Schlechter leben

Kolumne27. März 2013, 18:55
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Dem Normalbürger wird bei der Zeitungslektüre langsam mulmig. Müssen wir uns auch darauf einstellen, schlechter zu leben?

Viele Zyprioten verlieren ihr Erspartes. Viele Griechen können sich ihre Wohnungsmieten nicht mehr leisten. Viele Spanier suchen vergeblich nach Jobs. Viele Italiener schnallen den Gürtel enger. Und die Österreicher? Uns wird es nicht treffen, hören wir immer wieder. Niemand muss sich Sorgen machen. Bei uns ist alles in Ordnung. Trotzdem wird dem Normalbürger bei der täglichen Zeitungslektüre langsam mulmig. Müssen wir uns auch darauf einstellen, eines nicht zu fernen Tages schlechter zu leben? Und wie könnte dieses schlechtere Leben aussehen?

Die Feinheiten der diversen Rettungsschirme versteht unsereins schon lange nicht mehr. Aber man fragt sich, wie auf Dauer die reicheren Länder die ärmeren retten sollen, ohne dass die Bürger im wohlhabenden Norden Europas das in ihrem Geldbörsen spüren. Irgendwo müssen die ausgegebenen Milliarden schließlich herkommen. Ja, die meisten von uns wollen Europa. Ja, die meisten von uns wollen Solidarität. Aber welchen Preis sind wir bereit, dafür zu zahlen?

Wer von öffentlichen Subventionen abhängig ist, hat den allgemeinen Spartrend schon am eigenen Leibe erleben können. Kulturbudgets werden knapper. Förderungen sind schwerer zu kriegen. Die Aufregung um die teuren Hüftprothesen, die in Oberösterreich jetzt angeblich nur wenige Patienten bekommen sollen, hat gezeigt, dass auch im Gesundheitswesen künftig wohl sparsamer gewirtschaftet werden muss. Aber im täglichen Leben merkt man (noch) nichts. Volle Lokale, gut gebuchte Urlaubsziele. Die Österreicher, so scheint es, lassen sich's gutgehen, Krise hin oder her.

Trotzdem scheint eine Ahnung davon in der Luft zu liegen, dass es mit dem unbekümmerten Geldausgeben nicht ewig so weitergehen kann. Besonders bei jungen Leuten gibt es so etwas wie einen Trend zu einer neuen Bescheidenheit. Sie reagieren sensibler auf Veränderungen in der Gesellschaft als die ältere Generation. Und so stößt man neuerdings immer wieder auf Menschen, die das Auto aufgegeben haben und auf Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen sind. Urlaub in Österreich statt teurer Fernreisen ist in Mode gekommen. Und manchem Konsumenten bereitet es keinen Genuss mehr, in Kaufhäusern und Einkaufsmärkten mit einem überwältigenden Warenangebot konfrontiert zu werden, sondern eher Unbehagen. Brauchen wir all das Zeug wirklich? Weniger, sagen viele, ist mehr.

Sind solche Stimmungen Vorboten künftiger magerer Zeiten? Oder einfach Zeichen von Übersättigung einer vom Wohlstand verwöhnten Generation? Es gibt immer noch viel zu viele im Lande, die sich selbst die notwendigen Dinge des Lebens nicht leisten können, nicht zuletzt eine angemessene Wohnung. Aber unter den übrigen wird immer öfter die Frage gestellt: Worauf könnte ich zur Not verzichten?

Jeder hat andere Prioritäten. Für den einen ist das schnelle Auto entbehrlich, für den anderen der Winterurlaub im Süden. Die täglichen Nachrichten von der wachsenden Armut in vielen europäischen Ländern lassen immer mehr Österreicher nachdenklich werden.

Noch geht es uns gut. Aber die Betonung liegt auf noch. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 28.3.2013)

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