Umwelttod im Namen des Klimaschutzes

28. März 2013, 05:30
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Für saubere Wasserkraft werden Millionen Hektar Regenwald vernichtet: Der Klimaschutz ist ein tödlicher Etikettenschwindel, so der Dokumentarfilmer Ulrich Eichelmann. In "Climate Crimes" listet er Verbrechen an der Umwelt auf und erntet dafür auch Kritik

Wien – Der Klimaschutz vernichtet mehr Umwelt als der Klimawandel. Eine provokante, derzeit vieldiskutierte und kritisierte These, die der in Wien lebende Ulrich Eichelmann mit seinem aktuellen Film Climate Crimes belegen will. Dazu machte sich der Mitbegründer von RiverWatch, ein Verein zum Schutz der Flüsse, auf zu Tatorten der grünen Energien. Gestoßen ist er in den zwei Jahren Drehzeit auf "Umweltverbrechen im Namen des Klimaschutzes", "auf Etikettenschwindel und Betrug". Wasserkraftwerke, Biodiesel- und Biogasproduktion drohen laut Eichelmann die letzten Juwelen der Erde zu vernichten. Aber nicht nur die Umwelt, auch das kulturelle Erbe stehe auf dem Spiel, so das Ergebnis seiner Recherche.

Erste Station der Reise: Brasilien im Amazonas-Regenwald mit dem größten Wassernetz der Erde. Dort soll am Rio Xingu das weltweit drittgrößte Wasserkraftwerk errichtet werden: Der Belo-Monte-Staudamm würde eine Waldfläche, die größer als der Bodensee ist, überschwemmen, damit 200 Fischarten bedrohen und 20.000 Indios ihren Lebensraum nehmen. Auch die Klimabilanz falle, so der kritische Umweltschützer, negativ aus: Die im Wasser stehenden toten Bäume setzen beim Verrotten Kohlendioxid frei, die Baumstümpfe unter Wasser Methan.

Kulturzerstörung im Tigris-Tal

Nächster Stopp: Türkei, Tigris-Tal. Dort wird die Ilisu-Staumauer gebaut, der Tigris umgeleitet. 100 Orte, darunter auch die älteste Stadt Anatoliens, Hasankeyf, würden im Stausee untergehen, und die Wiege unserer Kultur  würde zerstört, berichtet der langjährige Naturschützer. Im Süden des Tigris, im Irak, würden die Mesopotamischen Sümpfe, "der Garten Eden", trockengelegt: "Die Wasserkraft ist nicht grün, sie produziert Wüsten", behauptet er.

Der dritte Drehtermin führt nach Europa, nach Norddeutschland: Die Kamera schwenkt über riesige Maisanbauflächen, die Grundlage für Biogas. Pro Jahr werden in Deutschland 200.000 Hektar Energiemais zusätzlich angebaut. Es entstünden "ökologische Wüsten", für die Milchbauern (in Schleswig-Holstein) wachse eine existenzbedrohende Konkurrenz zu den Biogasbauern heran.

Orang-Utans auf Borneo werden verdrängt

Zum Abschluss der Dokumentation geht es wieder in den Regenwald, nach Borneo. Die EU hat beschlossen, seinen Biospritanteil im Treibstoff auf zehn Prozent zu erhöhen. In Indonesien werden jährlich zwei Millionen Hektar Urwald gerodet, um Anbauflächen für Palmöl zu gewinnen. Dafür verlieren Orang-Utans ihren Lebensraum. Das Resümee nach 54 Minuten Film: Saubere Wasserkraft, Biogas und Biosprit zerstören nicht nur die Natur, sie leisten nicht einmal einen Beitrag zum Klimaschutz.

Einen Eindruck, den Georg Günsberg, Politik- und Strategieberater für Umweltthemen in Wien, so nicht gelten lassen kann. Denn der Antrieb der meisten im Film genannten Projekte sei nicht der Klimaschutz, sondern "Profitinteressen in massiv wachsenden Ökonomien und aufstrebenden Industriezweigen. Und das hat viel weniger mit der teilweise berechtigen Kritik an grünem Wachstum zu tun, als im Film resümiert wird." Aber auch die Verallgemeinerungen stören ihn. Selbst wenn "richtige Fakten und starke, emotionalisierende Bilder" gebracht werden, setze Eichelmann diese in einen falschen Kontext, indem er Klimaschutz pauschal mit Umweltzerstörung gleichsetze.

Zu wenig differenziert

Dieser Kritik schließt sich auch Politikwissenschafterin Melanie Müller an. Sie schreibt derzeit ihre Promotion an der Freien Universität Berlin über die Entwicklung der Umweltbewegung in Südafrika. Sie vermisst in Cli mate Crimes ebenfalls eine "differenziertere Sichtweise". So greife ihr etwa die Behauptung, der Bau von Staudämmen im Regenwald des Amazonasgebiets vertreibe indigene Gemeinschaften, zu kurz. Nicht der Klimaschutz, sondern mangelnde Rechtssicherheit sei Ursache für die Vertreibung.

Laut dem Fachjournal Water Resources Research trocknen schon jetzt – auch ohne den umstrittenen Ilisu-Staudamm in der Türkei – die Sümpfe im Zweistromland aus. Experten vom Center for Hydrological Modeling der University of California in Irvine fanden heraus, das seit 2003 das Grundwasser dort um 144 Kubikkilometer abgenommen hat.

Weiters hält es Müller auch für "schädlich und gefährlich, den Klimaschutz als Ganzes zu diskreditieren". Wenn etwa der Eindruck erweckt werde, dass Klimaschutz in erster Linie wirtschaftlichen Interessen diene, ein "Marketinggag" sei. (Kerstin Scheller/DER STANDARD, 28.3.2013)

  • Eichelmann zog es zu den Tatorten der grünen Energie.
    foto: der standard/regine hendrich

    Eichelmann zog es zu den Tatorten der grünen Energie.

  • Das riesige Belo-Monte-Wasserkraftprojekt in Brasilien ist im Bau: 500 Quadratkilometer Regenwald werden im Stausee untergehen.
    foto: reuters/stian bergeland/rainforest foundation norway

    Das riesige Belo-Monte-Wasserkraftprojekt in Brasilien ist im Bau: 500 Quadratkilometer Regenwald werden im Stausee untergehen.

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