Hermès-Chef: "Ich mag das Wort Luxus nicht"

Interview28. März 2013, 05:30
159 Postings

Konzernchef Patrick Thomas über den Sinn der Reichensteuer, den Fehler, an die Börse gegangen zu sein, und die Zucht der Krokodile

STANDARD: Hermès verkauft Lederjacken, die bis zu einer Million Euro kosten. Sie sind von Luxus, vermögenden Menschen umgeben ...

Thomas: Sie müssen bei Hermès nicht eine Million Euro ausgeben, es können auch tausend sein oder weniger als hundert. Wir sind traditionell für viele zugänglich. Ich mag auch das Wort Luxus nicht, es klingt so künstlich, glamourös, das ist nicht unsere Welt. Wir betreiben viel Aufwand für Qualität, für Rohmaterial und Know-how.

STANDARD: Wie bleibt man in dieser Welt auf dem Boden?

Thomas: Ich persönlich führe kein luxuriöses Leben. Mein größtes Vergnügen ist nicht ein Flugzeug oder ein riesiges Anwesen, sondern die Vogelbeobachtung in der Natur. Und sie kostet nicht einen Cent. Ich golfe auch nicht, sondern fahre lieber mit dem Rad.

STANDARD: Gewinn und Umsatz bei Hermès boomen seit Jahren. Trifft die Krise die Reichen nicht?

Thomas: Es gibt weltweit einen großen Zuwachs an sehr wohlhabenden, zugleich leider auch an sehr armen Menschen. Als Bürger bedauere ich das, als Manager erachte ich es als gut für unser Geschäft. Die Krise trifft aber auch Vermögende. Läuft es an der Börse nicht gut, sehen wir das in unseren Büchern. Es ist ein psychologisches Geschäft. Unser Job ist es, Kreativität sicherzustellen, alle sechs Monate Neues zu entwickeln, um Leute in die Geschäfte zu bringen.

STANDARD: Was denken Sie über die Debatte rund um Reichensteuern? Frankreich agiert hier ja sehr offensiv.

Thomas: In Zeiten wie diesen ist es sinnvoll, von Wohlhabenden höhere Beiträge einzufordern. Sie können nicht Arme bitten, für Reiche zu zahlen. Wird das Volumen an Einnahmen dadurch aber insgesamt reduziert, wie es derzeit in Frankreich passiert, dann wird es kontraproduktiv. Ein Steuersatz von 75 Prozent wäre ein Fehler, denn viele Menschen verlassen deswegen das Land. Die Reichensteuer sollte erträglich und akzeptabel bleiben.

STANDARD: In Europa sollen Managergagen begrenzt werden. Ein guter Plan?

Thomas: Die Gehälter mancher Manager mögen verrückt sein, es ist jedoch nicht Aufgabe des Staates, darüber zu entscheiden. Auch Börsenexperten, Fußballspieler und Schauspieler verdienen sehr viel Geld. Und fragt hier jemand nach Moral? Nein, ganz und gar nicht. Es geht um Angebot und Nachfrage. Gibt es eine einzige Romy Schneider, dann wird sie besser bezahlt sein, als wenn es ihrer hundert gäbe.

STANDARD: Wie viel verdienen Hermès-Mitarbeiter in der Produktion? Zumal eine Handtasche so viel wie ein kleines Auto kosten kann ...

Thomas: Bei Boeing, die Flugzeuge um 800 Millionen Euro verkaufen, bei Juwelen, Luxusautos - stellen Sie hier dieselbe Frage?

STANDARD: Auf jeden Fall.

Thomas: Es gibt verrückte Preise, die ich selbst nie bezahlen würde. Aber geben reiche Menschen für schöne Dinge viel aus, tut dies der Wirtschaft gut. Denn der Staat verdient mit. Wir sind in der glücklichen Lage, ein gesundes Unternehmen zu haben, das Geld verdient. Und davon profitieren auch unsere Mitarbeiter. Gutes Geld muss zirkulieren.

STANDARD: Stimmt es, dass Sie die Fertigung stoppen, wenn ein Produkt zu erfolgreich auf dem Markt wird?

Thomas: Ja, das passiert recht häufig. Wir ersetzen es dann durch ein neues. Sehen Sie die Tasche dort hinten? Sie ist aus Krokodilleder; in sechs Monaten werden Sie sie nicht mehr finden.

STANDARD: Schade eigentlich um ein gutes Geschäft für Hermès.

Thomas: Ja, aber wir wollen nicht, dass jeder diese Tasche besitzt. Vielleicht dieselbe Form, aber von anderen Krokodilen, in anderen Farben, aus anderem Leder. Unser Ziel ist es, jede Banalisierung zu verhindern.

STANDARD: Ist es Strategie, dass Ihre Kunden manchmal zwei Jahre auf einzelne Taschen warten müssen?

