Haartests, ja bitte - aber richtig

Kommentar der anderen27. März 2013, 18:25
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Johanna Mikl-Leitners jüngster Vorstoß zum Ausbau der Inneren Sicherheit und der Volksgesundheit ist generell begrüßenswert, krankt allerdings noch an manchen Umsetzungsschwächen und geht nicht weit genug. Hier einige Vorschläge zur Optimierung

Der neueste Vorschlag aus dem Bereich der Inneren Sicherheit geht an die Kopfhaut. Auf der Suche nach Drogenkonsumenten sollen jetzt vermehrt Haare analysiert werden. Der Wunsch, dass die Bevölkerung sich von Substanzen fernhält, die vom Gesetz als illegale Drogen klassifiziert werden, ist nachvollziehbar. Auch sollte der übermäßige Genuss von Alkohol in einer Gesellschaft, deren Mitglieder tödliche Geschoße auf vier Rädern durch belebte Gegenden chauffieren, nicht überhandnehmen. Alles in allem also ein vernünftiger Beitrag zur Volkssicherheit und -gesundheit.

Allerdings scheint mir, geht dieser Vorschlag nicht weit genug und weist zudem einige bedenkliche Lücken auf. Zunächst zu Letzterem: Wie uns Fachleute informieren, speichern dunkle Haare besser als helle, zudem macht Bleichen das Haar für toxikologische Analysen wertlos.

Und wie steht es mit jenen jungen Männern, die dem aktuellen Modetrend folgen, sich den Kopf kahl rasieren und damit ihren frühen Haarausfall als Fashion-Statement kaschieren? Wie verhält es sich mit den Skins und anderen, die mit ihrer Glatze eine politische Aussage verbinden? Wird hier nicht eklatant gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen, wenn Blondinen und Kahlrasierte nicht ordnungsgemäß getestet werden können?

Im Vorschlag des Innenministeriums fehlt auch, soweit ich es überblicke, jeder Hinweis auf die Schambehaarung - obwohl auch hier, wie man hört, schon häufig die Rasierklinge angesetzt wird.

Was die Reichweite des Vorschlags anbelangt, so scheint mir hier eine falsche Rücksichtnahme zu walten. Sollten nicht alle jene, die weitreichende Entscheidungen treffen müssen, die unser aller Leben beeinflussen können, dies in gebührend nüchternem Zustand tun? Die Mitglieder des Parlaments, jene Menschen, die im Namen des Volkes Gesetze verabschieden - wären das nicht die natürlichen Kandidaten für einen solchen Haircut?

Was spricht gegen eine Art regelmäßige Dopingkontrolle im Hohen Haus. Die Damen und Herren Abgeordneten sollten wie alle Sportler nach der Abstimmung zumindest eine Blut- oder Urinprobe abgeben.

Ob ein Gesetz rechtmäßig zustande gekommen ist, hängt dann nicht mehr davon ab, wie viele Mitglieder der Volksvertretung dafür oder dagegen gestimmt haben, sondern darüber hinaus, wie viele der Stimmen von sozusagen verkehrstüchtigen Volksvertretern stammen.

Man könnte den Gedanken weiterführen und derartige Kontrollen auch bei Vorstandssitzungen von Banken und Großunternehmen durchführen lassen. Wenn sich dann beispielsweise herausstellt, dass der CEO eines börsennotierten Unternehmens eine positive Zukunftsprognose abgibt, obwohl er dauerhaft Antidepressiva zu sich nimmt, sollte man dann nicht von einer Art pharmakologischer Marktmanipulation ausgehen? Die Leistungsträger der Gesellschaft schultern eine hohe Verantwortung, und ich denke, es wäre im Interesse aller, dass sie ihre Aufgaben auch in einem Zustand erledigen, der die Vermutung zulässt, sie wären voll bei Sinnen gewesen.

Die allgegenwärtige Sorge um die Sicherheit, die uns solche Maßnahmen beschert, könnte in diesem Sinne durchaus eine Erweiterung erfahren. Man denke etwa an Videokameras nicht nur in U-Bahnen, Shopping-Malls, sondern auch auf Polizeiwachen, an automatische Fahrtenschreiber mit Geschwindigkeitsmessung in Limousinen der Regierungsmitglieder, an regelmäßige Wissenstests bei all jenen, die sich in einem Gebiet als Experten ausgeben, an Offenlegung von Einkünften nicht nur bei jenen, die unter Verdacht stehen, Leistungen des Sozialstaats missbräuchlich in Anspruch zu nehmen, sondern auch bei jenen, die über die Höhe der Sozialhilfe zu entscheiden haben. Wie gesagt, wenn schon - dann richtig. (Reinhard Kreissl, DER STANDARD, 28.3.2013)

 

Reinhard Kreissl (Jg. 1952) ist wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien.
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    foto: standard/newald
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