligaspitze heran.

In die Finalserie - für die Capitals die zweite der Vereinsgeschichte, für den KAC bereits die 19. - starten die Wiener mit Heimrecht, was grundsätzlich als Vorteil gilt: Drei Viertel der Endspielserien seit der Liganeugründung im Jahr 2000 haben jene Teams gewonnen, die vor eigenem Publikum eröffneten. Auch die Bilanz aus den bisherigen Saisonduellen fällt mit fünf Caps-Siegen in sechs Begegnungen eindeutig aus. Während die erst 2001 gegründeten Capitals nach dem zweiten Titel ihrer Klubgeschichte nach 2005 greifen, unternehmen die Rotjacken bei ihrer dritten Finalteilnahme in Folge einen erneuten Anlauf, das 30. Championat ihrer Historie, das erste seit 2009, zu erringen.

Die Torhüter

Sowohl Matt Zaba in Wien als auch Rene Swette beim KAC haben erheblichen Anteil an den Erfolgsläufen ihrer jeweiligen Teams, von allen in den Play-offs regelmäßig eingesetzten Goalies weisen die beiden die niedrigsten Gegentorschnitte (1,78 bzw. 1,67) auf. Capitals-Schlussmann Matt Zaba präsentierte sich in der bisherigen Saison als einer der stärksten Neuzugänge in der gesamten EBEL. Er brilliert mit enormer Konstanz auf hohem Niveau (zwei oder weniger Gegentore bei 26 von 42 Einsätzen, nur 14 Niederlagen), kaum ein anderer Torhüter in der Liga gestaltet seine Bewegungsabläufe unaufgeregter und effizienter.

Rene Swette nimmt in seinem fünften Jahr beim KAC erstmals die Position als Starttorhüter in den Play-offs ein und überzeugt dabei gänzlich. Nachdem er im Grunddurchgang nur ein einziges Mal mehr als drei Spiele am Stück absolvieren durfte, hat er im Viertel- und Halbfinale (zehn Spiele, nur zwei Niederlagen) prächtig in seinen Rhythmus gefunden. War in der Vergangenheit gerade die über längere Zeitspannen fehlende Konstanz sein zentrales Problem, können ihm in diesem Bereich mittlerweile deutliche Entwicklungsfortschritte attestiert werden.

Gemeinsam ist beiden Torhütern, dass sie von der konsequenten Arbeitsauffassung ihrer Vorderleute profitieren und gut mit ihren Abwehrformationen abgestimmt sind. In der isolierten Gegenüberstellung beider Individuen ergeben sich leichte Vorteile für Matt Zaba und die Capitals, die zudem auch in der Betrachtung des gesamten Goaliegespanns die Nase vorne haben: Während bei Wien Fabian Weinhandl im die Halbfinalserie drehenden Auswärtsspiel mentale Stärke bewies, schaffte es Andy Chiodo seit seiner Auswechslung in der zweiten Viertelfinalpartie nicht mehr zurück aufs Eis, zumal an ihm auch die Erinnerungen an zwei verlorene Finalserien in den letzten beiden Jahren haften.

Die Abwehr

Der starke Defensivverband war das herausragende Qualitätskriterium Wiens in der bisherigen Spielzeit, gegen kaum ein EBEL-Team war es in den letzten Jahren so schwer, Tore zu erzielen, wie gegen die Capitals der Saison 2012/13. Die aktuell 2,17 Gegentreffer pro Partie entsprechen dem mit Abstand niedrigsten Wert der gesamten Klubgeschichte und sind vornehmlich der Ausbalanciertheit der Abwehr geschuldet: Einerseits Verteidiger, die ihre Rolle offensiver auslegen (Andre Lakos, Jamie Fraser), andererseits Defender, die schnörkel- und weitestgehend fehlerlos die eigene Zone dicht machen (Sven Klimbacher, Philippe Lakos), komplettiert durch zuverlässige Allrounder (Adrian Veideman). Im großen Schatten dieser kompakten Grundpfeiler ergeben sich erhebliche Freiräume für die Weiterentwicklung nachrückender Akteure wie dem seit Jahren zu wenig geförderten Peter Schweda oder Rohdiamant Patrick Peter.

Über ein ähnliches Gleichgewicht in der Defensive verfügt der KAC nicht, im Saisonverlauf kassierte man daher auch 35 Gegentore mehr als Wien. Allerdings ist beim Rekordmeister im Laufe des Spieljahres eine kontinuierliche Steigerung festzustellen: Christer Olsson und Dieter Kalt konnten die unter Christian Weber noch wackelige Abwehr stabilisieren, der Schnitt an Gegentoren pro Spiel sank seit Ende Dezember um mehr als 20 Prozent. Die stetige Verbesserung lässt sich auch an der Leistungsentwicklung von Schlüsselspielern wie Kirk Furey oder Mike Siklenka ablesen, ganz kann die KAC-Verteidigung der kolossalen Capitals-Defense aber nicht das Wasser reichen.