Thomas: Nein, mich beschämen Wartelisten, ich bin nicht stolz darauf. Wir erleben starke Nachfrage. Wer flexibel ist, verlässt unser Geschäft mit einer Tasche. Für eine Birkin-Bag aus gelbem Krokodilleder Größe 35 müssen wir jedoch erst die geeignete Haut finden. Ein Freund von mir bestellte vor vier Jahren eine große Doktortasche aus rotem Krokodilleder. Ich muss ihn weiterhin vertrösten. Denn wir müssen erst auf eine Haut warten, die die richtige Größe und Farbe hat. Unsere Kunden haben dafür aber Verständnis.

STANDARD: Hermès züchtet selbst Krokodile. Diese werden angeblich getrennt voneinander gehalten, um einander nicht zu beißen, was die wertvolle Haut zerstören würde ...

Thomas: Das stimmt nicht. Sie leben in Gruppen zusammen, führen ein sehr natürliches Leben. Wir haben Farmer als Partner, die in der Haltung strenge Regeln befolgen und die gefährdeten Arten schützen. In den USA etwa muss ein Teil der Tiere in die Wildnis entlassen werden. Die Haut wilder Krokodile nutzen wir fast nie.

STANDARD: Was macht Krokodilleder eigentlich so begehrenswert?

Thomas: Das müssen Sie unsere Kunden fragen. Ich kann das nicht beantworten, ich besitze kein Produkt aus diesem Leder. Nein, warten Sie, bis auf mein Uhrband.

STANDARD: Wie hält man einen Konzern über sechs Generationen zusammen? Familien wachsen in der Regel schneller als Unternehmen.

Thomas: In unserem Fall wächst das Unternehmen schneller als die Familie. Es gibt extrem starken Zusammenhalt innerhalb der Familie - auch seitens jener Mitglieder, die selbst nicht für Hermès arbeiten. Sie wollen nicht mehr Geld, sondern den Konzern weiterentwickeln.

STANDARD: Lässt sich nicht jede noch so starke Festung sprengen? Auch der französische Milliardär und Investor Bernard Arnault hat es versucht.

Thomas: Jeder würde gern Hermès kaufen. Wir sind wie eine schöne Frau, die von vielen Männern umworben wird. Aber die Familie will nicht verkaufen. Und Angriffe von außen verstärkten diesen Zusammenhalt nur noch.

STANDARD: War der Börsengang die falsche Entscheidung?

Thomas: Es war ein Fehler. Wir hätten mit diesem Geschäft nicht an die Börse gehen sollen. Wir taten es 1993 aus einem ganz einfachen Grund: Jeder Luxuskonzern setzte damals auf externes Wachstum und Akquisitionen. Fälschlicherweise dachten wir, dass wir den gleichen Weg gehen müssen. Was nicht der Fall war, da wir stets außerordentlich profitabel waren.

STANDARD: Hermès wächst vor allem in China stark. Was macht das Land für Luxusmarken so reizvoll?

Thomas: Mehr und mehr Chinesen können sich unsere Produkte leisten. Wir haben dort großen Erfolg und die längsten Wartelisten. China hat zudem eine lange Tradition des Handwerks. Wir beleben mit der chinesischen Marke Shang Xia einige dieser Traditionen neu.

STANDARD: Sie sind der erste Konzernchef von Hermès, der kein Familienmitglied ist. War das manchmal auch von Vorteil?

Thomas: Der große Vorteile von Familienkonzernen ist, dass sie ihre Vision nicht mit jedem neuen CEO ändern. Ich habe mich immer als Teil der Familie gefühlt. Man gab mir diese Position, weil man mich als ihr Mitglied akzeptierte. Für meine Arbeit relevant war das jedoch nie. Man muss Familienkonzerne so führen, als ob man kein Familienmitglied wäre. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 28.3.2013)

Patrick Thomas (65) ist Vorstandschef des Pariser Luxuskonzerns Hermès und war anlässlich der Eröffnung der renovierten Hermès-Boutique am Graben in Wien. 2012 stieg der Umsatz des 175 Jahre alten Unternehmens um 23 Prozent auf 3,48 Milliarden Euro, der Gewinn legte um 26 Prozent auf 1,12 Milliarden zu. Die Wurzeln des Edelausstatters liegen in der Sattlerei, heute ist er vor allem für Seidentücher und Taschen bekannt.

  • Er sei nicht stolz darauf, dass Kunden auf manche Hermès-Produkte mitunter einige Jahre warten, sagt Konzernchef Patrick Thomas. Aber für eine Birkin-Bag aus gelbem Krokodilleder müsse erst die geeignete Haut gefunden werden.
    foto: standard/christian fischer

    Er sei nicht stolz darauf, dass Kunden auf manche Hermès-Produkte mitunter einige Jahre warten, sagt Konzernchef Patrick Thomas. Aber für eine Birkin-Bag aus gelbem Krokodilleder müsse erst die geeignete Haut gefunden werden.

Share if you care.