"Take This Waltz": Das Leben ist kein Lunapark

27. März 2013, 18:57
8 Postings

Eine Frau, die sich zwischen Sicherheit und Abenteuer entscheiden muss: Sarah Polleys Liebesfilm "Take This Waltz" krankt an allzu papierenen Ideen, dabei agiert Hauptdarstellerin Michelle Williams mit eindringlicher Aufrichtigkeit

Wien - Von einem Gate zum anderen kann eigentlich nicht viel passieren. Margot (Michelle Williams) lässt sich jedoch auf Flughäfen, aus Angst vergessen zu werden, im Rollstuhl zum Flugzeug bringen. Sie tut so, als würde sie an einer Gehschwächen leiden. Mit dieser ungewöhnlichen Angewohnheit ihrer Heldin will Sarah Polley in Take This Waltz freilich auf eine grundsätzliche Disposition hinaus. Denn Margot versteht sich auch in anderen Lebenssituationen nicht gut auf Übergänge, die Veränderungen bringen - etwa aus einem sicheren Dasein zu treten, um sich auf ein ungewisses, aber verführerisches Abenteuer einzulassen.

Ob man die zweite Regiearbeit der vormaligen Schauspielerin Polley für gelungen hält, hängt nicht zuletzt davon ab, wie glaubwürdig man schwerfällige Einfälle wie diesen findet. Auffällig viele Szenen dieses Films suchen eine Mehrdeutigkeit, wirken konstruiert und ausgedacht, anstatt sich vom Drama freizuspielen. Aber das Einfache ist Polleys Sache nicht. Sie bevorzugt allzu prägnante, starke Bilder, um von der Liebe, den Fallstricken der Intimität und dem Kitzel von Neuem, Unbekanntem zu erzählen.

Der Zufall wirkt schon am Beginn von Take This Waltz kräftig mit, als Margot auf einer Reise mehrmals Daniel (Luke Kirby) begegnet und die beiden sich schnell zueinander hingezogen fühlen. Daniel wohnt auch in Toronto, sogar gleich gegenüber von Margots Haus. Obwohl er eine Ritscha zieht, ist ihr der gutaussehende Nachbar davor noch nie aufgefallen. Dafür geht er ihr jetzt nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Ehemann Lou (Seth Rogen) wirkt in seiner kumpelhaften Art und mit seinen etwas albernen Einfällen umso geheimnisloser auf Margot, je öfter sie Daniel trifft. Dabei ist er weniger der klassische Verführer als jemand, der sie gerne mit Provokationen aus der Reserve lockt.

Polley erzählt ihren Film konsequent aus der Perspektive der Frau. Vielleicht wirken deshalb beide Männer mit ihren jeweiligen Spleens überzeichnet. Weit besser als auf Figuren und die Ausgestaltung der Milieus, die sich wie urbane Lifestyle-Idyllen ausmachen, versteht sich die Regisseurin auf die Inszenierung ambivalenter Gefühlszustände. Wiederholt gelingen ihr Szenen, in denen Gefühle allmählich umzukippen scheinen - etwa von Euphorie in Ernüchterung während der längeren Fahrt auf einer Lunapark-Attraktion, bei der Video Killed the Radio Star zu hören ist.

Die besten, betörendsten Momente von Take This Waltz sind so auch Michelle Williams zu verdanken, die allein mit ihrem Gesicht quälende Unentschiedenheit auszudrücken vermag und sich ihrer Rolle mit großer Aufrichtigkeit annimmt. So kommt es dann auch zu Szenen, in denen das Set-up der Situation - der nur in Worten ausgeführte Austausch von Zärtlichkeiten - als Idee etwas überzogen wirkt, die Gegenwärtigkeit der Darstellerin diesen imaginären Akt aber ganz natürlich erscheinen lässt.   (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD,  28.3.2013)

  • Wassermelonen schmecken plötzlich wieder intensiv: Michelle Williams verliebt sich in "Take This Waltz" in ihren Nachbarn, gespielt von Luke Kirby. 
    foto: polyfilm

    Wassermelonen schmecken plötzlich wieder intensiv: Michelle Williams verliebt sich in "Take This Waltz" in ihren Nachbarn, gespielt von Luke Kirby. 

Share if you care.