Ein Euro ist nicht immer ein Euro

27. März 2013, 18:50
46 Postings

Mit der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen könnte sich der Wert der Gemeinschaftswährung spalten

Wien - Die Kapitalverkehrskontrollen auf Zypern haben eine heftige Debatte unter Ökonomen ausgelöst. Die einmalige Aktion – erstmals beschränkt ein Land der Währungsunion den Kapitalumlauf – wird Zyperns Wirtschaft wegen der vielen Beschränkungen für Betriebe und Bürger teuer zu stehen kommen. Darüber sind sich alle Experten einig. Strittig ist jedoch, ob die Maßnahme ein notwendiges Übel ist – oder der Beginn vom Ende des Euro.

Vertrauensverlust befürchtet

Die deutlichsten Warnungen vor Kapitalverkehrskontrollen kommen vom Brüsseler Wirtschaftsforschungsinstitut Bruegel. Die Ökonomen Guntram Wolff und Zsolt Darvas bezeichneten die Beschränkungen in einem Blogeintrag als fatalen Fehler, der das Vertrauen in die Eurozone untergraben werde. Sparer in Italien und Spanien würden verunsichert – wenn Zypern sich abkoppelt, warum nicht auch andere Länder? Damit werde das Fundament für die nächste Bankenpanik in Europa gelegt.

Der britische Ökonom Raoul Ruparel geht einen Schritt weiter: Durch die Kapitalverkehrskontrollen werde der Euro geteilt, "es kann gut sein, dass die Währung in Zypern nicht mehr den gleichen Wert hat wie im Rest Europas", sagte Ruparel dem Standard.

Sein Beispiel: Ein zypriotischer Sparer benötigt 900.000 Euro, um eine Rechnung im Ausland zahlen zu können. Er verfügt zwar über ein Guthaben von einer Million Eu ro auf einem zypriotischen Konto, doch dieses Geld kann er nicht außer Landes schaffen. Um seine Rechnung begleichen zu können, verkauft er sein Guthaben an einen Österreicher für 900.000 – die zehnprozentige Differenz entspricht, wenn man so will, dem Wechselkurs zwischen dem Zypern-Euro und dem Rest-Euro.

Beispiel Irland

Das Beispiel ist fiktiv, aber Kapitalverkehrskontrollen können dazu führen, dass sich eine Währung spaltet: Zahlungsmittel ist in Island die isländische Krone. Seit das Land Kapitalverkehr kontrolliert und den Geldwechsel beschränkte, teilte sich die Währung. Neben den herkömmlichen Kronen existiert die "Offshore-Krone"; sie wird separat gehandelt und ist weniger wert. Die "Offshore-Krone" besteht aus Bankguthaben ausländischer Bürger und anderen Finanzanlagen von Ausländern, etwa isländischen Staatsanleihen. Da für diese Finanzpapiere und Guthaben strikte Auflagen gelten (sie dürfen so gut wie gar nicht in Euro getauscht werden), sind sie weniger wert als normale Kronen. Die Menge an "Offshore-Kronen", die auch nicht importiert werden dürfen, ist gewaltig: Sie entspricht mehr als einem Fünftel der isländischen Wirtschaftsleistung.

Island wird im Zusammenhang mit Zypern häufig erwähnt. Der Inselstaat hat die Kontrollen eingeführt, um seine Währung  zu stabilisieren, kommt seit 2008 aber aus dem System nicht heraus. "Zypern wird es ähnlich ergehen", warnt Ökonom Darvas. Die  Regierung in Nikosia will die Beschränkungen zwar nur wenige Tage aufrechterhalten, doch diese Zusage sei nicht haltbar: "Die Gelder eine Woche zu sperren bringt nichts, dann beginnt der Bankenansturm später. Die Beschränkungen müssten daher mehrere Monate andauern", sagt Darvas, was aber der EU-Kapitalverkehrsfreiheit widerspreche.

Sein Vorschlag: Banken sollten öffnen und Guthaben unter 100.000 Euro (jene darüber sind ohnehin eingefroren) frei transferierbar sein. Wenn die Banken gestützt durch die Euro-Zentralbank normal weiterarbeiten, würden die Leute ihr Geld nach einer ersten Panik zurückbringen.

Ein ganz anderen Vorschlag macht Paul Krugman: Der US-Ökonom plädiert dafür, dass Zypern den Euro verlässt, um seine Wirtschaft zu sanieren. Dies sei nach der Einführung der Kapitalverkehrskontrollen möglich: Erstmals könne ein Land die Eurozone verlassen, ohne dass es den Abzug von Geldern fürchten muss. (András Szigetvari, DER STANDARD, 18.3.2013)

Share if you care.