Neue Kopftuch-Debatte in Frankreich

Stefan Brändle aus Paris
27. März 2013, 18:58

Politiker aller Lager wollen das Verbot religiöser Symbole auf Teile der Privatwirtschaft ausdehnen - Im Kern geht es um das Kopftuch

Die Kopftuchdebatte entbrennt in Frankreich von neuem. Auslöser ist ein Gerichtsurteil, das es der Angestellten einer Tageskrippe erlaubt, bei der Arbeit ihr islamisches Kopftuch zu tragen. Sie war von ihrem privaten Arbeitgeber in einem Einwandererviertel entlassen worden, da sie sich weigerte, auf die Haarbedeckung zu verzichten. Die Frau ging vor Gericht, verlor in den ersten beiden Instanzen; vergangene Woche erhielt sie aber vor dem französischen Kassationshof recht.

Die Richter kamen zu dem Schluss, dass das islamische Kopftuch in privaten Unternehmen wegen des Grundsatzes der persönlichen Freiheit zulässig sein müsse. Ausnahmen seien nur möglich, wenn schwerwiegende Gründe vorlägen wie etwa Hygiene, Sicherheit oder eventuell der Publikumskontakt.

Religionssymbole in Schulen, nicht aber in Kindergärten verboten

Im konkreten Fall habe die betroffene Frau, die Vizedirektorin der Krippe, meist nur in der Verwaltung, das heißt abseits der Kleinkinder und Eltern gearbeitet. Als Schadenersatz erhielt sie 2500 Euro zugesprochen. Das Urteil bewirkte fast über Nacht eine hitzige Debatte, wie sie Frankreich vor knapp einem Jahrzehnt gekannt hatte. Seit 2004 gilt in Frankreich das Verbot "ostentativer religiöser Symbole" an öffentlichen Schulen - Krippen und Kindergärten sind aber nicht betroffen.

"Die Lage ist paradox", kommentierte das Onlineportal Slate: "Die Schüler werden vor religiösen Einflüssen geschützt, nicht aber die Kleinkinder."

Pariser Intellektuelle wie Elisabeth Badinter und Jacques Toubon erließen einen Aufruf in der Zeitschrift "Marianne": "Wir stehen vor der Stunde der Wahrheit. Der Laizismus muss konsolidiert und gestärkt werden, sonst wird er einen dramatischen Rückgang erleben." Dagegen meint Lionel Honoré, Professor an der Pariser Politschule Sciences Po, der Laizismus gelte definitionsgemäß im öffentlichen, nicht aber im privaten Raum - und deshalb auch nicht in Privatfirmen.

Der auf Arbeitsfragen spezialisierte Anwalt Eric Rocheblave prophezeit "eine explosionsartige Zunahme von Gerichtsfällen, nicht nur wegen des islamischen Kopftuchs, sondern zum Beispiel auch wegen der Einhaltung religiöser Feiertage durch das Lehrpersonal".

Mehrheit für Verbot

Unter den Franzosen herrscht offenbar eine klare Meinung: In einer aktuelle Umfrage sprechen sich 86 Prozent der Befragten für ein Verbot religiöser Symbole in öffentlichen Krippen und Kindergärten aus; 83 Prozent verlangen eine solche Maßnahme auch für die privaten Institutionen unter öffentlicher Aufsicht.

Die politischen Instanzen reagierten ebenfalls sehr deutlich auf das letztinstanzliche Gerichtsurteil. Das Prinzip des Laizismus dürfe "nicht vor den Toren der Krippen halt machen", kommentierte etwa Regierungssprecherin Najat Vallaud-Belkacem. Sie schloss nicht aus, dass die rot-grüne Koalition eine entsprechende Initiative lancieren werde.

Grundsätzliches Laizismus-Gesetz geplant

Der sozialistische Innenminister Manuel Valls stellte ebenfalls eine "gesetzgeberische Initiative gegen das juristische Vakuum" in Aussicht. Vermutlich kann er sich diese Arbeit sparen: Diverse Parlamentariervorstöße sind in Planung oder eingereicht. Die bürgerliche UMP dürfte ihm in den nächsten Tagen mit einem Vorschlag für ein grundsätzliches "Laizismus-Gesetz" zuvorkommen.