Der Angriff

Im Vergleich zu vergangenen Spielzeiten, als das Angriffsspiel Wiens stark auf das Duo Gratton/Fortier konzentriert war, ist das Team heuer offensiv deutlich breiter aufgestellt. Dadurch büßte man zwar etwas an Durchschlagskraft ein (seit den verpassten Play-offs 2004 haben die Capitals nur im Vorjahr noch weniger Tore pro Spiel erzielt als in der aktuellen Saison), ist aber auch deutlich schwieriger auszurechnen. Die Linien zwei und drei sind mit Spielern wie Joshua Soares, Jonathan Ferland oder Marcus Olsson besetzt, die auch mit Einzelaktionen zu Torerfolgen kommen können. Dazu kommt der Drive des vierten Blocks, in dem Philipp Pinter am Faceoff-Punkt für viel Puckbesitz sorgen wird, auf dem aufbauend die hinteren KAC-Reihen beschäftigt werden können. Einziges Fragezeichen bleibt die erst während der Finalserie zu erwartende Rückkehr des verletzten Kapitäns Benoît Gratton und die sich daraus ergebenden Umstellungen.

Über die gesamte Saison betrachtet, mangelt es der Offensivabteilung der Rotjacken an Ausgeglichenheit. Die erste Linie mit Top-Neuzugang Jamie Lundmark, dem wieder aufblühenden Thomas Koch und John Lammers gehört zweifellos zum besten, das die EBEL zu bieten hat, dahinter fehlte jedoch die Scoring Depth: Im Grunddurchgang fand sich - vom genannten Trio abgesehen - kein einziger KAC-Stürmer in den Top 100 der Scorerliste. In den Play-offs entspannte sich die Situation mit dem Wiedererstarken von Tyler Scofield deutlich, im Finale wird es aber auch darauf ankommen, wie stark sich die Angriffsformationen drei und vier in Szene setzen können.

Die Special Teams

Das Powerplay ist jener Bereich, in dem bei den Vienna Capitals aktuell das größte Steigerungspotenzial zu verorten ist, in sechs Halbfinalspielen gegen Salzburg gelang in knapp 35 Minuten reiner Überzahl nur ein einziger Treffer. Viel wird hier von der möglichen Gratton-Rückkehr abhängen, denn aktuell ist mit Andre Lakos ein Verteidiger punktebester Wiener im Powerplay. Als - wie das Defensivspiel allgemein - sehr stark erweist sich hingegen das Unterzahlspiel der Capitals: Schon im Grunddurchgang als durchaus solide zu klassifizieren, steigerte man die Effizienz des Penalty Killings in den Play-Offs um noch einmal fast zehn Prozent. Der Hauptstadtklub überstand in der Post Season im Schnitt 19:13 Minuten mit einem Mann weniger, ehe dem Gegner ein Treffer gelang.

Beim Rekordmeister hängt auch im Überzahlspiel vieles an der Linie Lammers-Koch-Lundmark, die 60 Prozent aller von KAC-Stürmern gesammelten Scorerpunkte im Powerplay für sich verbuchen konnte. An der blauen Linie ergibt sich dank der schussgewaltigen Kirk Furey, Mike Siklenka und Florian Iberer ein leichter Vorteil gegenüber den Capitals. Das Penalty Killing der Rotjacken wurde wie das Defensivverhalten generell im Saisonverlauf deutlich stärker, in den Play-offs kassierte der KAC bei numerischer Unterlegenheit wie Wien nur vier Gegentore in elf Spielen.

Die Verletzungen

Wien und Klagenfurt waren das gesamte Spieljahr betrachtet jene beiden Teams der EBEL, die am stärksten vom Verletzungspech verfolgt wurden. Bei den Capitals mussten gleich neun verschiedene Spieler für mindestens zehn Partien pausieren, zwei davon wurden bereits abgemeldet. Bei den aktuell verletzten Cracks kündigen sich jedoch Comebacks an: Mario Fischer (seit Oktober ohne Einsatz) trainiert wieder mit dem Team, bei Benoît Gratton (seit fünf Wochen out) darf Anfang kommender Woche mit einer Rückkehr ins Lineup gerechnet werden und auch im Fall Philippe Lakos sind leicht positive Signale aus der medizinischen Abteilung des Klubs zu vernehmen.

