"Ich bereue es, dich adoptiert zu haben"

27. März 2013, 18:46
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Der "Guardian" hat Leserinnen und Leser gefragt, was sie im Umgang mit ihren Kindern heute anders machen würden

"Ich habe zu wenig Zeit mit meinen Kindern verbracht" - das Eingeständnis, dass man das mit dem Elternsein doch irgendwie anders hätte machen sollen, kommt gerne spät. Nicht selten erst, wenn einem diese "Kinder" als Erwachsene gegenübersitzen, längst ihr eigenes Leben leben und dann selbst kaum mehr Zeit haben für die alternden Eltern.

Die Reue ob der nicht mit den Kindern verbrachten Zeit lässt sich aus vielen Zusendungen an den "Guardian" herauslesen. Die britische Tageszeitung hatte ihre Leserinnen und Leser gebeten, zu verraten, was sie als Eltern bereuen und heute anders machen würden.

Die Sache mit den Spaghetti

Einige der Zuschriften sind schlicht kurios. Da berichtet eine Mutter, dass sie ihrer dreijährigen Tochter einmal einen Teller lauwarmer Spaghetti samt Sauce aufgesetzt hat - mit dem Inhalt nach unten. Das Kind hatte sich sehr laut und sehr standhaft geweigert zu essen - auch die drei Geschwister waren an diesem Tag äußert anstrengend, wie die Mutter schreibt. "Irgendwann hat es dann halt gereicht."

Sie bereue den Vorfall. Vor allem deshalb, weil sich ihre Kinder heute ausschließlich an den "Spaghetti Incident" erinnern wollten, nicht aber an die anderen Dinge, die die Mutter ständig getan habe: "Kochen, Putzen, Waschen, Bügeln ... die Liste ist endlos." Die damals Dreijährige hat die Geschichte übrigens traumalos überstanden, schreibt die Mutter. "Mit 18 hat sie sich dann Dreadlocks zugelegt."

Hinterher ist man immer gescheitert

Andere Zuschriften sind weniger spaßig. "Ich bereue es, dich adoptiert zu haben", adressiert ein Anonymus sein Adoptivkind. "Es war keine gute Idee, ein Kind aus einer fernen Krisenregion in diese instabile Familie zu holen", notiert der Leser oder die Leserin. "Ich hatte gehofft, ich könne dir ein besseres Leben bieten. Heute muss ich gestehen, dass mein stärkstes Gefühl dir gegenüber Reue ist. Ich bereue, dass wir uns jemals getroffen haben."

Späte Erkenntnis auch bei Leserin Anji Dawkins: "Ich habe meinen Kindern nie gesagt, dass ich sie liebe", gesteht sie dem "Guardian". Heute seien die Kinder groß. "Und ich glaube, dass es heute zu spät ist, es ihnen zu sagen."

Eine Frau namens Glynis Platt bereut es, ihrem damals siebenjährigen Sohn seinen toten Vater nicht mehr gezeigt zu haben, bevor dessen Leichnam abgeholt wurde. Der Mann war eines Nachts plötzlich gestorben. "Mein Ehemann sah friedlich aus, so als würde er schlafen", schreibt Platt. Doch sie hatte Angst, ihr Sohn würde den Anblick nicht ertragen. Heute bereut sie, dass das Kind nicht vom toten Vater Abschied nehmen konnte. "Ich glaube, er hätte seinen Tod dann besser verkraftet."

"Für sie wird Wasser immer H2O sein"

Weniger dramatisch das Bekenntnis von Leser Steve Brooks. "Ich bereue es, meinen Söhnen das Angeln nicht beigebracht zu haben", schreibt er. Er selbst hatte es mit zwölf von seinem Vater gelernt. "Er brachte mir Respekt vor der Natur und den Blick für die Schönheit des Wassers bei. Und die schweigsame Geduld, die man beim stundenlangen Sitzen am Ufer lernt." Heute sind Brooks' Söhne 14 und 16 Jahre alt und haben mit dem Angeln nichts am Hut. "Sie werden die Magie des Wassers nie verstehen", schreibt Brooks. "Für sie wird Wasser immer H2O sein."

Nie mehr bügeln

Recht prosaisch fällt das Bekenntnis von Leserin Christine Proudlock aus: "Am meisten bereue ich, meinen Söhnen erlaubt zu haben, die Spielfiguren der Serie 'Optimus Prime Transformers' zu verkaufen." Die Söhne sind heute 27 und 29 Jahre alt - "und sie werden mir niemals vergeben". Die Figuren aus den 80er Jahren sind heute Kultobjekte.

"Ich wünschte, ich hätte weniger gebügelt", schreibt eine anonyme Leserin. "Meine Schwiegermutter war überzeugt, dass nur Frauen Charakter besitzen, die Geschirrtücher bügeln." Sie habe dann ständig gebügelt im verzweifelten Versuch, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein. Heute blicke sie zurück und sei erschüttert. Vor allem darüber, welches Vorbild sie ihren Töchtern war. "Ich wünschte, ich könnte mich mit meinem jüngeren Selbst zu einem Glas Gin Tonic setzen und mich fragen: Willst du wirklich, dass deine Kinder nur bügeln, wenn sie erwachsen sind?" Die Leserin bügelt heute gar nicht mehr: "Die Hängemethode funktioniert prächtig." (Lisa Mayr, derStandard.at, 27.3.2013)

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