Dem UMP-Abgeordneten Eric Ciotti ist das noch zu generell: Er hat bereits einen Gesetzesvorschlag eingereicht, der die religiöse Neutralität über das Schulwesen hinaus in allen Privatfirmen ermöglichen will - von der Kinderkrippe bis zum Altersheim, vom Kleingewerbe bis zum Supermarkt. "Es geht natürlich nicht um ein allgemeines Verbot. Jeder Unternehmenschef soll die Abgrenzung von sich aus vornehmen", präzisiert Ciotti. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 28.3.2013)

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Absolut vernünftig.

Frage

In bestimmten Ländern wird Dieben aus religiösen Gründen die Hand abgehackt (Scharia). Muss dies eigentlich auch toleriert werden?

Oder gibt es in unserer westlichen Gedellschaft einfach bestimmte Grundwerte, die auch mit einem Verweis auf die Religion nicht abbedungen werden können? Sind nicht die Gleichberechtigung von Mann und Frau und das Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung der Frau solche nicht disponible Grundwerte? Verstößt nicht die Verpflichtung der Frauen, ihre Haare und ihre Beine in der Öffentlichkeit zu verstecken, während die Männer ihre herzeigen dürfen, gegen diese Grundwerte?

Halte das für absolut notwendig, aber es muss für alle religiösen Symbole gelten.

Also nicht nur kopftuch, sondern auch Kreuz, Halbmond, Davidstern etc. etc.

Hier wird mittels religiöser Symbole bereits im Vorfeld eine feindliche Stimmung und Ab-/Ausgrenzung geschaffen, wenn man nicht die Religion des Trägers teilt.

Das sollte auch für Parteiabzeichen gelten und alles, was einer ideologische Orientierung entspricht.

gilt das auch

für katholische Nonnen?

"gilt das auch für katholische Nonnen?"

.
wenn sie in öffentlichen schulen oder kindergärten arbeiten wollen: ja.

und was hat die berufsbekleidung von ordensfrauen mit der privatkleidung von nichtordensfrauen zu tun?
oder ist für Sie "muslimische frau" ein beruf mit vorgeschriebener berufsbekleidung?

Wenn aber religiöse Symbole auch in privaten Institutionen unter öffentlicher Aufsicht verboten werden sollten,

dann müßte das halt in der Konsequenz heißen, daß z.B. katholische Privatschulen sich auch jedweder religiösen Symbolik entledigen müßten - was wohl das Ende dieser Schulen bedeuten würde. Ob eine Religionsgemeinschaft dieses oder jenes als "Berufsbekleidung" vorschriebe, wäre wohl einerlei (der Beruf "Nonne" ist ja nun mal nur religiös definierbar...) - zumal es dann z.B. im Islam eigentlich keine in dieser Form institutionalisierte Gemeinschaft gibt.

Freilich sind das aus österreichischer Sicht eh "Luxusprobleme" - denn hier hängen ja meist doch noch Kreuze in den öffentlichen Schulen... (Oh, und ich halte die islamischen Kopftücher auch für generell sehr problematisch, gelinde gesagt - aber Ungleichbehandlung durch den Staat ebenso)

Die" Grand Nation" hat Angst vor dem kleinen Kopftuch.

Islamterrorismus wird für Europa und USA immer ein enormes Problem sein.

Wissen Sie wieviel das dem Westen kostet (Schaden durch Anschläge +
Kosten der Sicherheitssysteme + Kämpfe gegen die Terroristen) ?
Das kostet der Welt 3-4-stellige Milliarden Euros jährlich.
Unserer ganzen Wohlstand kann daran kaputtgehen.

...noch ein paar Jahrzehnte konsequent bleiben und da durchtauchen und der ganze religiöse Spuk ist dann ohnehin für immer Geschichte...