Beim KAC wurden die Langzeitverletzten Gregor Hager und Herbert Ratz bereits vor geraumer Zeit abgemeldet, auch Stefan Geier, Paul Schellander und der mittlerweile wieder fitte aber nicht mehr spielberechtigte Patrick Harand werden heuer keine Spiele mehr bestreiten. Während der Verletzungsstatus von Kevin Doell noch offen ist, plant Kapitän Thomas Koch, Dreh- und Angelpunkt des Klagenfurter Angriffsspiels, seine Rückkehr spätestens für die zweite Finalpartie am Sonntag.

Die Trainer

Zum ersten Mal in der Geschichte der klar nordamerikanisch geprägten EBEL kommt es in der heurigen Endspielserie zum Duell zweier Teams, die von schwedischen Trainern geführt werden. Wiens Tommy Samuelsson (53), in der Elitserien bereits zweifacher Meistertrainer, vollzog nach einer schwachen Premierensaison in Kagran im vergangenen Sommer einen weitreichenden Umbau der Mannschaft, gemeinsam mit Scout Bernd Freimüller stellte er ein nahezu ideal komponiertes Team zusammen. Als die Halbfinalserie gegen Salzburg zu kippen drohte, setzte er mit einem völlig überraschenden Torhüterwechsel ein entscheidendes Signal, er pokerte hoch und gewann.

Sein um gut zehn Jahre jüngerer Kontrahent, Christer Olsson, 2000 bereits als Spieler Meister mit dem KAC, übernahm letztes Jahr in Klagenfurt das Amt des Co-Trainers. Nach der Entlassung von Christian Weber Ende Dezember rückte er ins erste Glied auf, stabilisierte sein Team und coachte es in bisher 34 Spielen zu starken 23 Siegen. Kurios: Als (für die Defensive zuständiger) Assistent steht ihm Dieter Kalt zur Seite, der beim einzigen Titelgewinn der Capitals im Jahr 2005 noch deren Kapitän war. In der damaligen Finalserie für den KAC am Eis aktiv war Philippe Horsky, heute Co-Trainer Samuelssons in Wien.

Die Prognose

Nach jeweils acht Siegen in elf Play-off-Spielen stehen beide Klubs völlig verdient im Finale. Während die Capitals im Halbfinale im sechsten Anlauf erstmals die Hürde Salzburg überspringen konnten, verlieh dem KAC die letztlich souveräne Entthronung von Meister Linz ebenso erheblichen mentalen Rückenwind. Für Wien spricht neben dem Heimvorteil auch der Umstand, dass das Team in allen Mannschaftsteilen einen Tick ausbalancierter besetzt ist als der Rekordmeister. Die Rotjacken wiederum, die zum dritten Mal in Folge im Endspiel stehen, verfügen über die in Finalsituationen erfahreneren Spieler, gemeinsam können die im aktuellen Kader stehenden Cracks auf nicht weniger als 24 Meistertitel alleine in der EBEL verweisen.

Der derStandard.at-Tipp: Die Capitals krönen sich in der auf bis zu sieben Spiele ausgelegten Serie im fünften oder sechsten Duell zum Champion 2013. (Hannes Biedermann, derStandard.at, 28.3.2013)

Hinweis: Im dritten Jahr im Folge wird derStandard.at sämtliche Finalspiele in Form eines Livetickers begleiten. Startschuss ist am Donnerstag um circa 20 Uhr.

  • Die Trainer: Im ersten Duell zweier schwedischer Coaches in einem EBEL-Finale stehen einander Tommy Samuelsson (li.) und Christer Olsson gegenüber.
    fotos: apa/krug, apa/eisenbauer

    Die Trainer: Im ersten Duell zweier schwedischer Coaches in einem EBEL-Finale stehen einander Tommy Samuelsson (li.) und Christer Olsson gegenüber.

  • Die Torhüter: Matt Zaba (li.) und Rene Swette sind jene beiden Goalies in der Liga, die in den Play-Offs die wenigsten Gegentore kassieren.
    fotos: apa/eggenberger, gepa/redbull/ort

    Die Torhüter: Matt Zaba (li.) und Rene Swette sind jene beiden Goalies in der Liga, die in den Play-Offs die wenigsten Gegentore kassieren.

  • Die Kapitäne: Sowohl Benoît Gratton (li.) als auch Thomas Koch sind aktuell rekonvaleszent, beide werden aber im Verlauf der Finalserie aufs Eis zurückkehren.
    fotos: apa/eggenberger

    Die Kapitäne: Sowohl Benoît Gratton (li.) als auch Thomas Koch sind aktuell rekonvaleszent, beide werden aber im Verlauf der Finalserie aufs Eis zurückkehren.

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