Technischer Fortschritt und Wohlstand sind nämlich der beste Glaubensersatz... ;)

Dann steht der Entwicklung zum Konsumherdenvieh wohl nichts mehr im Wege.

Drei bist vier stellige Milliardebeträge

Billionen also. Ein zehntel des BIPs aller EU- Staaten. Ich denke mal, Sie sind genauso viel Kernphysiker, wie ich Amish.

Nicht nur dass,der Poster "Kernphysiker"hat auch noch 8 grüne Stricherl bekommen.Einer alleine kann ja gar nicht so d... sein

und was hat das mit dem obigen artikel zu tun?

gar nix,aber die grössten Hetzer hier im Forum bekommen die meisten gr.Stricherl und nur dass macht sie glücklich.

interessant, haben sie dazu auch quellen?

http://www.stopptdierechten.at/

Es ist sehr bedauerlich,

dass in Europa schon längst erkämpfte, und selbstverständlich gewordene, kulturelle Errungenschaften schön langsam verloren gehen,
und wir schlittern zurück ins Mittelalter.
War die Aufklärung für de Katz ? Es ist möglich.

Sie sprechen hier die Religionsfreiheit an, und das Recht sich zu kleiden, wie es einem passt?

Vom Kopftuch oder den frommen Muslimen fühle ich mich nicht bedroht.

Eher von den halbstarken Banlieue-Machos mit ihrem Pseudo-Islam. Aber an die traut man sich nicht ran. Dann lieber einen marokkanischen Gemüsehändler einlochen, weil die Tochter nicht zur Klassenfahrt mitkommt!

Ich bin ja gespannt, ..

... wann die Franzosen dann das Tragen von Bärten verbieten. Schließlich wird das im Koran von muslimischen Männern gefordert, damit sich diese von andersgläubigen unterscheiden und ist damit wohl mehr religiöses Symbol als das Kopftuch.

Also, runter mit dem Bart - aber ich fahr dann nicht mehr nach Frankreich, weil meinen bekommen sie nicht. Was wäre ein Amish ohne Bart?!

"Schließlich wird das im Koran von muslimischen Männern gefordert, damit sich diese von andersgläubigen unterscheiden und ist damit wohl mehr religiöses Symbol als das Kopftuch"

.
der unterschied: die meisten jungs und männer halten sich nicht daran (müssen ja auch nicht, weil sie ja männer sind).
viele frauen müssen sich aber sehr wohl an die kopftuchpflicht halten (weil sie ja sonst die familienehre, die ehre des propheten oder gar die ehre gottes verletzen würden).

lieber timagoras

bitte bitte bitte informiere dich über den islam(stichwort sunna)
wenn du schon so etwas schreibst...

"bitte bitte bitte informiere dich über den islam(stichwort sunna) "

.
Sie wollen mir allen ernstes einreden, alle gläubigen muslimischen jungs und männer in Europa trügen - wie im koran gefordert - lange bärte?

ich lebe in einer stadt mit sehr hohem muslim-anteil an der bevölkerung, und ich kenne beruflich und privat sehr viele muslime.
und die vollbärtigen burschen und männer darunter sind ca. 1%, während es bei den kopftuchtragenden mädchen und frauen ca. 60% sind.

informieren Sie sich mal über die realität, anstatt Ihre nase nur in heilige bücher zu stecken!

sie verstehen es nicht!

einen Bart zu tragen ist weder Sunna noch Fard!

Also darüber können, ...

... selbst zwei Muslime wohl stundenlang streiten, genauso wie über den Kopftuchzwang. Ich denke nicht, dass es da eine eindeutige Antwort gibt.

"einen Bart zu tragen ist weder Sunna noch Fard!"

.
zitat Amish Bob (auf dessen posting meine antwort bezogen war, und nicht auf sunna oder fard):
"das Tragen von Bärten .... Schließlich wird das im Koran von muslimischen Männern gefordert ..."
dass der vorposter koran und hadithe vermengt, ist sein problem, nicht meins.
im übrigen verweise ich auf hadith Nr.5892

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